Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 16 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- Seite 236 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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236 guten Geschichte des Ghetto veröffentlicht hat, eines schönen Tages aus Rom verschwunden ist, ohne daß inan die Gewißheit hatte, daß die von ihm zusammciigcbmchtcn reichen Materialien zur Ghetto- Geschichte in Sicherheit gebracht wären. Natali war Administrator und Mitarbeiter des Journals l.o Trlliooo" und ist im vergangenen Sommer durchgcgangen. Daß sich die Juden Roms seit Untergang deS Duinimnn leinporiilc im Jahre 1870 vermehrt haben, ist bei dem Umstande leicht begreiflich, als unter der Herrschaft des Papstthums diejenigen unter ihnen, die es zu einigem Wohlstände gebracht hatten, anszuwandern gcivohnt waren; denn während sie in Roin in ihrer Bewegung sehr gehemmt wurden, waren sie unter der toleranteren Herrschaft des Großherzogs von Toscana völlig frei, und so zog cs sic ganz besonders nach der reichen toscanischen Handelsstadt Livorno, wo noch heute eine der prächtigsten Shnngogen der Welt anzntreffcn ist. Diese» vor mehr als 800 Jahren begründete Gotteshaus ist in seiner jetzigen Gestalt ein Werk des Anfangs des XVII. Jahrhunderts. Mancher in Livorno ansässige Jude ist ein Nachkomme afrikanischer Ahnen. Auch ein Zweig der Familie Franchetti, dieser italienischen Rothschilds, stammt von nus Tunis ausgewanderten Juden her. In der Toleranz, welche die großhcrzoglichc Regierung den Andersgläubigen gegenüber übte, war cs gelegen, daß sich die Juden in Toscana in einer Zeit, als Papstthum und Duodezfürsten sich anderstvo bedrückten, zu Wohlstand entwickelten. Besieht man heute die Synagoge in Florenz — dieselbe ist in der Nähe der Piazza d'Azeglio gelegen —, so muß man über die Stattlichkcit dieses maurischen Kuppelbaues erstaunen. Die Judengemeindc von Florenz hat heute an 25oo Seelen, während die von Livorno ungefähr 4000 zählt. In letzterer Stadt werden hebräische Druckwerke veröffentlicht und erscheint and) ein die Interessen des italienischen Jndenthums vertretendes Organ. Bon sonstigen toscanischen Judengemeinden nennen wir Pisa mit über üoO. und Siena mit 300 Seelen. Einstmals war Padua die Hochschule der Juden Italiens, denn dort lebte vor wenigen Jahrzehnten der große Orientalist S. D. Luzzatto, der einen europäischen Namen hatte; jetzt hat Mantua die Nachfolge Paduas augctreten. In jener Stadt lehrt jetzt Rabbi 'Marco Mortara. An der Geschichte des freien Toscana liegt eS, daß diese Provinz die meisten Juden hat. 'An zweiter Stelle figurirt Piemont; die Tnrincr Judengemeindc zählt über 2500, die von Easale 800 Seelen. Die Provinz Rom steht an dritter Stelle, und die Seelcnzahl derselben erschöpft sich in der Hauptstadt; denn in der Eampagna stößt man in den kleinen, aus den Hügeln gelegenen Städtchen nur auf vereinzelt wohnende Juden, die ihre Tobten stets nach Rom zur Beerdigung befördern. Die römische Jndengemeinde aber zählt an (looo Seelen. In diesem Augenblick macht sie eine große Metamorphose durch. Die Mauern des Ghetto sind gefallen, und eine der chrtvürdigstcn und furchtbarsten Stätten des Elends und der Tragik ist nicht mehr. Und doch beklagen es viele von den einstigen Ehettobewohncrn, daß eine freiere Geistesrichtung und ein liberales politisches System den Kerker gesprengt hat, der einstmals die