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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-18 · Heft 14 (18.4.1890) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 14 (18.4.1890)
Date
1890-04-18
Page
Seite 208 (sequence 8)
Language
German
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208 wir fünncit dem Beispiel und dem Triebe widerstehen und sind zur freien Sclbstbildung geschaffen. Giebt es bei Ibsen viele Figuren, die das Böse ihres Vorbildes in sich eingesogen haben, so zeigt er uns auch andere, die davon so abgestoßcn wurden, daß sie dein Bösen ferner blieben, als wenn cs nie in ihren Gesichtskreis gekommen wäre. Und so berührt sich unser Dichter in vielen Beziehungen mit den Gesichtspunkten der Bibel. Ich will nur noch kurz zwei Beispiele anführen. Konrad Schmidt, sonst einer der einsichtigsten Benrtheiler Jbsen's, tadelt cs, daß die Hauptfiguren seiner Stücke plötzlich und unvermittelt zur Erkcnntniß, zur Umwandelung der (Gesinnung und des Entschlusses gelangen, so daß sie weder selbst, noch der Zuschauer daraus vorbereitet seien. Allein solcher Wandel ist in verhängnißvollen Lagen immer die Sache eines Momentes. In einem einzigen großen Augenblick geht Abraham von der früheren Eingebung, den Sohn z» opfern, zu dem entgegengesetzten Entschlüsse über, der ihm durch eine neue Offenbarung geworden. Lange hat Jacob in Mesopotamien geweilt, aber in einem Augenblicke der Nacht entscheidet er sich, durch Gott veranlaßt, von Laban zu gehen, und ebenso gewinnt er es in einem gewaltigen Augenblick des Kampfes über sich, dem Bruder Esau demüthig entgegen zu gehen und alles frühere Unrecht wieder gut zu machen. Und nun das letzte Beispiel. In der Bibel heißt cs so oft: Vergiß nicht, vergiß nicht, was deine Allgen geschn, und einer der heiligsten Tage der Bibel in unserer Religion ist bekanntlich der Tag der Erinnerung. So feiert auch Ibsen in seinen Gedichten die Erinnerung uild ihre Bedeutung im Leben der Einzelnen wie der Völker. Ein Volk, das nicht den „Trost der Erinnerung" an eine ehrenvolle Vorzeit genießt, ist ihm ein unglückliches Volk. Tie Erinnerung dampft nach ihm jeden Kummer der Seele und hat einen erhebenderen Einfluß als der Genuß des glücklichen Besitzes. So heißt es in „Brand": Gewinn fei im Verlust erkoren, Und ewig bleibt nur, was verloren. Ich weiß sehr wohl, daß die Stimmen über Ibsen getheilt sind, ich weiß, daß man ihm besonders den Vorwurf des Pcssinlismlis macht. Aber so ivcnig jener Weise ein Pessimist tvar, der uns auffordcrt, Gottes Wert zu betrachten und nicht gerade machen zu wollen, was er einmal gekrümmt hat, glücklich zu sein am Tage des Glückes und am Tage des Unglückes cs zu ertragen, und der den Kern aller Weisheit und alles Glückes darin findet, Gott zu fürchten und seine Gebote zu beobachten, so wenig ist Ibsen ein Pessimist. Ich glaube vielmehr, daß auch er mir einen anderen und höheren Maßstab als den gewöhnlichen an das setzt, was wir Glück nennen. 4- -----E Feuilleton. Timon non Tarsus. Von Karl v. Heigel. Ein Jahr war seit Jerusalems Zerstörung vergangen. Dem lauten Jammer der Israeliten um die Davidsstadt und den Rest nationaler Selbstständigkeit folgte dumpfe Betäubung. Tie gegenwärtigen Leiden, das Elend der Verbannten oder Flüchtigen in der Fremde, wie die unerhörte Bedrückung der Zurückgebliebenen im Lande waren so furchtbar, daß die Opfer des ungeheuren Blutbades von den Ueberlebenden beneidet wurden. Ten Barbaren war die mehr oder minder sagenhafte Kunde eine Erfahrung mehr, daß die römischen Adler überallhin Verderben tragen; in Rom selbst aber hatte man von dem großen politischen Ereigniß nur noch des