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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-02 · Heft 16 (2.5.1890) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 16 (2.5.1890)
Date
1890-05-02
Page
Seite 234 (sequence 10)
Language
German
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234 „So kommc spätestens in einer Stunde in die Weinstube zu N." besohl er ihm, „wo Tu mich bereits finden wirst, ober bringe Dir so oicl Scheiben mit, als nur Tu und Tein Gchülse trogen kannst, denn ich Hobe dort sehr viel Arbeit für Dich — verstanden?" Ter Glaser verstand, und eine Stunde später erschien er mit seinem Gehülfen in der betreffenden Weinstube, Beide die Hände mit Scheiben beladen in allen nur möglichen Größen. „Wo befehlen der allergnädigste Herr?" fragte er den bereits dort wartenden Grafen. „Nun, eben hier, wo Tu bist!" „Hier?" wiederholte der Glaser befremdet, der sich nach allen Seiten in der Stube umsah, „hier fehlt ja keine einzige Scheibe!" „Aber Dir Hungerleider fehlt cs mit Weib und Kind an Futter, und da werden schon auch Scheiben fehlen müssen. — Verstehst?" Und der Glaser verstand schon wiederum, denn der Graf erhob seinen dicken Keilenstock und fuhr mit demselben gegen eine Scheibe los, das; diese klirrend in Stücke auseinanderflog, und von dieser ging es zu einer andern, und darauf wieder an eine andere, bis alle Scheiben der Fenster und Schränke zertrümmert waren. „Siehst Tu," sagte darauf der Graf unter lautem Lachen, „siehst Tu, wie wir uns Rath zu geben wissen. — Jetzt fas; an, Glaser, aber nur rasch!" Der Glaser brachte seine Scheiben bis zu der letzten an, dann, als ihin noch einige zurückblieben, zerschlug der Graf mit seinem Keilenstock aufs Neue einige frisch hineingcsctztc Scheiben, bis der Glaser auch die letzte anbrachte. „Fetzt," ries ihm der Graf zu, als er mit seiner Arbeit fertig war, indein er ihm dreißig Gulden hinwarf, „jetzt geh' mit Deinem Verdienst Deine Jungen füttern!" Ein anderes Mal wieder ritt er aus seinem weißen Rappen aus dem Marktplatze herum und sah, wie unter den Händlerinnen, die dort ihren Sitz hatten, eine arme Jüdin mit heiserer, beinahe eingetrockneter Stimme aller Welt ihren Kran» von irdenen Töpfen und Schüssel» ausbot, ohne auch nur einen Heller zu lösen. Da bemächtigte sich seiner wieder jenes Gefühl von Mitleid, und seine Reitpeitsche schwingend sprengte er mit einem Satze mitten unter die Töpfe und Schüsseln hinein, daß diese im Nu in tausend Scherbeustücke zerstampft waren. Die arme Jüdin riß >veit den Mund auf, aber nur um freudig auszurufen: „Dank dem allergnädigsten Herrn!" Denn bevor sie Zeit hatte, einen Schrei oder eine» Fluch auszustoßcn, lag eine Fünfzigerbanknote ihr zu Füßen — das Zehnfache von dem Werthe ihres ganzen Krams. Warum der Graf diese barocke Art für seine Wohlthaten gewählt hatte, darauf gab es überall nur eine Antwort: „Weil er eben der verrückte Graf ist!" Er selber hatte freilich ein anderes Motiv dafür. „Bei mir", sagte er immer, wenn darauf die Rede kenn, „bei mir gilt die Parole: leben emd leben lassen! Ich will wohl den Armen und Dürftigen Helsen, aber aeech ich will dabei leben und mir ein ergötzliches Stündchen mache», und wenn so Töpfe und Scheiben in Trümmer auseinanderfliegen, jo habe ich meine Passion daran. Uebrigens will ich auch, das; die Leute ihren Kreuzer verdienen und nicht erbetteln. Im Allgemeinen kommt aber auch meine Zerstörungslust Bielen zu statten: dem Fabriksherrn, den Arbeitern und den Glasern. Das wäre mir aber auch eine schöne Sache, wenn sich da Niemand finden sollte, der die Scheiben zerstörte. Ta müßten die Fabriken bald ihren Betrieb einstellen! Und was geschieht dann mit dei^viclen armen Arbeitern? So ist eS einmal im Leben, der Eine hat de» Beruf, zu schaffe», und der zweite, zu zerstören, das gleicht sich aus!" Dieser verrückte Graf war es auch, den die Vorsehung dazu