Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 15 (25.4.1890)
- Date
- 1890-04-25
- Page
- Seite 222 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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222 öuchhändlenscher, bcnn das Werk wurde nicht verkauft, sondern verschenkt, und Jeder, der sich beim Verleger meldete, konnte ein Exemplar erhaltein wohl aber ein idealer, insofern die Kritik, ohne den Autor zu kennen, den Werth des Buches anerkannte, und das der kreist dieser Reden auch in weitere Kreise gedrungen ist und dort Begeisterung und Liebe geweckt hat. Jur Jahre 1809 ließ die Verfasserin noch einen Band von 21 Reden folgen, die sie gleichfalls in jener von ihr selbst gegründeten Freischule für arme Mädchen gehalten hatte. stächst diesen Reden schrieb Eharlotte von Rothschild auch noch ein Buch: „Gebete und Betrachtungen", die sie dem Andenken „einer tiefgeliebteu frühvollendeten Tochter" widmete, und einen Band Erzählungen für die Jugend: „Froni January to l)ereinber betitelt, zumeist naturgeschichtlichen und allgemein belehrenden Inhaltes, aus dem zwei größere Erzählungen „Tie Museen" und der „Kostbare Juwel," die für die Tarstellungskunst der Verfasserin zeugen, vielleicht auch den geschätzten Leserinnen bekannt geworden sind. Eine Reihe von Gedichten, die sich an das Buch schließt, ist zum größten Theil eigene poetische Gabe, den Rest bilden Nebersetzungen aus französischen und deutschen Dichtern. Von letzteren ist namentlich Paul Heyse bevorzugt. Tb aus poetischer oder verwandtschaftlicher Zuneigung? Ich weiß es nicht, erzähle aber sicherlich ein nicht uninteressantes Faktum, wenn ich hier beifüge, daß Paul Heyse mit dem Hanse Rothschild verwandt ist. da seine Mutter eine leibliche Tante der Freifrau Adelheid von Rothschild in Neapel war, deren Haus, nebenbei gesagt, dort den einzigen litterarischen Salon ansmachte und Bildung und Wohtthätigkeit in seltenen! Maße vereinigte. Eine Mutter, die fremde Kinder in so vernünftigen pädagogischen Grundsätzen erzieht, wird sicherlich auch ihre eigenen nicht vernachlässigen. Und so kann es uns, nach dem Gehörten, kaum noch verwundern, mim wir nach Eharlotte und Luisa auch dte beiden Töchter, Eon stanze und Anna, kühn und frei auf den Markt der Litteratur treten sehen. Und zwar diesmal mit einem populär-wissenschaftlichen Werte, das nicht geringes Aufsehen erregte: ..Ido History and Literatur«1 of‘ tlie Isradiies.“ also die „Geschichte und Literatur der Israeliten." Den ersten Band, die historischen Schriften der Bibel, behandelte Eonstanze, den zweiten, die poetischen, Anna von Rothschild. Ohne sich auf „einen streitigen oder dogmatischen Standpunkt" zu stellen, behandelten die beiden Schwestern die Lrtteraturgeschichte ihres Volkes mit so viel Geschick und Geist, daß sich der gewandteste Litterarhistoriker einer solchen Arbeit nicht hätte zu schämen brauchen. Nur mit Miihe widerstehe ich dem Beginne», einige Ercerpte aus diesem, so viel ich weiß, bis jetzt noch nicht übersetzten Buche zur Bekräftigung dieses Urtheils hier anzuführen. In der kürzlich erschienenen zweiten Auflage meines Vortrages: „Tie Frauen in der jüdischen Literatur" l Berlin 1890, H. Engel) habe ich im Anhang einige für den Geist dieser Arbeit besonders charakteristische Kapitel, auszugsweise übersetzt, wiedergegeben, die von dem warmen jüdischen Sinn der jungen Schriftstellerinnen Zeugniß ablegen. Auf denselben Ton ist auch ein kulturhistorischer Essay gestimmt, den Eonstanze, die ältere der