Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 14 (18.4.1890)
- Date
- 1890-04-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Obgleich ich Ihren Namen bereits kannte, hatte ich poch erst bei dieser Gelegenheit das Vergnügen, Sie persönlich kennen 1» lernen, und ich gestehe es gern, daß Sie mir damals wie ein ivahrer Samariter vorkamen, und daß ich diesen Eindruck nicht ans meinen; Gedächtnis; verdrängt sehen möchte. Sie können sich denken, ivie schmerzlich cs für mich unter diesen Umstünden ist, zu erfahren, daß Sie, der Mann der Wissenschaft, zuweilen einen unliebsamen Unterschied zwischen den Ihnen anvcrtrauten Schülern bezüglich ihres vilaubens machen. Nach meiner Meinung sollte cs dem Lehrer gleich vlciben, in welcher Konfession die Kinder, die er zu nützlichen und guten Menschen heran,zubilden hat, geboren sind, und das ist nicht l'los die Aufgabe des Religionslehrers. Die Schule ist ein heiliger Tempel, wo die reine Menschenliebe in jugendlicher Pracht auf dem Thron sitzt, und wo das Gefühl keines Kindes in religiöser Beziehung verletzt werden darf. Nach diesen Worten werden Sie vielleicht bereits ivissen, wo ich hinaus will, und ich hätte Ihnen ohne Umschweife sagen können, was mir auf dem Herzen liegt, aber glauben sie mir, es thut wir wehe, endlich das thun zu müssen, wozu ich mich schon langst veranlaßt fühlte. In jüngster Zeit verlangten Sie von meine»; Zögling Jakob L., behufs seiner Entlassung aus der Schule, sein Geburtsattest mit de»; Bemerken, daß bei den Inden gewöhnlich Verwechselungen der Name vorkämen, da sie sich öfter andere Namen beilegen, und dergleichen wehr; und merkwürdiger Weise soll Ihnen dabei auch der Namen Spinoza auf die Zunge gekommen sein, weil derselbe früher Baruch, später Benediktus geheißen hat. Ich brauche Sie wohl erst nicht darauf aufmerksam zu machen, daß Spinoza längst kein Jude »lehr war, als er seinen Nainen wechselte, und daß beide Namen identisch und. Ebensowenig brauche ich Sie aufmerksam zu machen, daß Melanchton früher Schwarzerd geheißen, und daß solche Namenänderungen zahllos sind. Aber Sie spielen mehr auf biblische Nainen an, und es scheint Tie zu stören, daß viele Juden neben diesen auch einen ähnlich lautenden Nanien haben, und z. B. anstatt Aron Arnold heißen, worauf ich mir erlauben möchte, Ihnen zu bemerken, daß das beispielsweise in England nicht nöthig ist, da dort ebenso viele Christen wie Juden biblische Nanien haben, und daß sich dort keiir Mensch an diese Benennung stößt. Denken Sie sich, wenn hier ein Ehristenmädchen Esther hieße, man würde es ohne Weiteres für eine Jüdii; halten, oder doch ivenigstens denken, daß es von jüdischer Herkunft sei, und »ehmen Sie es einen; Judenmädchen tibel, wenn es sich statt dessen Else nennt? Wir sind ja leider hier zu Lande, trotz der gepriesenei; Aufklärung noch lauge nicht so weit, das sehen Sie ja selbst, daß cs sich gleich bleibt, welchei; Namen der Mensch trägt, und n;nß sich ein Judenknabe seinen Mitschülern gegenüber durchaus zuii; Märtyrer machen, weil er in der Taufe den Namen Isaak erhalten hat! Ji; England hieß eilt gewisser Newton auch Isaak, aber er ist deshalb für keinen Juden gehalten worden, und wäre er hier als solcher geboren, dam; hätte dieser Name vielleicht ebenso zum Spott gedient wie der Name Baruch. Es wäre mir erspart geblieben, Ihnen all dieses zu sagen, wenn Sie einfach und ohne unliebsame Glossen das Geburtsattest von meinem Zögling verlangt hätten, ich hätte mich höchstens über diese neue Einrichtung gewundert, da nur bis jetzt noch nie ein solches dein; Abgänge eines Zöglings abverlangt worden ist. Ich habe es Ihnen jedoch geschickt, obgleich ich es für überflüssig halte, denn der Jakob B., den Sie jetzt entlasse», ist ganz derselbe, den Sic vor sechs Jahren aufgeuonnnen und in Ihre Bücher eingetragen haben. Es würde mich sehr freuen, zu erfahren, daß diese und andere derartige von Ihnen von Zeit zu Zeit hingcworfcne Bemerkungen nur der Ausfluß einer vorübergehenden Laune sind, ohne daß Sie sich etwas Besonderes dabei denken, wie das sa im Leben häufig vvrkommt, und Sie trotzdem jener gute Menschenfreund sind, den ich einst in Ihnen verehrt habe. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 14. April. Ein hiesiger Korrespondent der „Augsburger Abendztg." schreibt: lieber die Stellung des Kaisers znmJndenthum ist in letzter Zeit öffentlich und privatim viel debattirt worden. Ich kann aus zuverlässigster Quelle mittheilen, dah der Kaiser seinen jüdischen Unterthanen nicht anders gegenübersteht als den christlichen. * Berlin, 13. April. Gestern, am letzten Tage des Peßachfestes, waren unsere Synagogen von Andächtigen überfüllt. Die seit einiger Zeit vom Vorstände getroffene Anordnung, daß an solchen Tagen, an denen die Seelenfeier (Maskir) stattfindet, ein zweimaliger Fri'ihgottesdienst, um 7*/t> Uhr und um 10 Uhr stattfindet, hat sich auf das Trefflichste bewahrt, und mit Ausnahme der prinzipiellen Oppositionsmacher haben alle Gemeindemitglieder, die es angeht, d. h. diejenigen, welche ihre ständigen Synagogensitze haben, und diejenigen, welche gemeinhin auf diesen Sitzen zu beten pflegen, nur Worte der Anerkennung für die Maßregel. Unter den Besuchern der Tempel konnte man wieder zahlreiche jüdische Militärs sehen. Urlaub zum Gottesdienst wird den israelitischen Soldaten von ihren Vorgesetzten bekanntlich williger ertheilt, als den jüdischen Gymnasiasten von ihren Direktoren. Allerdings geht dies nicht so weit, wie ein englisches Blatt seinen Lesern mittheilt. Der Jewish Cliroiriele läßt sich nämlich aus Berlin telegraphiren, daß der Kaiser durch Spezialerlnß allen Regimentskommandeuren befohlen habe, die jüdischen Soldaten an den ersten beiden Peßachtagen zu beurlauben. Uns ist von einem solchen Erlaß nichts bekannt geworden. □ Berlin, 15. April. Wie man uns aus Mainz meldet, ist dort am 14. d. M. nach längerem Leiden der Rabbiner der orthodoxen Religionsgesellschaft Dr. Meir Lehmann im59.Lebensjahre gestorben. Dieser Todesfall wird nicht verfehlen, in den Kreisen, denen der Verstorbene angehörte, tiefe Trauer hervorzurufen. Lehmann war seit mehr als 30 Jahren der journalistische Vorkämpfer der neuorthodoxen Richtung im Judenthum. Sein Organ, „Der Israelit", das er seit 1801 herausgab, hat in diesem Sinne gewirkt. Anher-