Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 14 (18.4.1890)
- Date
- 1890-04-18
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Wen Jahre trug er Würde »iid Bürde eineslllmtes und war Prediger der Cöcmcinbc in Magdeburg. Wahrlich, auf einen Alaun von dieser Vielseitigkeit, von diesem »infassendtn Flciße paßt der Spruch, den unsere Weisen an die Spitze ihrer Betrachtungen über das hohe Lied gestellt haben (Sprüche Salom. 22, 2t0: „Siehst du eine» Menschen emsig in seinem Thun, vor Könige darf er sich stellen, zu den Königen des Geistes darf er sich gesellen." Philipps»» war glücklicher als viele seiner Mitstrcbenden, da er in Dessau geboren wurde, wo schon damals am Anfänge des Jahrhunderts unter den Juden deutsche Bildung geehrt und gepflegt wurde. Die Juden Dessau» machten ihrem großen Landsmannc Moses Mcndelsohn keine Schande. Ter Vater unseres Philippson, Moses Philippfon, gehört in erster Reihe zu denen, die in der jüdischen Okiminbe dieser kleinen Residenz einem freien Geiste den Weg gebahnt hatten; all' die Kämpfe mit der Rohheit nnd der Bildungsfeindschaft, die die im Osten geborenen Inden noch vor einem halben Jahrhundert, ja noch später zn bestehen hatten, gab es für Ludwig Philippson nicht mehr; sein Vater hatte sie gleichsam schon für ihn bestanden und überwunden. Es ist interessant, an einem Beispiele den Unterschied zn martircn zwischen der ebenen Bahn, die der Sohn beschreiten tonnte um Kenntnisse z» erwerben nnd dem dornenvollen Pfad, den der Vater zn diesem Zwecke wandeln mußte. Als die Großeltern Ludwig Philippson» für ihren Sohn Moses nach einem Lehrer suchten, glaubten sie einen rechten Fund zu machen, da sie einen gelehrten Pole», R. Joseph Lissa, für diesen Zweck gewannen; wie nun der Knabe seinen Lehrer znm ersten Mal begrüßte, gab der edle Pole dem Kinde ohne Weiteres eine kräftige Ohrfeige. Der kleine Mose», der von seinen Eltern freundlich behandelt wurde, fragte bestürzt, wodurch er sich schon sogleich beim ersten Schritte die Ungunst des Lehrers zngczvgen habe. Aber der svndcrbare Meister sagte ihm: „Diesen Schlag erhieltst du ganz ohne Verschulden; Tn sollst nur daran merken: wenn ich Dich schon, ohne daß Du Strafe verdienst, so traktirc, in» wie viel härter wirst Du behandelt werden, >venn Du wirklich einmal Dir etwas zu Schulden kommen ließest". Und das war bei dem Alaune etwa nicht Bosheit, sondern Pädagogik; Ludwig jedoch, der Sohn des Moses, besuchte sogleich eine gute deutsche Schule, die Franzschule in Dessau, sodann das Ghinnasinm in Halle und die Universität in Berlin. Ludwig Philippson war drei Jahre alt, als sein Vater, der als Dalmudist, als Kenner der hebräischen Litteratur und Sprache ein großes Airsehen genoß, ihm entrissen wurde; es ist sehr zu beklagen, daß cs dem Vater nicht vergönnt gewesen ist, den hochbegabten Sohn selbst in die biblische» und talmudischen Studien einzusühren. Schon im Alter von zweiundzwanzig Jahren übernahm Ludwig Philippson das Prcdigeramt in Alagdeburg; das war im Jahre 1*2:’, für die Juden in Preußen ein Ereignis; von großer Tragweite; den» die prerißische Regierung hatte, als nach den Freiheitskriegen die politische Reaktion obsiegte, auch innerhalb des Judcnthums die harmlosen religiösen Neuerungen unterdrückt, deutsche Predigt und Konfirmation verboten und dem bildungsfeindlicheu Fanatismus Vorschub geleistet. Die hohen Behörden in Berlin erkundigten sich sogleich, was denn da Schlimmes in Alagdeburg geplant würde; hauptsächlich durch die Gunst, welche der hochbegabte junge Prediger bei dem damaligen Oberpräsidenten der Provinz Sachsen fand, wurde cs ermöglicht, daß zum erste» Mal wieder innerhalb des preußischen Staates ans einer jüdischen Kanzel das Wort der Erbauung in deutscher