bestimmte, unserem schwarzen Ahrale auf die Beine zu helfen! Es war am schönen Wochenfeste. Alle jüdischen Häuser schmückte» sich, wie alljährlich, mit dem freundlichen Grün der Blätter, und iu den Fenstern prangten die allerschönsten „Rösclech". Tie Reiche» wetteiferten miteinander, indem sie fast jede Scheibe mit einem anderen „Rösele" schmückten. Mendele Schwimmer gar, der bekannte Emporkömmling der Stadt, that eins drüber und hing einige Tausender-Banknoten zum Fenster hinaus, als wenn er sagen wollte: „Das sind meine „Röselech"!" Das arme Schneiderlein, der Vater des schwarzen Ahrale. verfügte natürlich nicht über solche Röselech wie Mendele Schwimmer, und deshalb sagte er zu seinem Sohne: „Das ganze Jahr über haben nur von Deinen Klexcrcien nur Kummer und Acrgerniß, so laß uns auch einmal etwas Nutzen von Tir habe» — geh', häng' uns etwas von Deinen Malereien in das Fenster hinein." Ahrale lies; es sich zweimal nicht sagen und schmückte die niedrigen, versunkenen Fenster des kleinen Härischens mit den schönste» Bildchen, die er hatte. Brariche ich da zu erwähnen, daß kann: ein Einziger von der großen Menge den Rösclech des schwarzen Ahrale irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt, und daß sie dafür in helle» Haufen vor dem Hause des Mendele Schwimmer sich ansammelten, wo die Tausender in den Fenstern prangten? Aber cs fand sich dock bald Einer, der vor dem niedrigen Häuschen des Schneidcrleins bc lvundernd stehen blieb, und dieser war — der verrückte Graf. Auf de» Arm eines seiner Freunde gestützt, kam er wie gewöhnlich langsamen und schleppenden Schrittes in die Judeugassc, wo er hier und dort einen Blick hinwarf. „Was ist das aber für eine Bildergallerie. die meine Juden heute ausstellen!" lachte er, aber er gcrieth alsbald wieder in aufschäumenden Zorn, als er zu Mendele Schwimmer i» die Fenster hineinsah. „So pack' Tir Deine Flunkerei zusammen, Du Windbeutel!" schrie er mit heftiger Stimme ihm durch'-) Fenster zu, indem er drohend seinen dicken Stock zu ihm erhob, so daß der arme Schwimmer, zitternd wie Espenlaub, hastig seine Ta» sender zusammenraffte und mit ihnen sofort vom Fenster verschwand. Ganz anders vor den Fenstern des armen Schneidcrleins, da blieb der Graf auf einmal wie festgebannt stehen. „Aber schau doch ein mal her," rief er seinem Begleiter zu. „Wie kommt nur der Jude zu solchen Bildchen? Bei Gott, die zeigen Talent, ausgesprochenes Talent, allerdings noch unreif, aber große natürliche Begabung! Krcuzdonnerwettcr noch einmal! Was für ein Rosenstrauch! Und jener rauchende Berg! Ta wette ich, in dem, der das gemalt, steckt eine Künstlerseele — muß doch einmal nachsehn!" Und dabei bückte er seine stolze Gestalt und trat mit seinem Begleiter durch das niedrige Thor zu dem Schneiderlein in die Wohnung. Bei seinem Anblick gcrieth die kleine Welt, die sich hier tummelte, in die größte Verwirrung. Das vor Ueberraschung über die Stirne roth gewordene Schneiderlcin riß sich hastig das Käppchen vom Haupte und machte auf einmal zwanzig Bücklinge, so das; er wie ein lebendiges Perpetuum Mobile anssah. Sein Weib lief wie besessen hin und her, ohne zu wissen, was sic mit sich anfangen solle, und die im Zimmer anwesenden Kinder schlüpften wie die scheuen Mäuschen ein jedes in ein anderes Loch hi». „Chajim, Mosche, Feiwisch, oder wie Du sonst heißt," sprach inzwischen der Graf in seiner Weise das Schneiderlein an, „sag' mir wer Dir die Tinge dort an den Fenstern angemalt hat?" Das Schneiderlein kratzte sich verlegen im Kopfe; es wußte nicht, ob cs vvrtheilhafter ist, die Wahrheit zu gestehe» oder zu verleugnen — endlich brachte es zaghaft hervor: „Mein Jüngcl, allergnädigster Herr Graf!" „Dein Jüngel? So laß es einmal sehen, dieses Jüngcl!" Das Schneiderlei» schleppte alsbald das sich sträubende schwarze Ahrale vor den Grafen hin.

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