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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-18 · Heft 14 (18.4.1890) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 14 (18.4.1890)
Date
1890-04-18
Page
Seite 203 (sequence 3)
Language
German
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203 Der Hnbbittrr.*) Von Dr. Siegmund Mnybau»>. Mehr lils irgendwo in der öffentlichen Rede ist es gerade ii Predigt die Persönlichkeit des Redners, die feinem Vertrage rechte Wirkung sichert. Das ist selbst im Judenthum der Fall, gleich hier der Prediger kein Vermittler der Gnade zwischen Gott Gemeinde, sondern nur ein Gleicher unter Gleichen ist und nur als Träger des heiligen Lehramtes angesehen wird. Das Vertrauen zu seinem theologischen Wissen und zu seiner weltlichen Bildung, mehr aber noch die Verehrung, die ihm ob seines Charakters und seiner Lebensführung gezollt wird, sichert seinem Worte von vornherein eine Empfänglichkeit, wie sie in gleicher Weite keinem anderen Redner entgegengebracht wird. Das allein erklärt uns die auffällige Ericheinuug, daß selbst Predigten, die auch nicht den bescheidensten iiomiletischen Anforderungen genügen, von der Gemeinde oft mit Befriedigung ausgenommen werden, weil es eben der geliebte und allseitig verehrte Prediger ist, der sie gehalten, und dessen persönliche Vorzüge alle Mängel der Predigt ausgewogen haben. Beides aber, Wissen und Charakter, ist hauptsächlich das Ergebnis', der Erziehung; tvir haben hier darum zuerst den Bildungsgang des jungen Theologen und sodann die Amtsthätigkeit des Rabbiners ins Auge zu fasten. l. Bei der Betrachtung des Bildungsganges denken wir zunächst, io wenig wir dazu noch jetzt berechtigt sind, an Theologen deutscher Herkunft. Man mißverstehe uns nicht. Es entspräche gewiß weder dein (leiste der Geschichte, noch gereichte es der Entwickelung des undenthums zum Heile, wenn fremdländische Theologen von dem Lehramte in deutschen Gemeinden ausgeschlossen würden. Eingcwanderte Männer tvaren es, welche in alter Zeit das Talmudstudium nach Spanien verpflanzten, und welche auch in Frankreich, Italien und Deutschland die jüdische Wissenschaft zur Blttthe brachten; die einheitlichc Entwickelung der jüdischen Lehre vollends ist vorwiegend dem »mstande zu verdanken, daß die jüdischen Gemeinden der verschiedenen Länder sich gegen einander nicht abschlossen, vielmehr den fremden Hdeen und Errungenschaften willig Einlaß gewährten, indem sie die hervorragenden Träger derselben zu ihren geistigen Führern sich erkoren. Ein Land indes;, das sich in dieser Beziehung mir reeeptiv verhält, geht des eigenen Geistes völlig verlustig, und darum glaube» mir, daß für das deutsche Predigtamt nicht eher das wahre Heil zu erbosten ist, als sich wiederum deutsche Jünglinge in größerer Anzahl dem theologischen Studium widmen. Das Kontingent, welches von deutschen Gemeinden zu dem jüdisch-theologischen Berufe in den letzten aahrzchntcn gestellt wurde, ist in erschreckender Weise gesunken im Vergleiche zu demjenigen früherer Zeiten, und fast kein Land ist jetzt; so sehr ans den Bezug ausländischer Theologen angelvicscn wie Deutschland. Indes; haben tvir es hier nicht niit dieser an sich tvvhl schmerzlichen Thatsache zn thun, uns handelt es sich hier nicht unr; die Nationalität, sondern nur r»n die angemessene Erziehung unserer deutschen Theologen, von welcher die künftige erfolgreiche Berufsj thätigkeit in der Gemeinde bedingt ist. Der Ausländer wird hier oft j beim besten Willen fein Ziel verfehlen. Tenn zn der mangelhaften j deutschen Sprache und Aussprache, die er nur durch die größte Anstrengting und durch den beharrlichsten Fleiß zu überwindet: vermag, kommt für ihn noch die Schwierigkeit hiitzu, sich in späteren Jahren *) Durch die Güte unseres verehrten Mitarbeiters und seines Herrn Verlegers sind wir in der Lage, den Lesern heute schon den obenstehenden; interessanten Aufsatz, der einen Anhang zn dem demnächst erscheinenden j „Lehrbuch der jüdische» Homiletik" (Berlin, F. Tüinmler) bilden