Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 15 (25.4.1890)
- Date
- 1890-04-25
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Mos. 14, 29), oder etwa, wenn bei i der Pflicht, das Pfand des Armen zurückzugeden, wenn es dem Bei tiver unentbehrlich ist, die Verheißung hinzugefügt wird: Er wird dich segnen und dir wird es sein eine Gerechtigkeit von dem Herrn, j deinem Gotte" (ib. 24, 18).; Allerdings giebt es auch einen Gesetzes fluch, der denjenigen j irisst, welcher die Gesetze Gottes nicht hält. Tiefer Fluch wurde j noch Moses Gebot ans dem Berge Ebal von den Leviten ausgesprochen j und von dem versammcllen Volke mit „Amen" bekräftigt. Dieser i ,'vlttd) trifft denjenigen, der das Gesetz so umgeht, das; er von der j üchterlichen Strafgercchtigtcit nicht getroffen werden kann. Ter! aluch trifft denjenigen, der geringschätzt Vater und Mutter, der die j oirenze seines Nächsten verrückt, der einen Blinden irre führt, der! aas Recht des Fremdlings, der Waise und Wittwe beugt, und alle j diejenigen, die heimlich eine schwere Sünde begehen (5. Mos. 27.11. ff.).! lomit wird der Sünder, welcher der irdischen Gerechtigkeil sich entlieht oder ihr Trotz zu bieten im Stande ist, hingewiesen ans die iirafende Gerechtigkeit Gottes „des Barmherzigen, Gnädigen, Langlütithigcn, Huldvollen, der aber nichts ungestraft lässt". Wenn das ein Fluch ist, so ist jede Strafe, die der menschliche Richter ans; i'inutb des göttlichen Rechtes verhängt, ein Verbrechen. Das Gesetz tu also nach der biblischen Anschauung ein Segen, welcher nur dem Verächter sich in Fluch verwandelt. U Der Rabbiner. Von Tr. Siegln und Mast bäum. (Schluß.) ■). ES ist für die geistige Entwickelung des Rabbiners überaus «orderlich, daß er zuerst in kleinen Gemeinden wirke und nur ülmälig zu größeren Lehrämtern aufsteige. In kleineren Gemeinden latttt der Prediger leichter alle seine geistigen Fähigkeiten zur Entialtnng bringen als in großen, wo für jedes Fach durch eine besondere straft vorgesorgt ist. Besonders die Uebung in der Seelsorge erlangt man nur in der kleinen Gemeinde. Hier, wo er zumeist auch mit der Ertheilung des Religionsunterrichtes beschäftigt ist, wird er zum nichtigen Lehrer der Jugend, erstarkt er in der Kunst der gemeinvcriländlichen Darstellung des Lehrinhaltes des Judenthums; hier steht er auch den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde näher und gewinnt dadurch nicht blos an jener Menschenkenntniß, die zu einer erfolgreichen Seelsorge unumgänglich nöthig ist, sondern er lernt hier, wo ihm seine Gemeinde genau bekannt ist, leichter als sonst, die Predigt dem Verständnisse und dem Bedürfnisse derselbetr angemessen gestalten und dadurch eine der Hauptschwierigkeiten überwinden, die sich dem Rabbiner in der ersten Zeit seiner Amtsthätigkeit cntgegenstellen. Es ist darum sehr zu beklage», daß manche Rabbiner so häufig ihre Stellen wechseln, und daß etliche sogar, kaum daß sie in einer Gcmcindc heimisch geworden, sich um eine andere Stelle bewerben, wenn diese auch nur einigermaßen „besser" ist. Abgesehen von der Würdelosigkeit dieser förmlichen Jagd nach Stellen, gelangt der :>iabbiner auf diese Weise niemals zu jener Freudigkeit des Schaffens, die nur aus einer mehrjährigen, weil erfolgreichen Thätigkeit in der Gemeinde enlspringl. Erst wenn mau sich sagen darf, daß man seine seelsorgerische Aufgabe in der Gemeinde in vicljähriger segensreicher Thätigkeit nach verschiedenen Seiten hin gelöst habe, ist das Verlangen nach einem größeren Wirkungskreise gerechtfertigt. In kleinen Gemeinden aber wie in großen ist der Rabbiner in gleicher Weise verpflichtet, den größten Theil seiner Kraft und Zeit der Predigt zu widmen.