Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 15 (25.4.1890)
- Date
- 1890-04-25
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Hessen lande, welches durch die Wahl VON Pickenbach und Genossen im neuesten Wahlkampfe eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, ist von der Kroßherzoglichen Negierung der folgende verlast publizirt worden: „Polizeiwidrige Angriffe gegen Israeliten betreffend, (yine s d) nt e r z l i ch e E r f a b r n n g hat gelehrt, dast die il n w ii r d i g e n und strafbaren Unternehmungen, welche sich der Pöbel in einem deutschen Orte gegen die R e ch t s s i ch e r h e i t der I s r a e 1 i t e n erlaubt hat, als ein ansteckendes Beispiel auch auf andere deutsche Orte \\\ wirken vermochte, so wenig man auch dieses in einem Zeitalter hätte erwarten sollen, in welchem man mit Aufklärung und liberalen Gesinnungen so gerne zu prunken pflegt. In dem Umfange des Grostherzogthums haben zwar bisher nur nod) wenige und unbedeutende Unordnungen dieser Art stattgefundeu, und bei den stattgefuudeneu hat mau die angenehme Bemerkung zu machen Gelegenheit gehabt, dast kein solider, rechtlicher Bürger und kein achtbarer Familienvater Autheil genommen hat; es bleibt aber immer heilige Pflicht der höchsten Staatsregierung, durch kräftige Maßregeln dem ferneren Entstehen alter solcher Unordnungen vorzubeugen und dadurch den Schuh der Rechte zu bewähren, aus welchen jeder Staatsangehörige, ohne Unterschied der Religion und des Standes, gleichen Anspruch hat. Aus dieser Rücksicht haben Seine Königl. Hoheit der Grostherzog gnädigst zu verordnen geruht, dast in Zukunft für jeden Schaden, welcher den Israeliten, bei Zusammenrottungen und Aufläufen, zugesngt werden würde, die Gemeinden, vorbehaltlich ihres Rückgriffs gegen die Schuldigen, verantwortlich sein sollen. Indem mau diese allerhöchste Entschließung hierdurch zur Keuntnist des Publikums bringt, bemerkt man zugleich, dast man auch ferner vorsilglich darauf rechne. dast die Familien-Bäter fortfahren werden, ihre Hausangehörigen, Kinder, Untergebene und Dienstboten auf das Unvernünftige und Verächtliche solcher Ausbrüche des Hasses, oder eines gefährlichen Mnthwillens aufmerksam zu machen, imb mau glaubt, dast der vernünftige Theil des Publikums in jener Entschließung ein kräftiges Mittel zur Unterstützung der häuslichen Zucht erkennen werde, udem nunmehr auch der Unbesonnenste begreifen lernen wird, dast die uachtheiligen Folgen der Störung der öffentlichen Ordnung nicht die ansgewühlten Opfer treffen, sondern vielmehr auf ihn selbst und aus diejenigen znrückfallen werden, mit welchen er innig verbunden ist. Ans vesondrem allerhöchsten Aufträge. G r o st h e rz og l i ch Heff. Geh e i m e s ^t aals - Miit i fter i um. v. Grotman. v. Wreden. Freiher v. Gruben/' Bravo! ruft gewiß ein Jeder, der dies liest. Nur schade, dast das Datum des Erlasses geeignet ist, unserer Freude einen Dämpfer aufzusetzen. Denn obige Veröffentlichung ist nicht etwa eine Frucht der tumnltnarischen Wahlversammlungen im Hessenlande oder der neuerlichen Ausschreitung des Wiener Janhagels, sie wendet sich nicht etwa an die „aufgeklärte" Bevölteruug am Schluffe diesem neunzehnten Jahrhunderts —- weit entfernt! Nicht achtzehnhinidertiie unzig, sondern achtzehnhundertneunzehn ist sie erlassen worden, und so wollen wir denn das merkwürdige Schriftstück durch das Datum: ..Darmstadt, den 4. September 1819" vervollständigen und im* der Hoffnung hingebm, dast die heutigen Regierungen, toa* Gerechtigkeitsliebe und wirksamen Schutz aller Unterthanen anbelangt, hinter den Anschauungen von 1819 nicht allzuviel Zurückbleiben mögen! b.? Die Eonvertiten des Zudenthums. Von Rabbiner Dr. G. Deutsch iu Briir. 