Sprache ertönte >lnd Konfirmation und Ehorgesang cingcsührt tvurde. Bon dieser Zeit beginnt die gesegnete öffentliche Wirksamkeit Philippson». Niemand zweifelt, daß er schon nach der Probe, die der Jüngling in seiner ersten gelehrten Schrift geleistet, die Kraft gehabt hat, auch ein großer Gelehrter zu Iverdcn. Aber ihn lockte es hinaus, auf den Kampfplatz, um für seine Brüder zn streiten; ihn trieb der Geist, durch volksthümliche Schriften seine Genossen auszuklären; das Banner der religiösen Reform wollte er entfalten; und mit seltener Treue hat er die Aufgabe, die der Jüngling ans sich genommen, bis zu seinen letzten Lebenstagen erfüllt; dreinnd fünfzig Jahre stand er auf der Wacht und wie unsere Borfahren, die die Mauern Jerusalems aufrichteten, nicht nur mit der Mauerkelle sondern auch mit den Waffen Bescheid wußten, um den Feinde» zu wehre», so hat auch er bald im Geisteskampfe gegen seine Widersacher, bald in der Erbauung und Belehrung seine Kräfte erprobt; er hat der jüdischen Predigt einen jüdischen Inhalt gegeben, er war nicht ein Moralprediger, sondern er hat stets hingewiesen auf dic iveltgeschichtliche Stellung, auf die weltgeschichtliche Tendenz des Judcnthums, er hat die sozialen Ideen unserer Religion in'» rechte Licht gesetzt; er hat da» Verdienst, dieRabbincrversammlungcn und Synoden angeregt zu haben, die, wie man auch immer über ihren Werth denken mag, in vielen jüdischen Kreisen Thcilnahmc für religiöse Fragen wachgernfen, die mittelbar zur Erweckung und zur Erstarkung des konservativen Geistes beigetragen haben; jede Erscheinung ans politischen;, auf litterarischcm Gebiete, die für die Juden bedeutsam war, hat er in seiner Zeitung besprochen und dem Verständnis; seiner Leser näher gebracht; mit welchen; Eifer, mit welcher Andacht wurde dieses Blatt, besonders bevor ein regeres politisches Leben in Deutschland sich erhob, in den meisten jüdischen Gemeinden unseres Vaterlandes allwöchentlich stndirt! Ludwig Philippson hatte für seine Lehren eine große Gemeinde; gewiß hatte auch er, wie alle Hochstrebenden die Sehnsucht nach stiller gesammelter Arbeit, um seine Gedanken, um seine dichterischen und wissenschaftlichen Werke auszureifen, auszugestalten; aber das öffentliche Leben, in dessen Mitte er sich gestellt hatte, ließ ihn nicht los; zahllos sind die Anregungen, sind die Segnungen, die von ihm ansgegangen sind; er ist in diesen dreiundfünfzig Jahren nicht müde geworden, und dic Fcder kam nicht früher aus seine» Händen, als bis diese Hände selbst im Tode erstarrten. Auf diesen Schriftsteller, der auf de» Ruhm verzichtete, Unvergängliches zn schaffen um der Gegenwart zu dienen, der den außerordentlichen Rcichthum seines Geistes gleichsam in Scheidemünzen in den Verkehr gebracht hat, dürfen wir getrost das Wort der Schrift anwenden: „Siehst du einen Menschen emsig in seinen; Thun, zu den Königen des Geistes darf er sich stellen." Tic Geschichte wird ihm den Ruh»; nicht versagen, daß er durch seinen Mnth, durch seine Schlagfcrtigkeit, durch seine geistige Regsamkeit, durch sein Talent, Fremdes nnd Eigene» rasch zu verarbeiten und volksthümlich zn gestalten, einer der Besten und (Größten gewesen ist unter den Israeliten dieses Jahrhunderts; viele seiner Werke werden vielleicht vergessen werden, aber sein Wirken wird unvergeßlich bleibe»; die kleinen Schwächen, die bei seinen Lebzeiten die Tadler über Gebühr hcrvorhobcn, treten zurück vor dem großen und unvergänglichen Verdienst des unermüdlichen Alanncs; sein Ideal war das Passah der Zukunft, die Erlösung der Menschheit durch die lantere Lehre des Mosch, nnd dieses Ideal zu verwirklichen, daran hat er an seinem Theil sein ganze» Leben lang unermüdlich gearbeitet. Sei» Gedächtnis; wird in Israel nie verlöschen.