Schwestern, im „New Ouarterly Magazine" über die „silbischen Frauen und ihre Stellung in den verschiedenen Zeiten" veröffentlichte, und der eben so viel Belesenheit wie Kenntnisse und eine nicht gewöhnliche Darstellungsgabe verräth. (Schluß folgt.) Timon von Tarsus. Bon Karl v. Heigel. (Schluß.) „Willst Du mir eine Frage beantwortend" benutzte dieser eine Pause, die Timon in seiner Erzählung machte. „Alle außer einer." Aber eben die eine Frage schwebte Andronicus auf den Lippen. Er rückte schaudernd und doch zu hören begierig seinem Genossen näher. „Wenn Tu damals zu Jerusalem warst," flüsterte er, „mußt Du ja Zeuge des Schrecklichen gewesen sein" - Timon erhob abtvehrend die Rechte: und es war etwas in dieser Geberde, wie in seinem Blick, das den Frager verstummen ließ. - Endlich nahm Timon seine Erzählung wieder aus: „In Alexandria lebte meines Vaters Gastfreund Apollo», dessen Handelsverbindungen vom Mohrenland bis zum nnwirthbaren Thule reichten. Bei ihm sollte ich diejenigen Kenntnisse und Erfahrungen sammein, mittels deren ich einst das Ererbte klug verwalten und mehren würde. „Vor meiner Abreise wurde ich mit des Kaiphas Schwcsterkind Thirza versprochen. Sie war schön wie die Braut im Hohenlied, und ich entbrannte zu ihr. „Dennoch athmete ich auf, sobald Jerusalem hinter mir lag. Die Schwingen der Jugend schienen mir jetzt erst zu wachsen; ich ward heiter und redselig und glaubte an Freude ohne Ende, Freunde ohne Falsch, Ernten ohne Mühe. „Apollons Gedanken waren bei seinen Schiffen auf dem treulosen Meer; so konnte er mir in den Gefahren einer großen Stadt kein Hüter sein. Da mir die Eingeborenen zu schweigsam, meine Landsleute zu engherzig waren, schloß ich mich jungen Römern an, die sich mit einer Hand voll Gold ihren Göttern mindestens ebenbürtig dänchte». Unter Tags trieb ich mich in geschäftigem Müßiggang am Hafen oder in den kühlen Gewölben meines Gönners umher, Nachts aber fuhr ich mit den Genossen nach einem Marmorhans am Sec Mareotis um wie ein Heide bekränzt bis zum Morgen zu schwelgen. „Einige Monate später reiste ich init ihnen den Ril auswärts Es war ein bacchischer Zug, wie ihn der kühnste Eurer Poeten nicht zu singen wagt. Seine Erinnerungen überfielen mich oft mitten in der Andacht, in der dumpfen Luft und Düsterkeit und Armuth unserer Betsälc, erfüllten mich, während ich mit Euch hingestreckt lag und der Apostel von der Abtödtung des Fleisches predigte. Ja, heute noch trinke ich süßen Taumel und zehrendes Gift aus ihnen. „Wir kamen bis zum alten Theben. Tort irnirde ich zum ersten Mal von dein aus Furcht mib Hoffnung gemischten Gefühl, von der dunklen Sehnsucht erfaßt, die mich später zum Christen machten. Ich hatte mich vom nächtlichen Gelage fortgestohlen und strich planlos durch die Straßen der anch im Verfall noch großartigen Stadt. Durch die langen Reihe Sphinxe, die des Amenophis Palast mit dem des Ranises verbinden, gelangte ich nach der Memnoneia, der Insel des Todes mitten im Getriebe des Lebens. Der Blond schien auf die Obelisken und Sphinxe und auf die Kolosse der Königsgräber, die hoch vom Felsen zu mir hcrüberblickten. „Die erhabene Stille stimmte mich ernst. Ich dachte an die Flucht alles Irdischen und die sadduzäische Anffassnng des Todes als völlige Vernichtung dänchte mich plötzlich grausam. Sollte wirklich nichts von uns bleiben, als die Erinnerung an unjere guten oder schlechten Thaten im eigenen Herzen und auch die nur eine Spanne Zeit? Sollte ich, wenn ich heute stürbe, die vor mir Heimgegangenen