Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 14 (18.4.1890)
- Date
- 1890-04-18
- Page
- Seite 210 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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210 „Tein Reichthum erlaubte ihm, nicht nur Liebhaber, sondern auch Besitzer plastischer Meisterwerke zu sein. Um das Aergerniß in der (Gemeinde zu vermeiden, verbarg er seinen Schatz in einem abgelegenen (Äartengebäude. Nach Knabenart hatte ich das Geheimnis; des Hauses, das mein Vater oft übelgelaunt betrat, aber immer mit aufgeheiterter Stirn verliest, bald ergründet. Wenn ich auf eine der (Ölpressen, die es umfriedeten, kletterte, konnte ich im Borhof Zeus uitb Athene, Here und Apollon sehen. Erst als reifer Jüngling und nur einmal gelangte ich ins Innere. Damals — man begann hier vom neuen Propheten aus Galiläa zil sprechen — erging an meinen Bater wiederholt der Auf nach unserem Muttcrlande, nach Jerusalem. Er zögerte lange, um endlich doch, vielleicht weil er ehrgeiziger war, als er scheinen wollte, die Uebersiedelung zu beschließen. Kurz vor der Abreise nahm er mich zu seinen marinornen Lieblingen mit. „Wer weis;," sprach er wehinüthig, „ob ich Dir sie jemals wieder in richtiger Belenchtnm; und würdiger Umgebung zeigen kann." „Nachdem wir manches bedeutende Werk betrachtet hatten, zeigte er mir seine Perle. In einer Rotunde, in einsamer Pracht, stand eine Benns des Lkopas. Doch was weißt Dil von Skopas!" — „C," entgeguete Androuicns beleidigt. „Das haben wir in Rom Alles viel besser." „Die Hand ward von Gott geführt, rief mein Bater, als ich in scheuer Bewunderung stand. Solch' ein Werk für sündlich zu halten, - ist grösste Sünde." Aber die Pharisäer! die Pharisäer! .... Ach; ja, sie machten ihm bald das neue Leben schwer, obwohl unser bester Irennd in Jerusalem kein Geringerer war, als der Hohepriester Kaiphas. ' "mi der sadduzäischen Schule erzogen, hielt sich derselbe streng an das; g e sch r ie b e n e Gesetz, den Aberglauben und die frommen Ränke der Pharisäer verachtend. Aber die groste Bkenge war auf Seite dieser schlimmsten aller Sophisten. Ta sehnte sich denn mein Bater bald j nach dem Umgang mit seinen stillen Marmorbildern, die in Eilieien! geblieben waren. Am Tage launenhaft und beim geringsten Anlast heftig, säst er Abends in sich gekehrt, an das Gartenhaus in Tarsus denkend, oder las bis tief in die Rächt hinein — Griechisch. Und auch ich erinnerte mich seufzend an die freieren Berhältuisse, den weiteren Horizont der eilieischen Stadt. Da ich entdeckte, das; ineine Sinnesart : den Einen zum Spott, den Andern zum Aergernist war, wurde ich schweigsam und zurückhaltend. Man nahm es für Schüchternheit. Der Schüchterne wird bald in den Hintergrund gedrängt, aber iin Hintergründe stehen die besten Beobachter. Ach, Androuicns! . . . l Schlust folgt.) d LerNner Figuren. B o u A 1 c r a u b c v i» c y e r. SlsJcii? beim gar Niemand mehr Etivas vom „schwarzen Sleinihal Es sind viele Jahre vergangen, seitdem ich seinen Namen zmn letzten B!ale habe erivähnen höre», und er ist mir nur durch einen oiifall wieder in den Sinn gekommen. Es war eine Zeit lang Mode geworden, Nneldote» von bekannten Berliner Persönlichkeiten zu sammeln. Vaum waren die Namen Frau Dutitre oder Theaterdirektor Eerf angeriihrl, so floh von allen Leiten Material zusammen; auf König Friedrich Wilhelm IV. lausen eine Menge von Ealembourgs und ans den alten Wränget eine Reihe von Schnurren, von denen ivvhl ein groster Theil imitirt ist. aber doch ei» hinreichender Stamm von Echtem übrig bleibt, »»> der gewissenhaften Geschichtsforschung zu dienen. Der Bangnier Steinthal, seiner dunklen Gesichtsfarbe wegen der j schwarze genannt, war ein geachteter und ehrenwerther Mann, über dessen Leben und Schicksale etwas Besonderes nicht zu melden sein wird, und