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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-25 · Heft 15 (25.4.1890) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 15 (25.4.1890)
Date
1890-04-25
Page
Seite 223 (sequence 11)
Language
German
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223 nirgend wiederfinden, und die Zurückgelassenen, meinen Vater, Thirza, nie mehr, nie mehr sehen?! „Ich verbrachte jene Nacht einsam und in mich gekehrt, und bin der Fügung, ob sie nun Zufall oder höherer Wille war, dankbar, denn in derselben Nacht starb daheim mein Vater. Während ich über das Räthsel des Lebens nachdachte, ward es ihm gelöst.... „Sobald ich die Trauerbotschaft erhielt — wir waren längst wieder in Alexandrien —, kehrte ich nach Jerusalem zurück. „Ter Verlust des Guten machte sich mir schmerzlich fühlbar. v\d) hatte seinen Reichthum. aber nicht sein graues Haar, das ihm Nachsicht erweckte, nicht seine Lebenskunst, womit er den Widersacher zu freundlicher Miene Zwang. „Namentlich die Pharisäer waren mir feind. Weil ich nicht die Augen niederschlug lvie sie, war ich ein Heuchler; weil ich mich nicht kleidete wie sie, war ich ein Ausländer, ein Verräther. Tenn ihr drittes Wort, wenn sie keinem Römer nahe wußten, war „Freiheit Jerusalems". Mir aber schien damals das römische Joch erträglicher als die pharisäische Freiheit. Selbst im Hause meiner Verlobten wurde nur mißtraut - nicht von Thirza. Sie war die demüthige Magd, die gehorcht, ohne nach Gründen 311 fragen. Wenn mich ihr Vater übel empfing: „Ich habe Dich im Tempel vermißt; Tu bist lvie Ahasia, der lieber Baal Sebub, den Gott zu Eskron, als Gott in Israel frug!" betrachtete sie mich mit solchem Entsetzen, daß ich über sie ergrimmte; sprach er aber ein anderes Mal: „Siehe, mein Sohn Timon! gesegnet sei Tein Eingang!" lächelte und blickte sie mich p holdselig an, daß ich auf's Neue brünstig lvurde. „So erging es mir im Vaterland, als lebte ich in der Verbannung, ich hörte die Leute um mich in meiner Zunge reden, allein wir verstanden einander nicht. „Eines Tages schalten mich Thirza's Eltern, weil mich der Wein statt zu trösten, wie er oft gethan, geschwächt und dem Gesinde zum Spott gemacht hatte, und sie ruhten nicht, bis ich dem Herrn drei Monate Enthaltung gelobte. Als nun die Zeit des Gelübdes um war und ich in den Tempel opfern ging, da lvar Paulus, der Apostel der "Nazarener, dort und ließ sich reinigen, als lebe er noch im Gesetz. Tarüber entstand ein Geschrei in Jerusalem, das Polt lief zusammen uub schleppte Paulus aus dem Tempel und wollte ihn steinigen. Er aber rief als römischer Bürger den Schutz der kaiserlichen Besatzung an, und da ihm dieser gewährt wurde, gab er vor dein Volk lvie im Hohen Rath Zeugnis; voll seiner Bekehrung Mld von Christus, bem Auferstandenen. Tabei wußte er, der zugleich klilg Mld unklug, vorsichtig ulld ungestüm war, die Worte so 311 setzeil, daß die Sadduzäer und Pharisäer uneins wurden, beim diese glaubell an ein Auferstehen liach dein Tode, all Wunder und Engel. Ulld die gallze Stadt gerieth ill Aufruhr, num sprach nur voll ihm, und die Meinungen schwankten. „Mich aber reizte es, den Mann, den ich als Schüler des frommen Galnaliel gekamlt hatte, nun als Anhänger der Sekte, so allen Gläubigen im Gesetz ein Greuel galt, selbst zu sprechen. Ta ich bei Claudius Lysias, dem Hauptmann, als unpolitischer Kopf in Gunsten stgnd, erreichte ich eine Unterredullg mit dem Gefangenen. „Ter Apostel erinnerte sich meines Vaters und meiner wohl, und wir plauderten dies und jenes von Tarsus, bann aber hob er von der Gerechtigkeit und von der Keuschheit und vom zukünftigen (Bericht so feurig uub eindringlich zu sprechen all, daß mir das Herz erschrak. „Hör' auf!" rief ich, „oder Tu überredest nlich, ein Christ zu werden. - „Tas würde ich um Seinetwillen wünschen," antwortete er; „aber ein Jeglicher sei ill seiner Meinung gewiß." „Ich