Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 14 (18.4.1890)
- Date
- 1890-04-18
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
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204 gewachsen fei, fo werden homiletische Hebungen von ihm selbstverständlich mit besonderem Fleiße und großer Ausdauer angestellt werden müssen. Ohne die eifrig fortgesetzte Hebung vermag alle Theorie nichts auszurichten. Aber auch gute Muster find hier, wie bereits erwähnt, von großem Nutzen. Der junge Theologe versänme daher nie die Gelegenheit, gute Prediger zu hören, um sich an ihnen zu bilden. Er lasse sich aber nicht von ihrer Weise zu predigen, sei es in der Art des Vortrages, oder in der des inneren Aufbaues, oder der Sprache der Predigt so ganz und gar gefangen nehmen, daß dadurch die eigene Individualität völlig unterdrückt wurde. Die Selbstständigkeit muß durchaus gewahrt werden, um nicht in der Nachahmung des Fremden sich selbst zu verlieren. Das Studium guter Prediger soll uns die eigene Veranlagung zum Bewußtsein bringen. Aber nicht blos in dem, was uns an einem anderen Prediger gefüllt, sondern mehr noch in dem, was uns nicht gefällt, oder was wir doch anders machen würden, offenbart sich uns unsere Eigenart. Diese nicht unbewußt in uns walten zu lassen, sondern durch Beobachtung fremder Art uns in ihren Mängeln wie in ihren Vorzügen zum Bewußtsein zu bringen, um sodann die einen unterdrücken und die anderen entfalten zu können — das sei die Frucht des Studiums guter Vorbilder.*) Trotz der Fülle der eigentlichen Fachstudien, die der praktische Theologe zu bewältigen hat, muß er auch noch darauf Bedacht nehmen, daß er nicht durch allzu ausschließliche Pflege des theologischen Studiums einseitig werde, so daß er in Dingen, die seinem Fache fern liegen, vollständig urtheilslos dastehe. Der praktische Theologe muß vielmehr auch in der allgemeinen Bildung auf der Höhe seiner Zeit stehen. Es darf in der Gemeinde keinen geben, der ihm hierin überlegen ist. Es mögen da wohl viele sein, die durch ihreSpezialforschungen in ihren Kenntnissen ihm überlegen sind, aber in der allgemeinen Bildung darf er auch hinter diesen nicht zurückstehen. Tenn abgesehen davon, daß er nur so das Leben der Gegenwart und dessen Bedürfnisse und Aufgaben zu verstehen und in seiner Predigt zu berücksichtigen vermag, werden die Gebildeten nur dann seinen Hnterweisnngen willig folgen, wenn er auf Grund der Ebenbürtigkeit in der Zeitbildung ihnen als ein in der Theologie Heberlegener gegeuiibertritt. "Aber es bleibt hier noch Eines zu beachten. So umfassend das Studium der jüdischen Theologie in unserer Zeit auch geworden ist, rmd so groß die Hingebung ist, die von ihren Jüngern gefordert werden muß, der junge Theologe darf dennoch kein Stubenhocker sein, wenn ihm das große Gebiet seiner künftigen Thätigkeit nicht völlig unbekannt bleiben soll. Der praktische Theologe, der auf das Leben einzuwirken hat, muß das Leben kennen gelernt haben. Wir glauben, diese unsere Forderung vor einem etwaigen Mißverständniß nicht erst verwahren zu müssen: was wir meinen, ist ja nicht zu verkennen. Der junge Theologe suche Beziehungen zu guten Familien anzuknüpfen, um in freien Stunden das gesellschaftliche Leben kennen zu lernen und sich überdies in dem Gebrauche der feineren Formen des Anstandes zu festigen. Er suche aber auch die Versammlungen wohlthätiger, wirthschaftlicher, politischer und geselliger Vereine auf und bleibe überhaupt all den Sammelpunkten nicht fern, wo das öffentliche Leben unserer Zeit mächtig pulsirt, und wo ihm Gelegenheit geboten ist, in das innerste Getriebe ganzer Schichten unseres Volkes Einblick zu gewinne». Das Studium seiner Gemeinde, das *j Auch die Lektüre guter Predigten wirkt Gedanken erzengend ans den selbstständigen Geist und anregend in Bezug auf die Findung von Texten »nd Themen, abgesehen davon, daß man auch in der Handhabung der homiletischen Form durch das Studium guter Predigten gefestigt