wird, I mittheilen zu können. Die Red. j! deutsche Art uud deutsches Wesen anzueigncn, ohne welche ein seel- > sorgerisches Wirken in der Gemeinde völlig undenkbar ist. Außerdem i aber ist es gar nicht abzitsehen, ob bei ihn: die Schäden jener namentj lich in den östlicheit Länderit herrschenden fehlerhaften, weil völlig einseitigen Unterrichtsmethode jemals durch irgend welche pädagogische j Einwirkung zn beseitigen sein werden. Jener widersinnige Lehrplan! nämlich beschäftigt die Kinder im zarten Alter ausschließlich mit j Bibel und Talmud und hemmt dadurch die natürliche Entfaltung j des Geistes und des Gemnthes, indem er die Knaben zu Männern! macht, noch bevor sie Kinder waren. Wie wichtig die geregelte Vorbildung für die Erziehung tüchtiger deutscher Theologen geivorden j ist, beweist am schlagendsten die Thatsache, daß jetzt an allen deutschen i Rabbiner-Bildungsanstalten nur solche Zöglinge ausgenommen werden, 1 weiche das Abitnrienten-Examen bereits bestanden habe». Also nicht um die Errichtung schädlicher Grenzpfähle innerhalb der Judenheit : handelt es sich hier, svnderü lediglich um die geordnete Schulbildung : unserer Theologen. Wer seine Gymnasialstudien rechtzeitig absolvirt : hat, der ist wie unseren theologischen Lehranstalten als Zögling, so auch nach vollendetem theologischen Studium unseren Gemeinden als; Rabbiner willkommen, gleichviel ob seine Wiege in Oesterreich oder j in Deutschland gestanden hat. Mögen die Jünglinge bei solcher j Vorbildung immerhin erst später in die eigentlich rabbinischen Fächer! eingeführt werden: ein deutscher Abiturient, der in der Zucht des; Geistes herangebildet wurde, wird sich, wenn er außer den gewöhn-; lichcn Kenntnissen, die ein gründlicher Religionsunterricht bietet, auch i nur einige Belesenheit in der hebräischen Bibel mitbringt, in nicht i allznlanger Zeit mit der rabbinischen Wissenschaft vertrant machen \ können. Der Pilpul freilich wird dann anfhörcn müssen: um so! besser, das deutsche Talmudstudium wird dadurch leichter an die! Methode der sogenannten „Rischonim" anknüpfen und den wissenj schriftlichen Anforderungen unserer Zeit auf diesem Gebiete um so ' leichter entsprechen können.! Neben der ausreichenden Kenntnis; des rabbinischen Schriftthums j muß der Rabbiner unserer Zeit die innigste Vertrautheit mit der Bibel besitzen. Es gilt hier nicht blos äußerlich die biblischen Ausdrücke, Bilder und Wendungen zu kennen, um die eigene Redeweise biblisch zn färben, sondern tief in die innerste Welt der Bibel einzudringen. Biblische Exegese im weitesten Sinne soll darum das Hauptstudium seines Lebens ansmachen; er hat die Bibel zu predige«, wie sollte er nicht Alles, was zu ihrem genauen Verständnisse beiträgt, mit besonderer Vorliebe pflegen! Wohl inag er sich während seiner Studienzeit auch den philologischen (orientalischen), historischen oder philosophischen Zweigen der jüdischen Litteratnr znwendcn, aber den obersten Zweck, sein Verständnis; der Bibel dadurch zu erweitern, darf er dabei nie aus dem Auge verlieren. Denn für den praktischen Theologen kommen alle diese Wissensgebiete nur so weit in Betracht, als sie geeignet sind, den Stoff für die Predigt zu bereichern und zu vertiefen, weshalb auch Alles, was er studirt, darauf geprüft werden muß, ob er es für seinen praktischen Beruf verwerthen kann, ob es ihn im Prcdigtamte oder in der Seelsorge irgendwie zu fördern vermag. Von diesem Gesichtspunkte aus möchten wir dem jungen Theologen rathen, sich neben den theologischen mehr den philosophischen und historischen, als den philologischen Studien zuzuwendcn, denn jene tragen mehr zur Bereicherung und Vertiefung des religiösen Stoffes und zur Klärung seiner Weltanschauung bei als diese, die allerdings im Hinblick auf das bessere Verständnis; des biblischen Textes auch nicht ganz vernachlässigt werden dürfen. Sollen nun alle Studien des praktischen Theologen darauf berechnet sein, daß er im Predigtamte seiner Aufgabe vollständig

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