*) Er kann wohl und soll sich auch noch weiter mit seiner Wissenschaft beschäftigen — der jüdische Prediger muß ja stets im innigsten Zusammenhänge mit der theologischen Wissenschaft bleiben, um seine Predigt von ihr befruchten zu lassen —, aber er soll sich ihr gegenüber vorerst nur rceeptiv Verhalten, so daß er von allen wissenschaftlichen Erscheinungen ans jüdisch-theologischem Gebiete Kenntnis; nimmt. Und auch bei dieser Beschäftigung mit der Wissenschaft, der nur die Mußestunden geweiht sein dürfen, soll der Rabbiner stets die Predigt im Auge behalten, inwiefern er sie nämlich durch die Aneignung neuer Gedanken und Aufschlüsse zu bereichern oder durch die Läuterung seiner theologischen Ueberzeugung und seiner religiösen Weltanschauung — die ja immer in der Predigt zum Ausdruck gelangt — gediegener zu gestalten vermag. Das Predigtamt aber nur als Pfründe zu benutzen, um die Wissenschaft anznbauen, ist eine schwere Sünde, begangen an dem Heiligthnmc der Gemeinde. Ter Rabbiner ist für das Predigtamt von der Gemeinde bestellt. Die erhöhte Bedeutung der Predigt in unserer Zeit offenbart sich auch thatsächlich darin, daß dieselbe stets ausschlaggebend ist bei der Wahl des Rabbiners: darum soll er ihr vornehmlich seine Zeit widmen, um sic in Inhalt und Form immer mehr zu vervollkommnen und dadurch ihre Wirkung auf die Gemeinde immer mehr zu erhöhen. Eine einzige Predigt, die ihren Zweck erfüllt, ist mehr werth als eine gelehrte Abhandlung, die nur von wenigen Fachgenossen gelesen wird; und eine Menschenseclc getröstet und erbaut zu haben ist von größerem Segen, als die Abfassung manchen Buches von vielen hundert Seiten. Wir fürchten nicht, uns hierdurch in den Verdacht zu bringen, als wollten wir das wissenschaftliche Streben in dem Rabbiner ertödte»: wir haben cs ja oben mit stolzem Hochgefühl gerühmt, daß die jüdische Wissenschaft zumeist das Werk praktischer Theologen ist, und wir wünschen wahrhaftig nicht, daß cs hierin jetzt anders werde. Aber es ist ein anderes, sich mit der Wissenschaft vorerst zum Zwecke der Erweiterung seiner Kenntnisse zu beschäftigen, und wiederum ein anderes, sie mit der ausgesprochenen Absicht zu betreiben, um sie schriftstellerisch zu verwerthen. Mit jener Art wissenschaftlicher Beschäftigung ist eine pflichtgetreue Verwaltung des Prcdigtamtes vereinbar, nicht aber mit dieser. Und wir meinen übrigens, daß auch die Wissenschaft nicht verlieren würde, wenn die Rabbiner bei der Beschäftigung mit ihr nicht stets die Produktion im Auge hätten. Wer seine Studienzeit gut benutzt hat und mit tüchtigen Kenntnissen ausgerüstet ins Amt gekommen ist, der wird im Lause der Jahre bei dem fortgesetzten Studium für das Predigtamt hin und wieder manche neue Idee, manche schöne Entdeckung und manchen ungeahnten Auf- *) i)imtit[)ciiiter tagt von sich: „Ich brau ehe eine ganze Wache zu einer Predigt, leie alle O'EH'ia und zur niiHE genau durch, um auch das Lolksthiimliche, was ni21&G SllpE ist, an die allgemeinere Wahrheit anzukuiipscu, ohne weiter au den Buchstaben mich zu binden. Ich suche meine Themata aus den fruchtbarsten u G heiligsten Gestalten des religiösen und häuslichen Lebens abwechselnd, mitunter beide verbindend — suche dieses Thema so lichtvoll und klar als möglich auseinander zu setzen und dem Ausdrucke alle mögliche Kraft, Deutlichkeit und Herzlichkeit zu geben. So ist es mir gelungen, das Interesse dcr Gemeinde durch vier Jahre imnier zu steigern." Angeführt bei 5Myserling, Bibliothek ec. II, honül. Lei!. Ar. ’>, S. ">7.