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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-25 · Heft 15 (25.4.1890) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 15 (25.4.1890)
Date
1890-04-25
Page
Seite 221 (sequence 9)
Language
German
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221 genannt worden, weil der Autor ihm keinen gegeben hatte; daher! auch die Inkorrektheit und die mannigfachen in Gebrauch gekommenen : Recensionen sich erklären ließen. — Eine Titel-Aeuderung ist auch da i nicht anzunehmen, wo ein älteres Werk einen Zusatz bekommen hat, i um es von einem gleichnamigen jüngeren zu unterscheiden. So ist 1 das Seder Clnm erst zu dem Zusatz Rabba gekommen, als es ein Leder Olam Sntta gab, des Moses Couch Sefer Mizwoth erst „Lemag" geworden, als Jsak v. Corbeil sein Semak <Sefcr! Mizwot Katun) geschrieben ') n. s. w. 8. Während in der jüdischen wie in den anderen Littcraturcn! nicht selten der Fall eintritt, das; die Kritik aufzuweisen hat, daß berühmten Männern gewisse Werke mit Unrecht zugcschrieben werden, hat der bekannte Mathematiker Rafael Levi in Hannover noch bei Lebzeiten dagegen protcstiren müssen, daß man das „Techunat ha- Lchamajim" unter seinem Namen herausgegeben; ein gewisser Moses Tiktin hatte von einem Schüler Rafael's ein Heft der Bor- ' lcsungtil desselben erhalten und ohne sein Wissen und Willen es herausgegebeu. Die auf der Kehrseite des Titelblatt der Luchot ha- Jbbur Rafael's (Hannover 1757) befindliche Erklärung hat ihn nicht davor geschützt, in den bibliographischen Werken als Verfasser des Techunat ha-Schamajim aufgeführt zu werden. U Die reichsten Schriftstellerinnen. Von Gustav Karpeles. Man ivird cs mir, schon beim Anblick der Ueberschrift, vielleicht als Widerspruch vorrücken, daß ich von reichen Schriftstellerinnen zu sprechen gedenke und wird die Zusammenstellung von Reichthm» und litterarischer Arbeit geradezu als etwas Ungehöriges tadeln; dennoch soll mich diese von mir vorausgesehene Opposition in meinem Vorhaben nicht beirren. Dem boshaften Witz gegenüber wird die Thatsache genügen, daß es — littecarhistvrisch unbestritten — nicht die Noth, sondern der innere Drang war, der die Frauen in die Arena der Litteratur geführt hat; daß daher auch heute noch das litterarische Frauenproletariat proccntualiter erheblich geringer ist als das der Männer; übrigens ivird im Folgenden von dem größeren oder geringeren materiellen Ertrage weiblicher Schriftstellerei überhaupt nicht die Rede sein. Ich will in der That von den reichsten Schriftstellerinnen sprechen, aber von solchen, die zugleich auch die reichsten Frauen überhaupt sind — und deren Reichthum ihre litterarische Thütigkeit nicht gehindert hat, während andererseits ihre litterarische Thätigkcit durch ihren Reichthum nicht gerade schädlich beeinflußt worden ist — ich meine von den Damen des Hauses Rothschild. Viel zu >venig ist die merkwürdige Thatsache bekannt, daß fast jämmtliche Frauen dieses Welthanses die Feder ebenso gewandt führen, als deren Männer die Börsen. Wenn man den Namen Rothschild nennt, so denkt man zunächst an die Milliarden dieser Geldmacht, dann vielleicht noch an die vielen Anekdoten von der Wohlthütigkeit der einzelnen Mitglieder dieser Familie, und schließlich regt sich in mancher Brust noch der Seufzer: „Ach, wir Armen!" und der Traum, was wir Alles anfangen würden, wenn wir so viel Geld besäßen; schließt die Gedankenreihe harmonisch ab. Daß aber die Familie Rothschild auch in der Litteratur eine nicht ganz unerhebliche Rolle ') llebrigens wird auch die kurze Aufzählung der 613 Gebote in der Einleitung zu des Maimonides Mischne Tora zuweilen als pftD angeführt, lieber „Rabbä" bei Midraschim vgl. Zunz: Gottesd. Vorträge S. 174, 176, 184. spielt, wissen