Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 16 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- Seite 233 (sequence 9)
- Language
- German
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233 würde er sich in einem europäischen Zeitungsblatte als rühmlichst be-! tanntcr Historienmaler verzeichnet sehen!! Wie aber kam überhaupt das schwarze Ahrale dazu, damals solche , herrliche „Röselech" zu malen? Ja, wer das genau erfahren will, i der beliebe bei der Biene anzufragen, wer sic gelehrt hat, ihren Honigseim zu erzeugen, bei den Vögeln, von wem sie cs gelernt; haben, so kunstgerecht ihre Nester zu bauen, bei den Bäumen, sich an jedem neuen Frühling mit Blättern und Blüthen zu schmücken, bei : pen Blumen, sich so farbenprächtig jedes Jahr herauszuputzcn, und : i'ci den Lerchen, so wunderbare Lieder zu singen — dieselbe; straft, die jene treibt und drängt zu schaffen, zu blühen, zu duften und so frisch in die Welt hmcinzusingcn, trieb und drängte auch das schwarze Ahrale, seine „Röselech" zu malen; denn von feinem Vater Umittc er cs nicht gelernt haben, der ja nur Flickschneider war, ebenso wenig auch von seinem Großvater, der zeitlebens in der Klaus hockte; möglich wohl, daß diese Kraft sich ihm von seinem Urgroßvater vererbte, aber Jenein hat der Zufall nicht so glücklich mitgcipielt wie seinem Enkelkinde, dem schwarzen Ahrale, weshalb jener; göttliche Funken in ihm verglommen und erloschen ist, so das; Nie- ■ wand von demselben später etwas erfahren konnte. Auch aber das schwarze Ahrale hatte genug zu kämpfen und zu | leiden, bevor jener Zufall seinem Leben eine so glückliche Wendung j gegeben hat, denn gegen die ihm innewohnende treibende und drän-! gendc Kraft erwachte eine andere, die sie im Keime zu ersticken sich l bemühte, und diese war keine aiidere als die seines Mclamedst, j ,mcS knöchernen Männleins mit wildrollenden Augen und eisernen f siausten, von denen das schwarze Arahle fast jeden Tag einige Kraft-! groben erhielt, daß sich ihm schier die Glieder verrenkten. j „Wart'!" knirschte das wüthcndc Männlein, als cs ihn einmal! oobet erwischte, wie er während seines Vortrages aus dem Talmud verstohlen auf ein Papier, das er auf dem Schvoße hielt, einige Fi-! garen hinzeichncte, „wart', ich will Dir mit dem da was aufmalen!"! und jach sauste das Pfeifenrohr in seiner Hand über den Rücken i des armen Ahrale. „Und nun weiter!" fuhr drauf der Wütherich! mit singender Stimme in seinem Vortrag fort: „Ein Ei, das gelegt j wurde am Feiertag!" j „Ein Ei, das gelegt wurde am Feiertag" wimmerte ihm das! ichivarzc Ahrale mit weinerlicher (Stimme nach lind verwünschte in ieincul Herzen das fatale Ei bis in das zehnte Geschlecht hinein, das inst am Feiertag in die Welt kommen nilißte, um ihm so viel Leid j und Schmerzen zu verursachen, aber kaum daß einige Augenblicke vorüber waren, vergaß das schwarze Ahrale schon wieder den wüthenj een Mclamed mit seinem wuchtigen Pfeifenrohr und behielt nur noch; die Henne mit ihrem Ei in gutem Andenken, indem inzwischen auf; vem Papier, das er schon lvicdcr hervorholte, eine hockende Henne; entstand mit aufgeblasenen Federn und gespreizten Flügeln, die sich j eben eifrig damit beschäftigte ein Ei zu legen. ...! Zu Hause hatten auch die Eltern mit dem schwarzen Ahrale j ihre liebe Roth: Tag lind Nacht nur schmiereir und klcxen, f bald auf dem Tisch, bald auf der Bank und bald wieder ans den! Wänden, daß nirgends ein Stückchen Platz rein zu sehen ist. Das ist! ihm gar nicht mehr alis den Gliedern zu bringen, nicht mit f Worten lmd nicht mit Schlägen! Was soll aus dem Jungen j eigentlich werden? Hütte er wenigstens so einen Hang zum Schnitzen, >um Schreiben, zum Nähen, zum Baumeistern, so ließe sich doch hoffen, aus dem Jungen wird ein