Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-25 · Heft 15 (25.4.1890) · p. Seite 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 15 (25.4.1890)
Date
1890-04-25
Page
Seite 214 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227841--46997-3268493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

214 nicht innt s3!atiomilität und nationalem Stolz sprechen, wo es galt, die höchsten Wiitcv des Weifte« zu erhalten, die Wurzel der Wahrheit }u schützen und alle schädlichen Einflüsse fern zu halten. Gerade im GegeutHeil must es in jener Zeit und unter jenen Kämpfen als ein hohes Zengniß für das geistige Lehen des JudeniHums gelten, daß es auch damals in seinen obren, Gesetzen und Borschriften seinen Söhnen die höchste -dumanitat einprägte, die Humanität,, die sich kaum von dem Ideal unterschied, das wir als solches verehren und bis jetzt wenigstens vergeblich zu erreichen gesucht haben. Angegeben selbst, daß das Schriftwort: „Tu sollst lieben deinen Nächsten, wie Dich selbst" wirklich nur auf den Volksgenossen (reu) sich bezog — was mir natürlich keineswegs zugeben, so findet sich ja dicht hauchen das Wort: „Ihr sollt lieben den Fremden, benit ein Fremdling warst du, als du aus Aegypten zogst." oft das Barbarei, ist das Selbstsucht gegen andere Völker? Und nun gar erst das Berhältniß zu deu Sklaven. Brauchen wir dem gelehrten Theologen die bezüglichen Vorschriften der Schrift auseinanderzusetzeu, die von einer Milde ohnegleichen sind? Weiß Professor Pfleiderer nicht, welche Stellung der Sklave im israelitischen Hanse inne hatte, eine Stellung, die er bei keinem Volke, welches Sklaven hielt, bis auf unsere Tage jemals wiedererlangt hat? Weiß er nicht, daß der Sklave bloß sechs Fohre diente oder schon früher frei ward, wenn das Jubeljahr eintrat? Taß er dann in sein bürgerliches Berhältniß wieder zurückkehrte, und zwar als.vollgiltig und ebenbürtig? Weiß er nicht, wie die Sklaven in Israel behandelt wurden; wie die kleinste Beschädigung am Körper, das Ausschlagen eines Zahnes nicht etwa blos als ein Nachtheil betrachtet wurde, den der Eigmthümer sich selbst oder seiner Waare zusügte, sondern daß der Sklave dann ganz frei ansging? Keimt er nicht das Wort: „Tu sollst den Sklaven nicht ausliefern seinem Herrn, wenn er vor ihm bei dir sich rettet; bei dir weile er, in einer heiner Städte, welche er sich selber erwählt. Täusche ihn nicht!" In der Thal u diesem einen Wort hat Israel vor Jahrtausenden eine Frage gelöst, die leider heute noch in zwei Welttheilen eine brennende ist. Und endlich die Barbarei. Kennt Professor Pfleiderer nid)t das Wort: „Es spreche nicht der Sohn der Fremde, der sich Gott zugesellt: mich hält ja doch Gott fern und sondert mich ab von seinem Volke, llnb die Söhne der Fremde, die sich Gott zugesellen, ihm zu dienen und seinen Namen zu lieben, — ich bringe sie auf meine heilige Höhe; ich erfreue sie in meinem Hause des Gebetes, denn mein Haus wird ein Haus der Andacht genannt werden für alle Volker!" Ist das Selbstsucht. Barbarei, Grausamkeit gegen Fremde? „Es genügt mir nicht, daß du allein mir ein treuer Diener seiest, sondern ich mache dich zum Lichte für alle Völker," beißt es ein anderes Mal. Wie thöricht ist dem gegenüber die Behauptung von einem jüdischen Nationalgott, wie unberechtigt die Zusammenstellung von Juden, Griechen und 'Körner in Bezug auf die Schätzung der Fremdeil'. Erst gegen Ende der alten Welt, so meint Pfleiderer, tauchte in einzelnen Geistern ein Bewußtsein auf, daß es über der Nationalität noch ein höheres Gesetz gebe, daß nicht im Eillzelnen des eigenen Volkes die ganze Menschheitsaufgabe beschlossen sei. Sokrates soll der Erste gewesen sein, der sich einen Weltbürger nannte. Aber die Griechen kamen nur in Reden, nicht in Thaten zu dieser Idee. Anders eiiiroicfclte sich der Humanitätsgedanke beim jüdischen Volke. Pfleiderer ertennt selbst an, daß in dem monotheistischen Gottesglaubell, der dem hebräischen Nationalgefühl seine besondere Schärfe gab,.zugleich die Kraft verborgen gelegen, „welche seiller Zeit die harte Schale sprengen sollte". Aber nur eine Ahnung dieses Humanitätsgefühls wittert er bei den Propheten des alten Testanlents. Ihr Weltbürgerthum, so meint er, ging aus einer Erweiterung der