Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 16 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22f> sie allein tönnen wir auch auf diejenigen zahlreichen Preise tuirfen, welche leider schon außerhalb der Synagoge, aber innner noch innerhalb des Judenthums stehen. Hier ist ein gemeinsamer Boden, wo alle Kräfte zusammenwirken und in Eintracht an einem großen Ziele arbeiten tönnen. Nehmen wir uns auch nach dieser Richtung I)in unsere Altvordern zum Muster; ihr Interesse für die Wissenschaft des Judenthums, ihre Achtung vor den Trägern derselben wäre wohlgeeignet, auch uns Modernen zu imponiren. Was sie in ihrer Weise und nach ihren Anschauungen gehegt und gepflegt, das sollen wir, allerdings nicht in sklavischer Nachahmung, sondern vielmehr im Weifte der neuen Zeit ausbauen und fortführen. Es ist ein rührendes Wort, welches in den alten Synagoge:! der fromme Jude anl Abend des Bersöhnungstages ansspricht, wenn die Sonne ihre letzten Strahlen in das Gotteshaus sendet und er sein Gebet zum letzten Mal hinaufschickt, „ehe sich die Pforten des Himmels schließen". Da betet er nicht um den Wiederaufbau des Tempels, nicht für die versunkene Zionsstadt, nicht für seines eigenen Hauses Glück und Heil, sondern all' sein Sehnen und Flehen kouzentrirt sich in dem einen Ausruf, der Seufzer und Hoffnung, Klage und Vertrauen, Sehnsucht und Ideal zugleich ist: Ween lomi seliiur mk ha-thorah Imsotli. d. h. „Und nichts ist uns geblieben, als einzig diese Lehre!" Nun denn, auch uns ist nichts geblieben, als einzig diese Lehre, diese Wissenschaft des Judenthums! Sie lebt, nach einem schönen Worte von Leopold Zunz, auch wenn sich Jahrhunderte lang kein Finger für sie regte. Aber daß sie auch in uns lebe und in den: jungen Geschlecht bildend und fördernd fortwirke, daß sie uns Trost und Halt in den Stürmen der Zeit gewähre, dafür müssen wir sorgen, indem wir in allen israelitischen Gemeinden Vereine für die Geschichte und Litteratnr des Judenthums begründen. Nie Eonvertiten des Iudenthmns. Von Rabbiner Dr. G. Deutsch in äh'iir. IM. Wenn einer, der als Jnde geboren wurde, mit der Zeit den Beruf in sich fühlen lernt, ein Lehrer des EhristenthuinS oder, wie fchwärmerischc Verehrer NeanderS sage», ein Kirchenvater zn werden, wäre es für nns sehr wichtig, die Beweggründe feines Uebcrtrittes kennen zu lerne». Diese Gründe fehlen aber bei Neander, so das; wir einigerniasien Grund zn haben glauben, uni annehnien zu dürfen, das; Neander selbst die Erinnerung an diesen Umschwung in seinem. Denken nicht gern aufsrischte. Er schien es überhaupt vermeiden zu wollen, an sein ehemaliges Jndenthrnn erinnert zu werden. Der ganze Neander macht auf mich denselben Eindruck wie die Frau Kommcrzienräthin, die an dem Arme ihres Gemahl den Ahncnsaal eines Schlosses, welches der Herr Kommerzienrath unlängst von einem verschuldeten Sprossen eines alten Adelsgeschlechtes gekauft hat, durchlvandert. Seufzend blickt sie 311 diesen Männern mit anfgewirbeltem Schnurrbart, mit dem Federbarett ans dem Haupte, zu den Frauen mit thurmhoher Frisur und Mühlsteiiikrause ans und sagt: „Was gäbe ich darum, wenn das meine Ahnen gewesen wären!" Ebenso erweckt Neander in mir den Eindruck, daß er bei Anblick eines alten Küsters die Empfindung hatte: „Wenn der doch mein Vater wäre!" Er wollte wohl für das Ehristenthum so prädestinirt gelvesen sein, daß er sich gar nicht besinnen konnte, was ihn aus dem Iudenthnin heransgedrängt habe. Rasch genug ist diese merkwürdige Wandlung gekommen. Am :|o. Bpril 1805 hielt der sechzehnjährige Abiturient David Mendel seine Abschiedsrcde am Johannks-Gyipnasium über das Thema „die Aufnahme der Inden in den Genuß der bürgerlichen Rechte", und darin fordert der, für unsere Begriffe allerdings noch etwas junge Staatsmann die völlige bürgerliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Inden, und kein ganzes Jahr später, am 25. Februar 