Tischler, ein Schneider, ein Schreiber, oder ein Baunleister iverden — zum Mindesten etwas, was Einen; Vrod giebt, aber so eine Schmiererei, wer braucht sie, wem nützt sie? j st seines Talmudlehrers. i Wahr ist cs allerdings, der Junge malt Ratten, daß man sic lebend vor sich zll schci; glaubt, aber fehlt cs beim der Welt an Ratten, daß der uns noch welche hinzumnlen braucht? Er malt auch Bäume, ganz wie man sie in den Wäldern sieht, aber haben wir denn nicht genug Bäume, daß der uns noch einige auf Papier vorschmierc? Von den echten hat man lvenigstens Holz zum Heizen, aber so ein gemalter Baum, wer kann von ihm Nutzen haben? Ein wahres Unglück mit dem Jungen, er ist rein wie besessen! Einmal gar mußten wir alle seine Kollegen seinetwegen vom Pfeifenrohr unseres Rabbi kosten, mehr als cS uns lieb war. Einmal nämlich, als der Rabbi das Talmudbuch des schwarzen Ahrale öffnete, machte er solche verblüffte Augen, daß wir Alle, von einer unwiderstchlichcn Neugierde angezogen, uns zu unserem Rabbi hindrüngten, um zu sehen, was ihn so sehr in Erstarrung brachte, und siehe, von der Innenseite des Einbanddeckels blickte uns entgegen die gemalte Figur unseres Rabbi in täuschender Achnlichkeit und mit einer solchen Komik ausgcführt, daß wir Alle in ein lautes Gelächter ausbrachen. Das Bild nämlich zeigte unseren Rabbi just in dem Augenblicke, wo er mit seinem Pfeifenrohr aus einen von uns losstürzte, mit Schaum vor dem Munde und mit aufgebüumten Petes und Bartspitzcn, als wollten sie mit ihm davonflicgen, und da fliegt just auch das Sammtkäppchen ihm vom Haupt und enthüllt auf demselben ein blühendes Geheimnis;, das er der Welt immer zu verheimlichen suchte. Das laute Gelächter, das wir bei diesem kölnischen Anblick erhoben, brachte das ohnedies erregte Blut unseres erzürnten Rabbi noch mehr in Wallung, so daß er wie ein gereizter Bär sich auf uns stürzte und Hieb auf Hieb mit seinem Pfeifenrohr unter u»S vcrtheiltc, worauf er den Urheber, das schwarze Ahrale, mit beiden Fäusten so zu verarbeiten anfing, daß ihm die Glieder trachten, wobei er unausgesetzt ihm mit kreischender Stiunne zurief: „Wart nur, lvart, ich werde Dir schon diesen Klextcufcl austreibcn, D» Hund!" Doch mit dem Austreiben wollte es dem guten Manne keineswegs so leicht gelingen, wie er es sich gedacht, lvas keiner von uns zu bedauern hat, am allerwenigsten das schwarze Ahrale selber. Ein jäher Zufall, der inzwischen kam, gab seinem Leben mit einem Schlage eine sehr glückliche Wendung. Dieser Zufall war in dem ganzen Städtchen bekannt unter dem Namen: Der verrückte Graf. Der verrückte Gräf war in dem Städtchen Geißel und Wohlthütcr zugleich, denn mit gleicher Freigebigkeit thcilte er Püffe, Maulschellen und reiche Spenden unter die Leute ans. Er galt allgemein als Sonderling, und in der Thal waren auch die Wohlthaten, die er übte, nicht frei von einer komischen Sonderart. Er stellte gleichsam die Hnmanität immer auf den Kopf und ergötzte sich daran, sic . ben mit den Beinen zappeln zu sehen. Aber auch in verkehrter Gestalt hörte die Humanität nicht auf, Humanität zu bleiben. Um dem Leser einen annähernden Begriff von seinem Wesen zu geben, will ich hier einige Episoden ans seinem Leben erzählen, die geeignet sind, ihn zu charakterisiren. Eines Tages, als er in der Jndcngassc wie gewöhnlich seine Streifzüge machte, bemerkte er einen armen Glaser, der mit mehreren Scheiben unter dem Arm in jedem Hause Nachfrage hielt, ob für ihn etwas Arbeit vorhanden sei, ohne auch nur ciucn einzigen Kreuzer zu verdienen. Da regte sich in ihm Erbarmen mit dem armen Manne. „He, Glasermeister," sprach er ihn an, „hast Du Dir heute schon etwas erarbeitet?" „Nicht einen Kreuzer, allergnädigster Herr Graf!" betheuerte der Arme, der ehrerbietig tief den Hut zog.