Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 13 (11.4.1890)
- Date
- 1890-04-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227839--46975-3268469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Icflitng. Wir halten es deshalb für angemessen, das besonnene Unheil der „ttcational-Zeitung", die über die richtige Auslegung des Erlasses gewiß gut insormirt ist, hier folgen 31t lassen. Dieses Blatt schreibt: „Wer den Erlaß des Kaisers unbefangen liest, ohne die einzelnen Ausdrücke einer künstlichen Kritik zu unterziehen, kann darin nur eine freie und vorurtheilslose Auffassung finden; ans dieser heraus müssen diejenigen einzelnen Worte interpretirt werden, welche etwa eine verschiedene Alislegung gestatten. Der Kaiser null — darüber kann nach dem ganzen Inhalt und Don des Erlasses kein Zweifel herrschen Hindernisse beseitigen, welche dem Eintritt in das Offizierkorps entgegenstehen. Wir halten demgemäß Bedeuten, welche in der deutschfreisinnigen Presse mehr oder weniger bestimmt anftreten, für grundlos. II. A. knüpfen sich solche an die Wendung, lvorin „christliche Gesittung" als eine Voranssetznng des Eintritts in den Offizierstand bezeichnet wird. Wie es zur Zeit allerdings nur in der Reserve und Landwehr — jüdische Offizi ere gie bt, s0 halten wi r für a usgesch l 0 ssen, da ß jener Ausdruck, eilt gegen b e 11 V e rsas s ll n g s - u n b r e ichsg e s e tz l i ch e u B e st i m m n n g e n , künftig die Z n l a s s n n g z ll m Osfizierkorps von dem religiösen Bekenntnis; abhängig machen wollte. Die Gesittung der civilisirten Völker, darunter des deutschen, ist eine christliche oermöge ihrer historischen Entwickelung, vermöge des Einflusses des Ehristenthums ans diese Gesiktung; in ihr wurzelt thatsächlich Jeder, der ganz im deutschen Volksleben steht, gleichviel, welchem religiösen Bekenntniß, und ob er innerlich überhaupt einem solchen angehört. Einzelne dentschfreisinnige Blätter, welche llnsere Auslegllng des Wortlauts theilen, befürchte;: doch, derselbe könnte vermöge der Handhabung der Borschriften des Erlasses zur Befestigilng von gesellschaftlichen und religiösen Borurtheilen führen. Wir g l a u b e n :: nsererseits nicht, daß der Kaiser dies gestattet: wird." Mik diesen Ertlär::ngen können wir uns gewiß einverstandeil erklären, a::ch wenn wir sonst über die geschichtliche Entwickelung des ethischeil Gefühls der Gesittling anderer 'Meinung sind als die „National-Zeitung". Berlin, 0. April, lieber die Angelegenheit der Schulvorstehern: Agnes v. Schmidt, welche, wie in voriger Nummer angekündigt, die städtischen Behörden demnächst beschäftigen sollte, hat am jnilgsten Mittwoch die städtische S ch:: l dep:: tat i v n in ihrer Sitzung verhandelt. Hierbei klärte sich, wie hiesige Zeitungen melden, die Aenßerung des Erl. v. Schmidt in sonderbarer Weise aus. Bekan::tlich hatte es sich in diesem Dalle um die Richkaufnahme einer jüdischen Schülerin in die Privatanstalt der genannte:! Dame gehandelt. Drän lein v. Schmidt begründete die Verweigerung der Ausnahme mit den Worten: „Als die Behörde im Laufe des letzten Winters eine definitive Entscheidung, betreffend die Aufnahtne jüdischer Schülerinnen, von nur verlangte, habe ich mich derselben gegenüber verpflichtet, hinfort nur christliche Schülerinnen anfzunehmeu." Diese von Fräulein