wird. dein künftigen Rabbiner obliegt, muß sich auf dem Grunde allgemeiner Lebenserfahrung aufbauen. Wer geschickt sein will, das Instrument, Mensch genannt, zu spielen, der muß es von Grund aus, sowohl in dessen Vereinzelung wie in dessen Verbindung mit anderen stndiren, der muß die Leiden und die Freuden, die Befürchtungen und die Hoffnungen, die sittlichen wie die politischen Ideale der Menschen zu verstehen sich bemühen. Hnd dieses Studium muß von der innigsten Liebe zu den Menschen beseelt sein, denn nur die Liebe schürft das Auge und erleuchtet den Geist, um Alles zu erkennen, zu fühlen und zum Heile seiner Mitmenschen zu verwenden. 2. Bevor der Rabbiner in sein Amt tritt, muß er die Krisis in seiner religiösen Heberzeugung bereits überstauden habe». Er kann seine Heberzeugnng wohl noch vertiefen und in nebensächliche» Dingen seine Meinung ändern: in ihren Grundzügen aber muß sie bereits gefestigt sein, und er muß sich auf diesem Fundamente ein theologisches System zurechtgelegt haben, aus dem sich "Alles erklären und begreifen läßt, sowohl was irgendwie in der Religion gelebt hat, als auch was in unserer Zeit in ihr lebt und Geltung beansprucht. Er muß darüber zumal mit sich ins Reine gekommen sein, ob er dem Gesetze der geschichtlichen Entwickelnng in der Religion des Judenthnms die Herrschaft einrünmen will oder nicht. Mag er aber hierin die eine oder die andere Heberzengnng sich gebildet haben, sie wird nur die Grundlage ansmachen, auf der er, wie gesagt, nicht stehen bleiben darf; er muß sich von hier aus eine die ganze Menschheits-Geschichte, ja das gesammte Weltall umfassende Anschaunng herausgestalten. Diese Harmonie in seiner gesammten Weltanschauung ist nicht nur eine Forderung der Wahrhaftigkeit, sondern anch die einzige Gewähr eines erfolgreichen Wirkens in der Gemeinde. Ans solchem Streben nach innerer Gemzheit gingen bei unseren Altvvrderen die verschiedenen religionsphilosophischen Systeme hervor, die heute freilich längst veraltet sind, die aber, auch abgesehen von ihrem hohen Werthe für die Entwickelung der Philosophie überhaupt, auch darum für alle Zei! ihren Werth behaupten werden, weil sie als herrliche Denkmale eines redlichen Strebens nach Hebereinstinnnnng der inneren Welt der Empfindung mit den äußeren Thatsachen der Geschichte dastehen. Tan es aber unserer Zeit, die in den wichtigsten Grundfragen bereits längst über den Mendelssohn'schen Standpunkt hinausgeschritten, noäi immer nicht gelungen ist, ihr religiöses Bewußtsein philosophisch zu begründen, ist ein trauriges Zeichen der inneren Zwiespältigkeit unseres theologischen Geschlechtes.*) Hnd dennoch ist bei dem heutigen Stande der Wissenschaft im Allgemeinen und der Theologie im Besonderen das Heil des Judenthums nur von einer philosophischen Begründung desselben zu erhoffen, welche allerdings das Gesetz der Entwickelnng in ihm als geltend anerkennen muß. Ter Prediger, der zu den Gebildeten reden und auf sie wirken, und der auch die Ungebilbete» zu einer besseren Einsicht emporheben will, darf nicht der wundergläubigen Auffassung des Jndenthums huldigen, sonst steht er in unserer Zeit seiner Gemeinde wie ein Fremdling gegenüber, der ebenso wenig beachtet wie verstanden wird. Ter Prediger muß die ewige Offenbarung Gottes predigen, wie sie in der mehrhnndertjährigen Entwickelung des israelitischen Prophetenthums zu Tage tritt, und wie sie das Judenthum durch die Thatsache veranschaulicht hat, daß es in den Geist aller Zeiten und Länder einzugehen vermochte und immer wieder an dasjenige im Menschen aukuüpfte, was als das Absolute trotz allein Wechsel und Wandel in ihm beharrt, an das *) S. L. Steiuheims religious-philosophischer Versuch „Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge, ein Schibolet", Frankfurt a. W- 1835, ist ohne jede weitere Wirkung und fast völlig unbeachtet geblieben, weil feine Zeit über die Grundvoraussetzung seines Systems, die - historische Offenbarung, bereits hinausgeschritten war.