1. Der Zufall der Geburt kann nicht über Gesinnung und religiöse Ueberzeugung entscheiden. Soviel ist klar: Wenn wir auch verlangen, daß Jeder seiner Religion treu bleibt, so wollen wir doch andererseits, daß die Wahrheit der Religion sich ihm durch sein Deuten bestätige. Wir müssen deuigeuiäst Auch der Möglichkeit Raum geben, dast Jemand bei gereiftem Denken von der Unwahrheit seiner ererbten Religion und von der Wahrheil einer anderen überzeugt werden kann. Demnach ist es auch ohne weiteres möglich, dast ein geborener Jude, der in der Religion feiner Väter erzogen und sorgfältig unterrichtet wurde, mit reiferem Alter sich dem Ehristeuthum .zuwende. Solche Fälle haben sich gewiß oft ereignet, wenn ich auch überzeugt bin, dast die Mehrzahl der Fälle von llebertritt zum Ehristeuthum auf anderen Motiven beruhen, sei es, dast einer ein Vorwartskommen iu eitlem amtlichen Berufe, eine bessere gesellschaftliche Stellung für sich mtb seine Kinder, oder dast er, wie die niedrigste Sorte der Eonvertiten, für seinen Schritt von Priester tiud Patheu sich sofort baar bezahlen lässt. Ja, es kann sogar Vorkommen, dast die Grenze zwischen Ueberzeugutig und Gewinnsucht weder für den Außenstehenden, rtoch für ben llebevldufer selbst klar erkennbar ist. Das in jedem Menschen vorhandene moralische (Gewissen oder moralische Urtheil veranlasst ihn nämlich, sich oder Anderen auch dann sittliche Motive seiner Handlimgen vorznlngen, wenn dieselbett nicht vorhanden sind. Ich kannte einen jüdischen Kaufmann von echt polnischer Herkunft, der eines schönen Tages feine Kinder katholisch taufen liest. Seinen Bekannten im Kaffeehause sagte er zur Erklärung dieses Schrittes : Kinder müssen Religion haben mtd das Judenlhnm ist keine Religion. Er wusste wohl nicht recht, was er damit sagte, aber er wollte offenbar bamit andenten, dast die katholische Kirche mit ihrem BeichLzwang. in der Schule mit dem Kreuzschlagen, mit ihrer feierlichen Messe mib ähnlichen Eeremonien auf das kindliche Gemüth einen mächtigeren Eindruck mache als das Indenthnm, welches in der Schule nur gelehrt und zu Hanse nicht geübt wird. Wir wollen aber mit dem Manne nicht streiten, tmd lassen ihn dabei, dast nur das katholische Ehristenthuin eine eigentliche Religion sei. Nach einem halben Jahr begegnen wir demselben Manne vor den Geschworenen, wegen betrügerischer Erida angeklagt, und da erfahren wir, dast die Ueberzeugung von der wahren Religion ihm nur im Vorgefühl dessen gekommen war, dast eine solche Erkenntnist auf das Herz der (Geschworenen vielleicht einen günstigen Eindruck machen werde. So entsteht nun eine religiöse „Ueberzeugung." Ich füge hmzu. dast die erzählte Geschichte keineswegs ein Witz, sondern buchstäblich Thatsache ist. Ein anderer Fall. Ein Schuljunge erscheint eines Tages bei dem Direktor, uni ihm seinen Austritt aus dem Judentbum und das Vorhaben, zum Protestantismus überzutreten, anzuzeigen. Ter Direktor ist ein einsichtiger Pädagoge, welcher erkennt, dast trotz des Gesetzes, welches einem vierzehnjährigen Knaben freiftellt, über seilt religiöses Bekenntnist zu entscheiden, das Unterfangen eines Knaben, über die relativen Vorzüge der einzelnen Konfessionen zu entscheiden, ein mindestens arrogantes sei, er nimmt den jungen Mann ins Verhör, was ihn zu diesem Schritt bewege. Der Junge giebt an, dast im Talmud — den er übrigens nie inwendig gesehen hat — Aeußerungeu Vorkommen, die sein religiöses Gefühl verletzen. Ter Direktor ist aber damit nicht zufrieden, sondern stellt noch manche nebensächliche Fragen und findet endlich heraus, daß der Junge von seinem Religionslehrer, einem gut meinenden, aber etwas zu scharf ins Zeug gehenden jungen Mann, hart angelassen wurde und infolge dessen sich vorgenommen habe, demselben einen Streich zu spielen. Dazu war aber die Ueberzeugung nothwendig, daß der Talmud anstößige Lehren enthalte. Das ist also wieder eine „Ueberzeugung". Wim mag es aber Vorkommen, daß der Uebextritt zu einem andern Glauben aus diesem oder jenem rein äußerlichen Grunde erfolgte. Der Eonvertit hat aber mit der Zen in sich selber das