Prügelknaben des Papstthums beherbergte. Es giebt eben Menschen, die sich auch mit ihrem Elend ausgcsöhnt und mit der Nacht befreuildet haben; mm kommen sie an's freie Tageslicht breiterer Gassen und Straßen und sehnen sich von Trastevere zurück nach den mageren Fleischtöpfen des Ghetto. Oder sie pilgern gar manchmal von den neuen Quartieren am Monte Testacciv zum Tiber hin, um sich dem Schutte ihrer alten Quartiere pietätvoll zu nähern. Da mögen sie, die Wässer von Babel in die Wässer von Roma übersetzend, singen: „An den Wässern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir Zions gedachten. Unsere Harfen hingen an den Weiden . . . denn wie sollten wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?" Für manche Unglückliche, die im Ghetto geboren und im Ghetto grau geworden, sind eben die fernen, freien, luftigen Quartiere Roms ein fremdes Land, wo mau nicht singen darf ein „Lied von Zion".!'.!>. Ätast zu! Von Victor Hugo, deutsch von Emanucl Gei bet. Blast zu, blast immer zu, Posaunen der Idee! Als Josua sinnend einst, das Haupt zur Himinelshöh' Gekehrt, um Jericho, in brünstigem Gebet Posaunen schmetternd zog, ein zürnender Prophet,; Erhub beim ersten Zug der König ein Gelächter;! Beim zweiten lacht' er fort und rief: „D wackrer Fechter! j So willst du meine Stadt umblasen sonder Gnade?"! Und als zum dritten Mal im Zug die Bundcsladc I Und der drommetenden Leviten Ehor erschien, Ta liefen Kinder her, die nach den Heil'gen spien, Nachüffcnd mit dem Mund der Tuba dumpfes Dröhnen. Bciin vierten Zuge drauf, um Aarons Stamm zu höhnen, Erstiegen Kopf an Kopf, den Rocken in der Hand, Die Weiber Jerichos der Mauer Zinnenrand Und warfen Stein um Stein den Juden nach zmn Spotte; Den fünften Zug empfing laut lärmend eine Rotte! Bon lahm und blindem Volk, das kreischend einen Schwall Bor Lästerungen schrie in der Posaune Schall; Beim sechsten endlich sah vom Thurm, so hoch und fest, Daß seine Spitze, drauf der Aar gebaut sein Nest, . Dem Blitz zu trotzen schien, zu spotten des Berfalls, j Ter König noch herab und lacht' aus vollem Hals, 5 lind rief: „Traun, auf Musik verstehn sich die Hebräer!" i Und um ihn lachten rings die Weisen und die Seher;; Drauf saßen sie zu Rath in ihres Tempels Hallen -! Beiin siebenten Zuge sind die Mauern eingefallen.! * Litterarische Mittheilungen.! In dem Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Rosen zw ei gl j „Jerusalem und Cäsaren" in Nr. 9 dieses Blattes wird die bekannte I Ermahnung R. Abbahu's an seinen Sohn Chanina, in Liberias über! der Erfüllung religiöser Vorschriften, zum Beispiel den Verstorbenen! gegenüber, nicht das Gesehesstudium zu vernachlässigen, angeführt. - R. Äbbahu schreibt seinem Sohne: (Pes. jer. 301 >?) 2^22 TflrbtP was Herr Dr. Rosenzweig überseht: j „Sind nicht' genug Gräber iu Eäsarea, daß ich dich deshalb nach Liberias hätte schicken müssen?" Aber die Bewohner von Cäsaren i pflegten ihre Todten überhaupt nicht iit der Stadt selbst, sondern indem l benachbarten '2 zu begraben. (Jer. nach znMoed. Kat. 3, i Per. S. 22a.) R. Abbahu sagt also: „Habe ich dich etwa aus dem; Grunde nach Liberias geschickt, weil es in Eäsarea keine Gräber giebt?" Diese Erklärung meines verehrten Lehrers, des Herrn Seminarrabbiner Dr. I. Lewh, spricht für sich selbst. Ein Mitglied des „litterarischen Vereins jüdischer Theologen" in Breslau. «vPT0 Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.