v. Schmidt abgegebene Erklärung mußte die Bermnthung erregen, als ob von Seiten der städtischen Verwaltung der genannten Vorsteherin einer Privatschule die Verpflichtung anferlegt worden sei. fortan keine jüdischet: Schülerinnen anfzunehmeu. Dem ist keinesfalls so. Vielmehr wurden nach dem bekannten Boret insichen Dal l an die Vorsteherinnen der Privnt-Döchterschulen in Berlin Dragebogen versendet, in welchen unter Minderem Auskunft darüber verlangt wurde, ob jüdische Schülerinnen auch ferner ausgenommen werden könnten. Diese Frage beantwortete Fräulein v. Schmidt mit den Worten : „Es sollen jüdische Schülerinnen nicht mehr ausgenommen werden." Hieraus erhellt, daß die städtische Schulbehörde nicht entfernt daran gedacht hat, dem Fräulein v. Schmidt eine Verpflichtung, jüdische Schülerinnen fortan nicht mehr anfzunehmeu, anfzuertegen. Vielmehr hat Fräulein - v. Schmidt Veranlafsnilg genommen, auf die ihr vorgelegte Frage frei- ■ willig eine einseitige Verpflichtung auszusprechen, die ihr von keiner! b eh ö r d l i ch e u Seite z u g e mu t h e t w 0 r d e 1: w a r. Wir freuen uns, daß auf diese Weise die städtischen Schulbehörden von den: Verdachte der Intoleranz gereinigt, und die Erklärung des Frl. r. Schmidt in das gebührende Licht der Wahrheit gezogen ist.! .Hannover, 9. April. Der 10. Jahresbericht des „Vereins zur > Unterstützung der Schüler der Bildnngsanstalt für jüdische! L ehre r zu H anno ve r" bildet zugleich den Jahresbericht des Seminars, j Wir entnehmen demselben die Thatiachen, daß die Anstalt vom Oktober IM bis April 1889 die Zahl von 28 Schülern, von: April 1889 bis Oktober 1889 die von 22 Schülern ausweist. Zu Ostern 1889 entlassene 8 Lehrer haben sofort an Schulen der Provinzen Hannover und Westfalen Anstellung gefunden. In den letzten 10 Jahren sind insgesammt 75 jetzt im Amte befindliche Lehrer ans den: hannoverschen Seminar hervorgegangen. Daß von 89 Nenanmetdnngen zu Ostern 1889 nicbk iveniger als 27 aus Mangel au Mitteln zurückgewiefen werden mußten, ist zwar vom Standpunkt des Vereins, nicht aber von dem der All gemeinbeik ans zu beklagen. So lauge unsere jüdischen Lehrerstellen derartig besoldet fiiib, wie dies leider der Fall ist. kann es nichts schaden, wenn arme, strebsame Jünglinge anderen Berufen Zugeführt werden. Dies unrd gut für sie selbst fein, gut auch für die. Herbeiführung eine-, fühlbaren Lehrermangels, eines Zustandes, wie er für eine kurze Spanne Zeit im Interesse der anneu Knltusbeamten nicht dringend genne gewünscht werden kann. lt. Wolserrvüttel, 8. April. Dem soeben erschienenen Iahresbericlüc der Samsonschule tu Wolfenbüttel entnehmen wir Folgendes: Tie Anstatt ist nach ihrer Einrichtung eine Oklassige (atemlose Realschule. Es unterrichten an ihr 12 Lehrer, und zwar außer dem Direktor 5 akademisch gebildete Lehrer, Elementarlehrer, 1 Pastor für den christlichen Reli giousuuterricht der die 'Anstalt besuchenden Stadtschüler und 2 Turn lehrer. Die Anstalt war in: Schuljahre 1889/90 von 101 Schülern besucht gegen 94 im Vorjahre. Davon waren 83 Hansschüler gegen 74 tut Vorjahre. Diesen erfreulichen Aufschwung verdankt die An stalt den Aenderllngen ihrer inneren Einrichtung, die schon im Vor fahre vorgenoimnen und in: Laufe dieses Schuljahrs abgeschlossen worden sind. Von hoher Bedeutung und sehr