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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-18 · Heft 14 (18.4.1890) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 14 (18.4.1890)
Date
1890-04-18
Page
Seite 206 (sequence 6)
Language
German
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zu lehren, so bleibt Brand unerbittlich gegen die Gattin, die der Erinnerung an ihr Kind ein Opfer bringen tvill, und gegen die Mutter, die seinen Segen verlangt, da er ein Priester ist, und versagt ihr denselben, tveil sie nicht alles, alles Irdische opfern mag, »voran ihre Seele hangt. Scheint nicht Brand geradezu den Gott Israels zu zeichnen, wenn er sagt: Ihr braucht einen Gott, der schwankend geht Und der Euch durch die Finger sehe!- Mein Gott ist nicht so matt gesinnt; Ter mein' ist Sturm, der Eure Wind! Aber ivie Elijah erhält auch Brand in Bezug auf die angewandten Mittel der Rauhheit und grausamen Strenge seine Zurechtweisung von oben. Am Schlüsse seiner Laufbahn fährt Elijah im feurigen Wagen ge» Himmel, nachdem ihm die Offenbarung zu Thcil geworden, das; der Herr nicht im wilden Sturm und Orkan, nicht im zerstörenden Feuer und Erdbeben, sondern im sanften Wehen der Milde und Liebe sich lundgebe, das; der Gott, den Mose gelehrt, zivar ein Gott der Gerechtigkeit, aber auch ein Gott der Güte und des Erbarmens fei. Und so scheidet auch Brand an» dem Leben unter dem Donnerkrach einer mächtigen Lawine, nachdem er noch im TodcSgraus auf die Frage, ob er mit feinem ManneSwillen Gott genug gcthan, eine Stimme vernommen: Er ist «1mm onritittG, ein Gott der Liebe und der Barmherzigkeit. Die Bvrurtheilc der Zeit zu beseitigen, die Jrrthümer in den sittlichen und religiösen Vorstellungen, die zur Gewohnheit geworden waren, und die sich tief in die BolkSscclc cingelebt hatten, auS ihr wieder zu entfernen durch die Hcbelkraft einer neuen und geläuterten Kenntnis;, war das Hauptanliegen der alten Propheten. Auch Ibsen kennt in seinen Dramen nichts Wichtigeres, als einleuchtend zu machen, wie viel Unwahres und Gefährliches sich unter den herkömmlichen Sitten und Formen seines Bolkes birgt. In den „Stützen der Gesellschaft" tritt er den eingebildeten Vorzügen entgegen, welche nach der fcstgeivordencn Ansicht seiner Zeit und seines in kleinlichen Verhältnissen ausgewachsenen Kreises der hergebrachten guten Gesellschaft eigen sein sollen. Er zeigt den Zusammenbruch eines Hauses, welches lange unter der scheinsamcu Ehrbarkeit dcS Oberhauptes als die Stütze vieler mit diesem Hanse zusammenhängenden .streife gilt. Aber unter der Decke der Zucht und des Anstandes, der helfenden Liebe und Theilnahme spielen die Selbstsucht und die Lüge ihre verderbliche Rolle und bringen plötzlich das Hans zum Fall. Man hat dieses Stück und die ihm verwandten Schauspiele „Nora" und „Gespenster" getadelt, weil die gewaltigen tragischen Spitzen zu dem Untergründe nicht in dein richtigen Verhältnis; stünden und alle drei uns mit unheimlicher Angst erfüllen, ohne uns durch eine rein sittliche Lösung zu entschädigen. Man meint daher, das; sie der Forderung des Tragischen nicht entsprechen, tvclcheS den Menschen erhebt, meint eS den Menschen zermalmt. Aber »in zunächst bei den „Stützen der Gesellschaft" zu bleiben, so wird uns allerdings.sehr unheimlich zu Muthc, wenn mit einem Male die itackte Wahrheit in das Getriebe der Heuchelei hineinlcuchtet und der plötzliche erschreckende Zusammenbruch aller friedlichen und doch so viel Gutes stiftenden Verhältnisse erfolgt, welche auf der Rücksicht, auf dem Scheine und auf der herkömmlichen gesellschaftlichen Täuschung beruhen. Doch mit solchem Zusammenbruch, so lehrt das Stück, geht nichts verloren, sondern wird ein Höheres erreicht, die Wahrheit kommt zu Ehren, und cs baut sich auf den Ruinen der Lüge ein solideres und berechtigtes Glück auf. Wahrheit und Freiheit — das sind die Stützen der Gesellschaft. Dieser Satz des geitannten Dramas enthält das wesentliche Bekenntnis; Ibsen's und kehrt unter den mannichfachsten