Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 15 (25.4.1890)
- Date
- 1890-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Expedition: Gerlin, Jernscüemerltr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mossc, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/40 zu richten. Inhalt. Leitartikel: Nationalität und Humanität. — Ein Regierungserlaß. — Die Konvertiten des Judenthums. Von Dr. G. Deutsch. — Der Rabbiner. Von Tr. S. Maybaum (Schluß). — Willenschaft nnd Litteraturr Schicksale von Büchertitelu. Von Dr. D. Eassel. — Die reichsten Schristslellerinntn. Von G. Karpeles. — Feaitteton: Timon von Tarsus. Von K. v. Heiael (Schluß). — Literarische Mitthetlnngen. — Miseetten. Der Gemeindebote r Ist der Buß- und Bettag ein Feiertag für die jüdischen Volksschulen? Von Haiwtlehrer Siegfried Gras. — Korrespondenzen nnd Rachrichten: Berlin. Königsberg i. Pr.. Grüß, Bielefeld, Darmstadt. Straßl'urg i. Elsaß. Freiburg i. B.. Nürnberg. Krakau. Paris, Warschau. -- Von Rah und Fern. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Briefkasten der Redaktion. — Miseetten. Nationalität und Humanität. Berlin, 20. April. Der Gegensatz von Nationalität und Humanität, der seit Jahrhunderten eines der wichtigsten Probleme der Geschichte bildet, beschäftigt auch alle ernsten Geister in unseren Tagen sehr angelegentlich. Einer der freisinnigsten christlichen Theologen, Pros. OttoPsleidcrer, hat jüngst darüber einen populären Bortrag gehalten, der für uns viel Interessantes nnd Belehrendes bietet, wenn wir dagegen auch vielfachen Widerspruch erheben müssen. Im Vordergrund der politischen Kämpfe, die unser Volk, ja die Menschheit heute erregen und zerspalten, liegt nichts Geringeres als eben jener tiefe Gegensatz, den Pfleiderer auf einem Spaziergang durch die Weltgeschichte au dem wechselnden Verhältnis der beiden Ideen nnchzuweisen versucht. Dem Urmenschen lag natürlich nichts ferner als Humanität; er fühlte sich selbst noch nicht als Menschen, sondern mir erst als Glied einer Familie, dann eines Familien Verbandes, einer Horde, eines Stammes. Es bedurfte langer Zeit, ehe ans den schweifenden Horden seßhafte Völker wurden und bis die zuerst imbewußt entstandenen Titten der Stämme sich in festen Gesetzen konsolidirten, kurz, bis die Horden der Urmenschen zu staatlich geordneten Völkern wurden. Das zu erreichen war die Ausgabe der alten Welt. Mit großem Geschick führt Pfleiderer ans, wie sich der Begriff der Nationalität im Alterthum entwickelt hat, und wir können seinen Auseinandersetzungen unbedingt zustimmen. Nur an einer Stelle fordern sie entschiedenen Widerspruch unsererseits heraus, denn auch Pfleiderer kann nicht umhin, folgenden Satz aufzustellen: „Als Mensch fühlte sich der Grieche und Römer und Hebräer nur insoweit, als er sich als Bürger seiner Volksgemeinschaft fühlte, unb als Mitmenschen erkannte er nur seine Volksgenossen an, nicht die Fremden, die ihm als Barbaren, als rechtlind wehrlose Menschen, nicht viel besser als die Thiere galten." So lveit sich dies auf die Griechen nnd Römer bezieht, ist ja diese Thatsache richtig, wie Jeder weiß, der die antike Litteralur kennt; so-! weit es sich aber auf die Hebräer erstreckt, ist es leider iviedermn die i alte Verkennung geschichtlicher Thatsachen. Das Jndenthum hatte seit der Offenbarung den Trieb und die Aufgabe, als Religion der Menschheit alle ihre Segnungen enlgegenzubringen. Der Gedanke, daß Gott einst König sein lverdc der ganzen Erde, daß au jenem Tage nur Einer nnd sein Name nur . Einer sein werde, zieht sich durch die ganze Bibel. Otto Psleiderrr ist , Professor der systematischen Theologie an der Berliner Universität; I er ist bekannt durch seine eingehenden religionsphilosophischen For- ' schlingen und durch seine kritischen Schriften über das neue Testament. ■ Mit dem alten scheint er sich aber nicht so eingehend befaßt zu haben, denn sonst wäre cs nnbegreislich, >vie gerade c r in diesem Punkte Griechen, Römer und Hebräer unter einen Hnt zu bringen versuchen könnte. Pfleiderer ist jedoch nicht nur ein großer Gelehrter, sonder» auch ein vornrtheilsfrcier Geist, ein freisinniger Denker. Aber wie merkwürdig! Selbst ein so freier Geist kann alte und eingewurzelte Vornrtheile nicht vollständig überwinden. Denn sollst würde Pfleiderer nicht behaupten dürfen, daß der alte Hebräer ein [ittlidjcö Gefühl der Pflicht nur gegen seine Bolksgenossen gehabt hätte, daß er nur in diesem Verhältnis; einer selbstlosen Hiilgebnng und Treue, eines opferwilligen Heroismus fähig geweseir sei, daß aber mit dieser Selbstlosigkeit gegenüber dem eigenen Bolke Selbstsucht, Härte unb Grausamkeit gegen die andern Völker, Barbarei und Sklaverei und eine Rohheit der Gesinnring Hand i» Hand gegairgen seien, die den modernen Menschen um so eher befremden inüssen, wenn wir sie an sonst trefflichen Männern wahrnehmcn, „an frommen hebräischeil Psalmeudichtern oder an weisen griechischen Philosophen, oder an sittenstrengen römischen Eatonen." Die Erklärung diese-:- scheinbaren Widerspruchs liegt für Pfleiderer darin, daß die Alten noch keine Humanität über der Nationalität kannten. Noch einmal: für das Volk der Bibel kann diese Erklärung nicht ausreichcn. Das Jndelithuni hatte die große Mission: die Idee der Offenbarung in der Welt zu verbreiten, mit welcher das Volk in Be- . rührung kam. Jede Gefahr, welche ihm drohte, mußte darum mit! aller Empfindlichkeit fern gehalten werden, und mit dem Feuereifer, der nicht blos erwärmt, sondern das Böse verzehrt, mußten die Großen; in Israel gegen alle Berderbniß, gegen das Einfressen des Nebels anftreteil. Darum dürfen wir lins gar ilicht wniideru, wenn wir! hier und da schroffe Alisdrückc lind Härten gegen andere Völker i finden; galt es doch, eine Idee zu vertheidigen, die das höchste Gut der Menschheit werden sollte. Man kann eben jene Zeit nicht mit dem Maßstab moderner Humanitütsidecii messen, jene Zeit, in der sich zwei Gegensätze auf Tod nnd Leben bekämpften. Alan kann da