schied voll ihm, nicht bekehrt, doch betroffen; die Saat seiner Worte ging erst später auf. „Jndeß rückte der Tag unserer Hochzeit näher, mir aber ward nicht wohler dabei. Ich wünschte eine Gefährtin und gewann im glücklichsten Fall eine ergebene Magd. Und wenn sie mir allein ergeben wäre, aber -. So oft ich mich fragte: wird sie bei dir glücklich sein? wird sie dich glücklich machen? fand ich stets nur ein Nein daraus. Zuletzt ward diese Ueberzeugung mächtiger als alle Einwände der Ehre und alle sinnlichen Wünsche. Nachdeln ich meine Habe, soweit es mit Heimlichkeit geschehen konnte, zu Geld gemacht, entwich ich, wanderte aus nach Rom. „Tort setzte ich die Barchanalien der ägyptischen Reise fort, doch besaß ich die Spannkraft und den Leichtsinn der erstell Jugend nicht mehr, auch verbitterte mir der Gedanke all Thirza, die schuldlos von mir beschimpft war, alle Genüsse. Er befiel mich mitten im heißen Gelag wie Frost, iveckte lilich aus dem besten Schlaf wie ein Phantom. Obwohl ich in Rom völlig sicher war, schwebte ich beständig in Furcht; ulld währelld ich den Landsmann wie ein böses Omen vermied, kränkte mich doch jeder Hohn auf Israel im tiefsten Herzen. „Tir sind die Neronischen Cirtusspiele bekannt. Ich liebte sie ilicht, weil mich der Anblick voll Blut allezeit schaudern ließ. Aber einmal tonnte ich, ohne meine Schwäche zu gestehen, die drängenden Freunde nicht zurückweisen. So ging ich Hill. Nazarener, Männer und Frauen, wurden als Fackeln verbrannt, von wildeil Thieren zerrissen. Ich hielt bis zum Röcheln des letzten Opfers aus, glaube sogar, daß ich unterm Blick meiner Freunde gelächelt habe. Abends lvar ein Gartenfest bei mir, und ich lächelte wieder, als bei Tisch ein Histrione die Tragödie der Nazareiler zum Satirspiel machte, als Pelagia mit dem rothell Germanenhaar nebft dem Tafelgeschirr auch dell Sklaveil sich erbat, und der verunglückte Dichter Ouartus mir einen endlosen Sermon über ben Verfall der Litteratur hielt. Doch nachdenl der letzte Gast taumelnd mir die Hand gedrückt, da ich allein war mit meinen lnarmornell Götzenbildern, kniete ich nieder und gelobte mich Christus, gelobte mich ihm, daß er mir wie seinen übrigen Bekenner gebe, was mir ill Jerusalem lvie in Rom gefehlt: die Ruhe und Tapferkeit des Herzells! „Timon der Sybarit verschwand aus der Gesellschaft, Timon der andre nahln das Kreuz auf sich." Ter Erzähler, von Erinnerungen überwältigt, neigte sein Haupt und verfallt in Schweigen. Auch Androniens war ergriffen: saust berührte er dell Gefährten bei der Schulter und sprach: „Timvll, Teine Hand!" Tie Männer buhften einander wortlos die Rechte. Tann sah Tinton ttach dem Stand des Mondes und sagte mit fillsterem Ausdruck: „Ich komme 311m Ende. Unsere Kämpfe und Hoffnmlgen, unsere Prüfungen nnb Siege hast Tu vernommetl, erlebst Tu jetzt selbst. Ich war nicht der Veste unter Euch, aber that des Christen Bestes: harrte aus. „Ich harrte in der römischen Genteinde aus, als Jerusalem sich zum Kampf gegen seine Unterdrücker rüstete. Unsere Glaubensbrüder verließen alle die Tavidsstadt, lvanderten nad) Pela, um von da in die Welt sich zu zerstreuen. Unser ist ja der Himntel: was braucht der Himmelsbür-er hielliedetl ein Vaterland! „Ich harrte aus, als die Botschaft von Jerusalems Fall und Zerstörmlz eintraf, harrte ans, als Rom sich schmückte, mit den Sieger über mein Volk zu empfangen. „In der heiligen Straße, unweit des Vestatempels, schlich ich unter das jauchzende Volk, sah die Legionen erzfunkelnd vorüberziehen, die Priester mit der entweihten Vnndeslade, und dicht vor dem Wagen des Triumphators, unter den Edelsten meines Volkes, auch sie, Thirza, die ich verrathen und verlassen hatte, wie Israel: ich erkannte sie, trotzdem ihr Haar ergraut war, sogleich. Aber die ich immer nur demüthig gesehen, schritt wie eine Königin und trug die Ketten wie einen Schmuck!

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