die Wenigsten, und ich bin überzeugt, daß meine bezüglichen Mittheilungen eine willkommene Neuigkeit für Viele sein werden. Eine alte Neuigkeit freilich — denn bereits nahezu dreißig Fahre sind vergangen, seit die erste Schrift einer Dame dieses Hauses erschienen ist. Und noch länger ist es her, daß die Stammmutter der Rothschild's, die fromme Gcdula, die Börne und Gutzkow so liebenswürdig geschildert, und deren geistige Begabung sich auf alle Töchter der Familie vererbt zu haben scheint, ihr Hänschen „zmn grünen Schild" in der engen Frankfurter Judengassc für immer verließ. „Sic ist der Genius, der über ihre Kinder Wache hält," sagte ein deutscher Dichter von der alten Frau — und in der That hat sich der Geist Gedula's auf ihre Söhne und Töchter, ja auch auf ihre Enkelinnen vererbt und so das Andenken der gläubigen und edlen Frau rege erhalten. Die erste Schriftstellerin des Hauses Rothschild war die Freifrau L u i s a v. R o th s ch i ld, die Wittwe des vor einigen Jahren verstorbenen Anthony v. Rothschild in London. Ihr litterarischeS Debüt erfolgte im Fahre 1855. Ich muß einige Bemerkungen vorausschicken, die zur Charakteristik der litteracischen Arbeiten dieser Familie erheblich beitragen werden. Einmal sind fast alle ihre Arbeiten zugleich in englischer und deutscher Sprache erschienen — ein schöner Beitrag zu jener großen Versöhnung der Litteratnren, die der greise Goethe ahnte und plante. Sodann sind fast sämmtliche Damen Rothschild — theologische, oder zum mindesten moralistischc Schriftstellerinnen auf dem Gebiete des Iudenthums, drittens aber, und das scheint mir das Wesentliche, sind alle ihre Arbeiten von einem so humanen Geiste der Liebe nnd Toleranz durchweht, daß sie vielen theologischen Schriftstellern hüben wie drüben als Muster aufgestellt werden diirften. Von diesem milden Geiste der über dem Trennenden der Konfessionen stehenden Humanität und Menschcnverbrüdermig sind auch die bescheidene» Arbeiten durchweht, die Luisa v. Rothschild i» englischer und deutscher Sprache erscheinen ließ. Und zwar war cs zunächst ein Gcdcnkbüchlein: „Bibelverse für alle Tage des Jahres," in 52 Abschnitten je 7 Verse enthaltend, und einige Jahre später ein Band von 20 Reden: „Gedanken über biblische Torte, in Reden au meine Kinder," in ivelchen die Verfasserin in echt mütterlicher Weise zu ihren Kindern spricht, und in denen ihre litterarische nicht minder >vie die pädagogische Begabung erkennbar hcrvortritt. Dem englische» Zweige der Familie gehört auch Charlotte b. Rothschild an, die als Schriftstellerin zehn Jahre später auftrat, deren Wissen noch bedeutender und umfassender zu nennen ist. Sie ist bereits von einem bekannten deutschen Schriftsteller, ich glacibc von Julius Rodenbcrg, in seinen Berichten aus London als eine der inerkwürdigsten Erscheinungen der an Merklvürdigkciten so reichen Weltstadt geschildert worden. Eine Dame von solcher Stellung, die allsabbatlich den Glanz und Lärm der City verläßt und zu den armen Mädchen in der jüdischen Frcischule in Bell Lanc herabsteigt, um ihnen moralische Vorträge zu halten, ist gewiß eine Merkwürdigkeit. Nun muß man aber diese Vorträge lesen, die so einfach und schlicht, ohne jede religiöse Extravaganz, die ja in England namentlich nicht selten ist, aber voll gesunder nnd praktischer Moral die jungen Mädchen über die Grundwahrheiten der Religion von der Nächstenliebe, von der Wahrheit und der Lüge, von Tod und Unsterblichkeit u. s. w. belehren, um den Erfolg zu begreifen, den dieses, wie fast alle Publikation der Damen Rothschild, anonym erschienene nnd sowohl ins Deutsche wie ins Französische übertragene Buch bei seinem Erscheinen errungen hat. Freilich war dieser Erfolg kein

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