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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-25 · Heft 15 (25.4.1890) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 15 (25.4.1890)
Date
1890-04-25
Page
Seite 224 (sequence 12)
Language
German
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224 „Und mm, Andronieus, Hab' ich nichts mehr zu sagen, als lebe wohl." „Lebewohl?" fuhr dieser betroffen empor. „Nein, Timon, nach Damaskus oder in den Tartarus — jetzt geh' ich mit Dir. Tag' nur, was D» thnn willst!" Timon lachte unheimlich vor sich hin: „Ich? Was Moses in Aegypten that." Das war für den Andern ein Räthicl. „Mojes in Aegypten? Er that Wunder, denk' ich." „Die meint' ich eben nicht, mein Guter. Aber laß das Grübeln und flieh!" „Ohne Dich?" „Flieh' mich!" Andronieus, der aus den Bekenntnissen wenigstens das Unglück seines Begleiters herausgefühlt hatte, drängte sich ihm init Bersicherungcn und Bitten gutinüthig auf, allein Timon bestand auf der Trennung. Er wies dem traurig Bewegten die Straße nach Süden lind wartete, bis Androniens unter den Oelbaumen, deren Wipfel die Berglehne mit Silberschleicrn überzogen, verschwunden war, dann machte er sich selbst auf den Weg — gegen Westen. Wie er also geräuschlos die Ruinen entlang glitt, diicktc sich der Schakal scheu ins Manerloch, und die Schlange krümmte sich hinweg. Run bog Timon i» eine andre Straße ein, und sein erster Blick fiel auf eine römische Wache. Ter Kricgsknecht stand, vom Mond, der jetzt hoch überm Tempelberg schwebte, lichtübergosscn, an seine Lanze gelehnt; er schaute nach dem röthlich beleuchteten Thurm Phasaöl, ohne Ahnung des nahen Feindes. DeS Feindes! beim Timon, ans Gemäuer sich drückend, daß er in seinem grauen Gewand kaum bon demselben zu unterscheiden war, hielt einen wuchtigen Dolch in der Rechten. Sein Gesicht hatte einen schrecklichen Ausdruck, seine Lippen zuckten — beteten sie: Führe mich nicht in Versuchung! oder murmelten sie die mosaische Stelle, deren er vorhin gedacht: „Und er wandte sich hin und her, und da er sähe, daß kein Mensch da war, erschlug er den Aegypter" —? Plötzlich warf er sich mit dem hebräischen Schlachtruf: „Freiheit Jerusalems" panthergleich ans den Römer und stieß ihm sein Messer senkrecht bis zum Griff in den nackten Hals, daß der Getroffene rasselnd znsammenbrach. Dann riß er die Waffe aus der Wunde, ohne des anfspritzcnden Blutes zu achten, und zückte sic auf sich — aber ein Grauen befiel ihn vor Selbstmord, er schleuderte sie weit hinweg und wandte sich dem Lager zu. Eine Viertelstunde später wurde er gebunden vor Tcrcntius Rufus geführt. Der tafelte noch mit seinen Hauptlcutcn im Prunksaal des Phasaälthurnics, und im Raum innerhalb der hufeisenförmig gestellten Tische führte eben eine ägyptische Gauklerin, deren braune Glieder durch das Bissusgewand wie durch Wasser schienen, eine Art Schwerttanz auf. Wahrend sic nach dem Takt einer barbarischen Musik von Flöten und Pauken sich bewegte, warf sic mit erstaunlicher Geschicklichkeit Schwerter, Dolche und Lanzenspitzen in die Luft, wo dieselben blitzende Figuren bildeten, und fing sic wieder auf. Run machte sic dem Gefangenen und seinen Häschern Platz. Timon hatte sich im Lager als Juden bekannt, der Erinvrdung einer Wache geziehen. Seine Miene ließ mehr einen Wahnsinnigen vcrmuthen, aber die blutigen Kleider schienen seine greuliche Aussage zu bestätigen. Indessen mau das Opfer suchte, wurde Timon vor de» Befehlshaber zum Verhör gestellt. Terentius Rufus, den die Lorbeeren des Titus nicht schlafen ließen, eine Cassiusgestalt, finster und wortkarg, hörte den Bericht, auf die Kissen hingestreckt, au; kaum die Augen