Variationen in seinen Stucken immer wieder. Auch die Propheten wurden häufig getadelt, wenn sic mit ivuchtiger Schneide die falschen Annahmen, die alten gesellschaftlichen Voraussetzungen über Recht und Sitte bekämpften, an welchen bas Volk mit zäher Hartnäckigkeit hielt. Auch sic sahen sich oft gezwungen, das Innerliche hcrvorzukehrcn und seine alleinige Berechtigung gegen diejenigen zu vertheidigcu, welche in ihrer oberflächlichen Anschauung nur einen äußerlichen Maßstab kannten. Bei dem Alter der heilige» Schrift und bei uitsrcr unzulänglichen Kcnntniß der Zeitvorgüngc sind uns selten die Beziehungen bekannt, auf welche die Autoren dort hindcutcn. Wir erfahren in der Regel nur die Lehre, lerne» sic aber nicht als Resultat der Erörterungen und Kämpfe kenne», die vorangegangen sind. In mehreren Beispielen bei Ezechiel jedoch ist uns ttoch Rede und Gegenrede des Volkes und des Propheten ansbewahrt. Ich will nur eins anführen. Das Volk bestand fest rmd zähe darauf, das; einem tugendhaften frommen Menschen, wenn er seine Wege zum Schlechten ivcndetc, nur so viel von seinen früher» Verdiensten abgezogen würde, als er nachher Böses that, und das; ebenso demjenigen, der nach langer Lasterhaftigkeit durch Erkenntnis; und Rene zu rechtschaffener Gesinnung und löblichem Wandel gelangte, diese Aendcrnng einzig durch entsprechende Abrechnung von den früher» llebclthaten zugute kommen sollte. Einer solchen rein äußerlichen Auffassung des Sittlichen tritt nun Ezechiel auf's Entschiedenste entgegen. „Rein," sagt er, „wenn der Gerechte voll seiner Frömmigkeit abläßt und Unrecht thut, so wird ihm alles Gute, das er vorher geübt, tncht angerechnct um der Treulosigkeit willen, die er begangen." Er hatte cs nämlich durch lange llebnng leicht, ans dem Wege der Tugend zu beharren, und sündigt nun doppelt, wenn er trotzdem von diesen; Wege abwcicht. Und ebenso: „Wenn der Frevler zurückkehrt von den Sünden, die er begangen, und Recht und Tugend beobachtet, wird all seiner Misscthaten vergessen", weil er zur Einsicht gekommen ist ans seiner Verirrung und die große Kraft der Selbstüberwindung bewiesen hat. „Ihr sagt: der Weg des Herrn ist nicht richtig, ich aber sage: sollten tticht vielmehr eure Wege unrichtig sein, Haus Israel?" Daher wollten die Propheten eine vollständige Umwandelung der sittlich religiösen Ansichten, von der sic auch die Besserung der bestehenden gesellschaftlichen Zustände erwarteten. Und ganz so eifert unser moderner Dichter für eine Erneuerung der sittlichetr Anschauungen, für eine vollständige Umwälziutg der herkömmlichen Grundsätze. Wie er mündlich erklärte, daß cs sich jetzt nicht mehr um Politik, um äußere Kämpfe und Revolutionen zwischen Völkern und innerhalb der Völker handle, sondern um einen veränderten Inhalt der Begriffe, um eine neue Erklürtmg alter Devisen, um eine Revolution im Menschengeiste selbst, so verficht er auch in seinen Dramen diesen Standpunkt einer reformirenden Umwandlung der falschen hergebrachten Grmtdsütze, der leitcndett Lcbensanschauungcn, welche nur aus dem Belieben der bestehenden Gesellschaft, aber nicht aus der Kraft der innern Gründe ihre Berechtigung holen. Das ist der Hauptgesichtspunkt in „Nora", wo der Gatte mit den herkömmlichen Ansichten von Ehre und Anstand und mit dein geltenden Gesetze über bürgerliche Pflichten so fest verwachsen ist, das; er eine andere Auffaffung gar nicht ahnt und jene Ansichten für unfehlbar und unumstößlich hält. Nora aber, auf welche der Gatte wie ans eilt Kind herabblickt, vertritt trotz ihrer Schwächen, trotz ihrer naivcit ungeschulten Ansichten dcmtoch den höheren Standpunkt, mit welchem sie den moralischen Sieg über den Gatten davonträgt. Ihr Vergehen war ein formeller Verstoß gegen das Gesetz, durch beit sie das Leben des theuren Mannes gerettet und die Seele des sterbenden Vaters geschont hatte. Ihre Tugend aber ist von höherer Art; sie besteht in dem, was sie in ihrer kindlichen Weise das Wunder nennt,

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