Titus wunderbaren Triumphzug im Gedächtuiß. Eine Novcmbernacht war's. Unter einem schwarzblauen, reichgestirnten Himmel lag das Trümmerfeld, wo einst Jerusalem gestanden, noch im Dunkel, doch die goldene Lohe über dem östlichen Höhenzug verhieß den Mond. Auf einem der vielen Felsenpfade, die durch Oelgürten, wo Niemand mehr erntete, bergan führten, klommen zwei Wanderer aufwärts, Als sie eine nur mit Steinblöcken und Geröll bedeckte Halde erreichten, von der sie das Thal übersehen konnten, ruhten sie sich aus und harrten des Mondaufgangcs. Bald stieg die Scheibe hinter ihnen empor und brachte die Welt zu ihren Füßen ins Helle. Eine Welt des Todes und der Schrecken. Unabsehbar dehnten sich die Ruinen aus. Im Wechsel von bläulichem Licht und tiefen Schlagschatten glichen sie den bloßgelegten Klippen eines ausgetrockneten Meerbeckens. Der gewaltige Bau, das Wunder der Erde, das Heiligthuin, das zur Ehre des Einzigen und Einen hoch über die Stadt sich erhoben, war niedergeworfcn und zerstampft, und sein Marmor und Erz und Sandelholz füllten die Schlucht aus zwischen dem Tempelberg und der Altstadt. Aber auch von den Häusern und Palästen, Thoren, Thürmen und Aquäducten der letzteren waren nur noch Mauerreste, Steinhaufen und verkohltes Gebälk übrig. Schwarzer Schutt lag in den Straßen, Höfen und Häusergerippen; durch zerfallene Bogenhallen schlich der Schakal. Wenn nicht ein Raubvogel kreischte, war Grabesstille. Tie Neustadt bot einen ähnlichen Anblick dar; doch dort, im Nordwest, glühten die Wachtfeuer eines Römerlagers und warfen ihren Schein ans die Thürme des Hcrodes: Hippikos, Phasaöl und Mcrriamne, die Titus als Wahrzeichen der einstigen Macht Jerusalems und der größeren Roms stehen ließ. Im Phasaäl wohnte der Befehlshaber der Besatzung, Terentius Rufus, und in milden Nächten wie diese wurde die Warte, von der man bis zu den Bergen jenseits des Jordans sah, ein Lustzelt von kaiserlicher Pracht. Auf Purpurkissen an der goldstrotzenden Tafel ruhten die bekränzten Zechgenossen und plauderten vom Krieg oder von den Phhllis und Lydien Roms. Ter Eindruck dieses Jerusalems auf den einen der Wanderer war furchtbar. Beide waren nach ihrer für eine weitere Reise zurecht gemachten Tracht arme Plebejer, Beide bejahrt und von untersetzter Figur und Beide einander ähnlich, insofern ihr Gesicht durch Sonnenbrand rmd Staub und struppigen Bart entstellt war. Dennoch konnte der Unterschied zwischen ihnen kaum der flüchtigsten Beobachtung entgehen. Der Eine war in Kleidern von rauhem Stoff und schlechtem Schnitt ausgewachsen, der Andere hatte sicherlich einst eine Toga von feinster Wolle und zierlich gefaltet getragen. Seine Haltung, sein Blick drückten das geistige Uebergewicht des Gebildeten aus. Doch eben er gab sich ganz seinen Gefühlen hin, zerschlug sich aufstöhncnd die Brust, rang jetzt, sprachlos vor Schmez, die Hände gen Himmel und schüttelte zuletzt drohend seine Rechte westwärts, indem er auf Hebräisch: „Elende! Dreimal Verfluchte!" rief. Dem Gefährten war bei diesem Wuthausbruch unbehaglich zu Muth. Er sah sich ängstlich um und zupfte wiederholt den Andern am Aermel. „Wenn Tu Griechisch sprechen willst," bemerkte er zwar nicht in musterhaftem, aber autochthonem Latein, „bitte, nicht so laut! Unsere Soldaten möchten Dich mißverstehen und —" „Unsere Soldaten?" wurde er in seiner Sprache vom Andern unterbrochen; „Eure Mordknechte! Ich habe nichts mit ihnen gemein, sondern hasse und verwünsche sie." „Beim Jupiter, wir sprechen ja wie die Heiden! Verwünschen, hassen — ist das christlich? Wenn Dich unser Aeltester gehört hätte —"

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