erhob er; nur zuweilen! zuckte ein Blitz unter den Wimpern hervor auf Timon. Roch hatte er! üstne Frage gcthan, als Geschrei heraufschallte und ein Gedränge am! wachenbesetzten Eingang entstand. „Gefunden! ermordet!" schrie eine Stimme. Run wogte Sekunden lang ein wahrer Aufruhr durch den Saal, Timon wurde unter Verwünschungen hin und her gezerrt und von Schwertern bej droht. Eine Geberde des Terentius Rufus gebot und brachte Schweigen, i Er hatte sein Purpurlager verlassen und trat dicht vor Timon hi».! Lange forschte er in dessen Antlitz, das jetzt wie aus Stein gemeißelt j erschien. Dann winkte er den Umstehende», zurnckzutreten. Gehorchend bildeten sie eine Gasse. Und nun wandte er sich nach der Gauklerin um, die am Ende dieser Gasse stand, stumpfsinnig, die dolchbewaffnete» Arme lässig gesenkt. „Weib," sagte Terentius Rufus, indem er an Tiuwn's Brust genau die tödtliche Stelle zeigte, „ziele hierher!"! v Litterarijrhe Mittheilnngen. O Die in bcu letzten. Tagen in Wien im Selbstverläge des Verfassers erschienene Broschüre: „Der jüdische Mythos" von Alexander Walkw in welcher die Bibel als jüdisches Mythen- und Sagenbuch in volksthümlich freisinniger Weise behandelt uub für die künstlerische Ausbildung der Christusmythe als Bühnenweih-Fest - spiel plaidirt wird, wurde von der Wiener Sicherheitsbehörde im Allstrage der Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt. Von Meyers Konversations-Lexikon sind nun die letzten beiden Bände der vierten Auflage, enthaltend So— Z, erschienen. Dieselben enthalten neben zahlreichen anderen wissenswerthen Artikeln und prächtigeil Illustrationen allch Manches, was Inden ltnb Jndenthnm betrifft. Misrellen. Zu denl Aufsatz „Berliner Figuren" von Alexander Meyer in der! vorigen Nummer gehen ilns nachfolgende Ergänzungen zu. Zunächst i schreibt man uns ails Potsdam: In Nr. 14, S. 211 der „Allg. Ztg. * des Jndenthums" spricht Herr Alexander Meyer in seinem interessanten , Artikel „Berliner Figuren" von dem seiner Zeit am Platze vor der! Nationalgalerie belegenen Hause und bezeichnet seiner Erinnerung j nach die Besitzerin dieses Hauses als Frau Dorothea Levy. Ge-! statten Sie dem Unterzeichneten, der das Glück hatte, in dem erwähnten! Hause fünf Jahre, bis zum Tode der berühmten Dame — 11. Mai 1854! — zu leben utib des Wohlwollens derselben sich in hohem Grade zu j erfreuen, nachstehende Bemerkung: Die Dame hieb Frau Sarah Levy.! ^ie war unter 1-3 Kindern ihrer Eltern das neunte uub starb im Alter! voll 98 Jahren. Ihr Haus stand am „Neuen Packhof Nr. 3." T. C. | Sodann theilt uns Herr Rabbiner S. Alexander Folgendes mit:! In Hinsicht auf die in Nr. 14 der Zeitung des Judenthums im Feuilleton i gezeichneten „Berliner Figuren" gestatte ich mir, auch meinerseits eine j Figur vorzuführen, die wohl manchem alten Berliner gewiß bekannt ist. i „Leiser Nengaß" war zu seiner Zeit allgemein als Witzling berühmt.! Auch die hohen und höchsten Herrschaften belustigten sich mit seinen Witzen. Zwei davon kamen mir beim Lesen des ged. Artikels wieder iu's Gedächtniß, nub möchte ich wenigstens einen den „Berliner Figuren'^ hinzufügeil. Einst kam Leiser Nengaß an ein großes prachtvolles Gebäude, vor welchem ein Garten war, mit einer schönell Mauer umgeben. Eill hinter der Mauer stehender, auf die Straße hinüberblickender vornehmer Herr rief: „Herr Nengaß!" — „Was gefällig?" — „Sie pflegen ja Alles zu wissen. Sagen Sie mir: Was ilnterscheidet den Jndeil i vom Esel?" „Die Gartelunaner." Sprach's und ging davon. | Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.! Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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