Volksschranken hervor; aber der nationale Standpunkt blieb immer gewahrt, das eigentlich«? Volk wurde nicht mehr als alleiniger Selbstzweck, sondern als dienende Mittel für die göttliche Regierung der Menschheit gedacht. Tarum habe sich auch der in Israel reifende Menschheitsgedcmb nicht wie der hellenische ins Leere Oedoreu, sondern zu einer Eiw Wickelung von weltgeschichtlicher Bedeutung geführt. Wir verzeihe)! es dem christlichen Theologen gern, wenn er in der Prophetie de-) alten Bundes mir den Keim jenes Gedankens sieht und erst in der Predigt des neuen Bundes seine Reife erblickt. Wie gesagt, bao finden wir bei dem christlichen Theologen erklärlich. Aber wir begreifen es nicht bei dem freisinnigen Teuker, der die Reden des Propheten Jesaias genau kennt, in welchen von einer beengten Volkslhümlichtm doch mich nicht die Rede sein kann, wo es stets nnd überall die ganze Menschheit ist, die er in seinen Jubelakkord einschließt, weil ja Gou der Vater aller Menschen ist, weil sich feine Liebe allen Menschen zmvendet nnd allen ihr Glück nnd ihre Weihe bringen soll. Aber die Bibel nnd die Propheten bei Seite gelassen, — finden wir nicht selbst in der Epoche, die man in jenen Kreisen gemeinhin als eine Zeit der Erstarrung des religiösen Gedankens auszugeben belieb!, in der Zeit der Mi sch na, des Talmud, denselben Hnmanitäts gedanken, dem die Bibel und die Propheten poetischen Ausdruck gegeben, freilich in einer anderen Prägung, aber von demselben Geiste erfüllt, ansgedrückt? Kennt Pfleiderer nicht das Wort Hillels: „Ter eigentliche Grund der Lehre ist: was dir mißfällt, das thne and) beinern Nächsten nicht, — das ist der Grund und die Wurzel der Lehre, alles Hebrige ist Erklärung. Gehe hin und lerne sie!" Und diese Worte sprach Hillel zu einem Heiden, der seine Geduld hau auf die Probe gestellt hatte. Weiß Pfleiderer nichts von Rabbi Akiba. der das große Wort ausgesprochen: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, das ist der große, umfassende Hauptgrundsatz der jüdischen Lehre!" In Wahrheit, Professor Pfleiderer scheint von Hille! und Akiba nichts zu wissen, denn sonst hätte der vorurtheilssreir Denker in der Reihe der Träger des .Humanitätsgefühls und der Zeugen seiner geschichtlichen Entwickelung sie nicht zu erwähnen unter lassen. So ist es denn begreiflich, daß er auch jenen Ben So me nicht kennt, der, anschließend an das Wort Akibas, den Bibelspruch: „Dies ist das Buch der Geschlechter der Menschen" so erklärt: „Das ist ein noch größerer Grundsatz, Mensch zu sein und überall den Menschen zu erkennen und alle nachkommenden Geschlechter gleich und ebenbürtig zu erachten." Bon solchen Gedanken waren die Träger des Jndenthums zu jeder Zeit erfüllt, und das ist Humanität, wahre, echte Humanität, welche die Schranken der Nationalität durchbrochen hat, welche die barmherzige Liebe zrrm Menschen, nicht blos zum Volksgenossen predig!, welche die Idee einer allgemeinen Menschheit lehrt und in erhabenen Gesichten oder in weisen Denksprüchen den Zeitgenossen einprägt. Und daran müssen wir sesthalten, unverbrüchlich sesthalten, and) in dieser neuen Zeit der Gährung und Klärung. An einem eflntauten Beispiel haben wir nachgewiesen. wie selbst freie Denker sieb aus den Banden altvererbter Vornrtheite nicht losmachen können, aber um so eher müssen wir darauf dringen und es überall, unter allen Verhältnissen, laut und eindringlich verkünden, daß Israel nicht blos die Aufgabe hatte, der Menschheit den Gvttesglauben zu bringen, sondern auch die menschlichen Verhältnisse, die Ertenutniß und Würdigung des Menschen selbst, die Idee der Humanität und der Freibeit zu verklären rmd zu verbreiten. „Tu sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst" — das war, ist und bleibt der Hauptgrundsatz der jüdischen Lehre. U Genosse erlangt Erlaß Eine si u u b st deutsche erlaubt Ul wir! erwarte sinnnuc In noch w und be machen achtbar deilige dem fer dllrch d an geh öi Anspru An auäbigi oeu Js würde, vereint) In des Pu Ulglich Hausm veruün gesährl der ver liges SI itöem uachthe ansgen diejenic desonbr 31 a a t B das D auszuse der tu ueuerli etwa a vahrhi ionden wollen ..T Order Hi keitslie den A Ueberz daß I, daß di

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.