1806, heißt dieser eifrige Verfechter der Religionsfreiheit Johann August Wilhelm Neander, und wieder einige Monate später dankt er dein Pastor der St. Katharinenkirchc in Hamburg für die Aufnahme „in den heiligen Bund des höher» Lebens", den er diesem wvhlthätigen Herrn verdanke. Jetzt, da er fühlt, daß er „aus dem Scheinleben der Sünde zu dein wahren Bunde des Lebens gerettet geworden ist", will er auch alle die, „welche in irdischen Sinn verloren sind, aus dieser Ohnmacht wecken". Er verläßt das Studium der Jurisprudenz, um ein „Diener am Wort" zu werden. Nur seine eigeneil früher» Glaubensgenossen will er nicht gewinnen, weil er, so verinuthet Schulze, der Meinung ist, daß die Jiiden durch das tägliche Beispiel, welches die christliche Welt ihnen bietet, Anlaß genug hätten, den alteii Adam auszuziehein Mir erscheint aber gerade diese Scheu vor der Judcnbekehrung charakteristisch dafür, daß Neander den Judcnbekehrungcn nicht traute, und dazu muß er wohl seine Gründe gehabt haben. Schulze hat nun folgende Meinung über die Gründe der Wandlung, die sich in Neander vollzog. Er meint, das Gesetz Gottes, das diirch Moses gegeben ist, könne in uns nicht die Kraft des Willens wecken, daß wir „Gott den Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und allen unfern Kräften und unfern Nächsten als nns selbst"; viel mehr könne das Heil nur dann kommen, tuen» wir auf den hören, welcher als Knecht Gottes „unsere Krankheiten trug und unsere Schmerzen ans sich lud", denn das Bedürfnis; nach neuen Propheten sei unleugbar vorhanden, und dieses Bedürfnis; habe sich nicht durch Moses Mendelssohn befriedigt fühlen können; das Iudenthnin von heute sei aber nicht nur nicht das Volk Gottes, sondern ein Voll init selbstgemachter Religion, welches die jeweiligen Zeitanschanungen sich willkürlich zu eigen machte; dieser Gedankengang habe aus David Mendel einen August Neander geinacht. Leider kann nns diese ganze Beweisfiihrnng nicht genügen, weil sie von Anfang bis zu Ende falsch ist. Es ist falsch, daß das Gebot Gottes uns nicht lehren könne, Gott den Herrn zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele uiid von ganzem Vermögen und unsern Ncbenmenschen wie uns selbst, denn bas Gebot Gottes hat uns dies gelehrt. Rabbi Akiba, der unter den Folterqualen des Henkers ansrief: „Ich danke dein Herrn, daß er mir cs gegönnt hat, zn erfüllen sein Gebot, du sollst ih» lieben mit ganzer Seele", zeigt uns ebenso die wirksame Macht des göttlichen Gebotes, wie die tausende und abertausende von Märtyrern, welche das Judenthnni im Laufe seiner Geschichte erzeugte, und welche alle die Güter des Lebens für irichts schätzten gegenüber dein höchsten Gute, das uns in der Befolgung des für wahr Erkannten, d. h. i» der Erfüllung des göttlichen Willens erblüht. Freilich wird nun ein christlicher Pastor der Theologie sagen, das; alle diese Männer iln Leben für einen Jrrthum gelassen haben, aber das ist doch gleich giltig, denn gerade das Ehristcnth»», legt ja den höchsten Werth! darauf, das; der Mcnsch immer ein irrender Sünder bleibe, daher ihm nur das für wahr Erkannte als Wahrheit gelten kann, dar' und muß. Wir wollen unseren Nebeninenschen lieben wie uns selbst. War cs nicht Hillel, der dieses Gebot für dasjenige erklärte, ü> welchem alle anderen Gebote Gottes ausgehend Hat rricht etwa das Iudenthnin bis aus den heutigen Tag durch einen wahrhaft aus opfcrnngswürdigen Wohlthütigkeitssinn die wirksaine Kraft dieses Gebotes bethntigt? Hat nicht umgekehrt das Ehristenthnin trotz der stc -klave pifinde saure 1 selbst 1 naurig;a Gm dein w Ft rGvid der, wi lanntc, UHU'. Guten äußerer -bum I inan di loininci u'-edank tzeere i man d t and, de,» K 'ür die Me Di eie Fre n, der nrnng Ottern, uifuhre uns Sc! diesen, rechtign Bi dijchen loeise" - euch bi geduld der Re lnbpach Gldnnc daun ,v die Bill Simul dehnien, iicheii K Tic wid Ra d-ent, dirbwinde begegne. Sei geringer