erfreulich ist, daß die Herzogliä? Braunschlveigische Staatsregiernng den Bestrebungen der Anstalt großes Wohlwollen entgegenbringt. Sie hat gestattet, daß im Herbst 1889 zum ersten 'Male feit den: Bestehen der Anstalt — unter Vor fitz eines 'llegierungs-Kommissars eine Entlassungsprüfung abgehalten wurde, um die Leistungen der Schule sestznstellen. Damit ist der üblictt Weg betreten, ans dem die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährig-freiwilligen Dienst erlangt wird. Die Hoffnung, den die Regierung regelmäßige Abgangsprüfungen gestattet, auf Grund derer die einjährige Berechtigung ertheilt werden kann, ist insofern erfüllt, als auch zu Ostern wieder eine Entlassungsprüfung abgehaltcn tvorden ist unter Vorsitz des als Reg: er 1 lngs-Kommtssar fungirendcn Herzogi. Schnlraths Prof. Dr. Eberhard. Der Herbstprüsnng unter zogen sich 5, der Osterprüfung 8, Zöglinge; sämmlliche bestanden. I;n übrigen verdient noch hervorgehoben zu werden, daß im letztcu Winter der Ausbildung der Handfertigkeit besondere Beachtunu geschenkt worden ist, sowie daß zahlreiche Veranstaltungen getroffen tvorden sind, uni die Zöglinge abznhärten. Der Gesundheitszustand war beim auch, abgesehen von der Influenza Zeit im Januar d. vV ein vortrefflicher. Schweinfurt, 1. April. Zur Feier des 50jährigen Amts jnbiläutns des D i st r i kt s - Ra b b i ne rs Leb recht fand in der Synagoge ein Festgottesdienst statt, bei welchem die königlichen wn städtischen Behörden, die Geistlichkeit, die Lehrkörper an den höheren Bildnngsanstalten, den Volksschulen k. vertreten waren. Eine Deputation der städtischen Behörden beglückwünschte den Jubilar, dem zu Ehren daun noch ein glänzendes Festbanket in den Räntnen des Saalbanes stattfand. Der Vorsteher Herr Hei mann hielt die Eröffnungsansprache, die in einem Hoch aus den Prinzregenten Luitpold gipfelte. Das hieraus von Herrn Dekan Dr. Kraußold dem Jubilar dargebrachte Lebehoch fand freudigsten Widerhall in der Versamntlnug. An Stelle des durch lln Wohlsein an: Erscheinen verhinderten Herrn Bürgermeisters v. Schulteergriff Herr Rechtsrath Dittmann das Wort, im: Namens der Gäitt für die freundliche Einladung zum Feste zu danken. Im Namen dcn Bezirkslehrervereins Schweinfurt dankte Lehrer Schilling dem Jubilar für die Unterstützung, welche er als treuer Freund der Schule dein bäuerischen Lehrerverein habe angedeihen lassen. Herr Buchhändler Ernn Stoer überbrachte dem Jubilar den herzlichsten Dank und die Glüä wünsche des hiesigen Bürgervereins, dem Herr Lebrecht seit einer langen Reihe von Jahren als treues fleißiges Mitglied angehört. Herr Grau Vorstand des naturwissenschaftlichen Vereins, schilderte die Verdienst welche sich Herr Rabbiner Lebrecht um diesen Verein erworben. Der Letztere selbst dankte in tiefster Bewegung für die ihm erwiesene Liede und Treue. - Ans das Telegramm, welches von den Theilnehmern an dem Festbankett an den Prinzregenten abgesendet wurde, ist folgende Antwort eingegangen: „Seine königliche Hoheit der Prinzregent lassen den an der gestrigen Jubiläumsfeier betheiligten Mitgliedern der israelitischen Kultnsgemeinde Schweinfurt für die dargebrachte loyale Ovation allerhöchst ihren huldvollen Dank entbieten. Im allerhöchsten Aufträge: Freiherr Freyschlag vonj Freyenstein, General« Lieutenant Generaladjntnnt.