nebenher ein unübertroffener Meister des Ealembourgs. Er glänzte durch feine Schlagfertigkeit im Wortspiel ebenso sehr, wie Friedrich Wilhelm IV., nur mit dem Unterschiede, daß bei diesem der Witz einen Stich in das Lokal-Berlinische hatte, während bei Stein thal die Nnanee des Judenwitzes überwog. Der Berlinische Witz und der Judenwitz gingen früher unvermittelt neben einander her; die Nante-Litteratnr, „Nante Strumpf im Verhör", „Nante Strumpf auf der Eisenbahn", „Nantes Tod", sowie Glasbrenner's „Berlin, wie es ißt und trinkt" — waren die Speeimma des reinen Berliner Witzes, der um seines starken Fuselgehalts willen heute nicht mehr genießbar sein würde. Der Judenwitz aber Pflanzte sich nur durch mündliche Tradition fort; er war eine esoterische Kunst, die hauptsächlich an der Börse gepflegt wurde. Die Anderen verstanden die in denselben eingestreuten Brocken des jüdischen Idioms nicht, und man gab sicli auch keine Mühe, sie ihnen verständlich z» niache». Man wollte etwas für sich haben. In den vierziger Jahren erschien einmal in der „Bossischen Zeitung" als Eingesandt die Neckfrage: „Was ist ei» Pleitegeier V und hat damals die Zoologen, von welchen die Wis: begierigen Auskunft verlangten, in ernsthafte Verlegenheit gefetzi. Heute ist das Wort Pleite und mit ihm eine Reihe ähnlicher mehr als wünfchenswerth in die Schriftsprache eingedrnngen. David Kalistb ist es gewesen, der mit der Figur des Zwickaner, die er in seiner ersten Posse geschaffen, den Theaterjnden der Schablone durch ein, wirtlich aus dem Leben gegriffene Figur ersetzt hat, die denn amb bald als Schablone benutzt wurde, und der „Kladderadatsch" Hw vollends die Verschmelzung des jüdischen Witzes mit dem berlinischen zu Stande gebracht. Pom schwarzen Steiuthal wurde eine Unzahl von Ealembourgs in Umlauf gefetzt, bei denen freilich häufig die beste Eigenschaft die unglaubliche Zungenschlagfertigkeit war, mit welcher sie unmittelbar auf eine gestellte Frage erfolgten. Eines Tages meldete der „Staatsanzeiger" seine Ernennung zmn Kominerzienrath. Das gab ein ungeheures Aufsehen an der Börse, die der beständige Schauplatz von Steinthals Leistungen war. Man drängte sich um ihn, um ihn,zn beglückwünschen und ihn nach der Ursache dieser Rangerhöhung zu befragen. „Was weiß ich?" antwortete er, „man hat die Kommerziell räthe anschwärzen wollen", auf seinen »um clo guem.“ anspielend. Zu den Berliner Figuren gehörte auch Heinrich Beer, der Bruder des Komponisten Meyerbeer, des Dichters Michael Beer und des Bankiers Wilhelm Beer, der in seinen Mußestunden sich ernsthaft mit Astronomie beschäftigt hatte. Zmn Ersatz für das Talent, was sie seinen Brüdern gegeben und ihm verweigert hatte, hatte ihn die Natur mit einem erhöhten Maße von Thorheit beschenkt, von welcher viele Proben erzählt wurden. Er sammelte in Ermangelung einer anderen nützlichen Beschäftigung Theaterzettel und hatte dem Theater Riese dessen Sammlung abgetanst. Das war ein kleiner Rentner Namens Riese, der täglich im Theater und täglich ans demselben Platze zu finden war. Es gab damals eine ganze Reihe von Personen, welche diese Leidenschaft hatte», und in meiner Seele ziel» eine Reihe von Bildern ans. Es mag auch heute noch solche Personen geben, aber man kennt sie nicht mehr. Die Zahl der Theater hat sich zu stark vermehrt, und Berlin ist zu groß geworden. Damals aber kannte den Theater-Riese, der über jenes Verkaufsgeschäft mit Heinrich Beer in einen Prozeß gerathen tvar und ihn glücklich gewonnen hatte, jedes Kind in Berlin, obwohl er ein durchaus harmloser Mann war, von dem außer seiner Theaterleidenschaft nichts zu erzählen ist. Es gab damals noch eine ganze Anzahl von Personen, die eine solche kleinstädtische Notorietät besaßen, zmn Beispiel der Thealersrisenr Warnick, dessen hervorstechendste Eigenthümlichkeit es