Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-11 · Heft 13 (11.4.1890) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 13 (11.4.1890)
Date
1890-04-11
Page
Seite 200 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227839--46973-3268467
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

200 die für Niemand ein Geheimnis; ist, spielen diese in Folge ihres ausgeprägten Familiensinns nicht diejenige Rolle, die sic zu spielen berufen waren; sic sind hauptsächlich die Wächter keuschen Sinnes und frommer Sitte, und die Hüter, das; sakrilegischc Tendenzen nicht in das Hciligthum des jüdischen Hauses eindringen. Wenn man bedenkt, das; das soziale Borurtheil gegen die Juden lange angedancrt und ihre gesetzliche Gleichstellung gehindert, das; die Aristokratie ein unbesiegbares Widerstreben in Folge der jüdischen Eigenart zur Schau trug, so darf man sich über die lange Abgeschlossenheit der Israeliten nicht wundern, Thatsache ist, daß bis in die Zeit des zweiten Kaiserreiches die jüdische Gesellschaft keine Berührung mit den Andern hatte, vielmehr ans sich selbst beschränkt blieb, obwohl ihre Organisation, der sie beherrschende Ideenkreis, keineswegs diese Ausschließung begründete, 'Aber die Epoche der Tuldsamkeit und des Steptieismus, der in Paris zu einer geivisien Zeit herrschte, das Streben, die alten Schranken fallenr zu sehen und die Gcsellschastsklassen einer Neubildung und Bcrmengung zu unterziehen, die große Anregung zur Spekulation, das Bedürfnis;, sich um jeden Preis zu amüsircn, hatte die Oberhand gewonnen, und die Schranken der voreingenoinmeuen Parteien fielen, theils veranlaßt durch die Entwickelung des Lnrus. Tie Annäherung vollzog sich. Es ist ganz natürlich, daß das Beispiel von Oben gegeben, und das; das Eis durch die einflußreichen Israeliten gebrochen wurde. Tas Haus Rothschild, vertreten durch einen vielleicht etwas abstoßenden, aber höchst intelligenten Mann, sowie durch eine äiißcrst geistreiche Frau, gleich ausgezeichnet durch Herzensgüte wie durch feinen Lcbenstakt, hatte sich die Sympathie der Aristokratie vom Gcblüte zu erfreuen und drang bis zu de» höchsten Gesellschaftsklassen vor. Kurz nach der Thronbesteigung Napoleons IIIhatte die Citadclle der Borurtheile sich ergeben, und die Rothschilds waren im Besitze eines hohen Gejellschaftsrangcs, welcher allmälig nur wuchs und sich verschönerte. Bis heute hat »och Niemand daran gedacht, dieselben von ihrer Höhe herabzustnrzcn. Bon jetzt ab öffneten sich die Thüren der großen Gesellschaft allen vornehmen Israeliten, die ein Hans ansmachten, und die Demarkationslinie, welche nur um ei» Geringes die Israeliten von dem christlichen bigb-litV trennten, war fast bis zur llnkenutlichkeit verschwunden. Zur Zeit des Ueberganges war es nur der Stamm der Rue Laffite, ivelchcr allein empfangen ivnrde, Tas war die Zeit, in welcher der verstorbene Baron James v. Rothschild, dessen jüdische Witze besonders den Tomen gegenüber nach Legionen zählten, durch die großartigste (Gastfreundschaft sowohl auf seinem Schlosse Ferneres, als auch i» seinem Hotel in Paris, sowie durch gewisse kleine Gefälligkeiten seinen Freunden gegenüber sich anSzcichncte. Obwohl der Berkehr mit dem Baron sich kaum ans ein Dutzend Familien beschränkte, so war doä, der Anstoß gegeben, das; die jüdische Gesellschaft aus ihrer Jsvlirtheit hcranstrat, und dieses Heraustreten war, lvie ich offen lind ehrlich bekenne» muß, nur zum Besten der Gesellschaft. - In unseren Tagen hat die jüdische Gesellschaft, befreit von so manchen Mängeln, die ihr vordem anhafteten, und mit gutem Geschinacke begabt, in wahrhaft belvnnderungswürdiger Weise den hohen errungene» Platz mit Ehren behauptet. Im Besitze eines großen Bermögens und einer natürlichen Begabung, die weit über das Mittelmaß hinausgeht, und mit einem feinen und bemerkenswerthen Künsttersinn ausgcstattet, zählt die jüdische Gesellschaft eine große j Anzahl hübscher und origineller Personen, die voller Anmnth und! Liebenswürdigkeit, gut und geistreich plaudern; nichts fehlt ihr an Liebreiz und Anziehungskraft, zum in der That ausgesucht Zii werden. Nach Außen ist sie den 'Andern vollständig gleich. Im Innern aber hat die jüdische (Gesellschaft ihren Ursprung und ihre Eigenthümlichkeit bewahrt, die sie zuweilen hindern, ihre gesellschaftlichen Pflichten oder dem Streben nach Vergnügen zu genügen. So sind die hohen Feiertage, die Jahresgedüchtnissc um die verstorbenen nahen Familienmitglieder, das strenge Trauerjahr, die Postulate der Speisegesetzc u. s. w. hindernd für den großeil Verkehr. Speist man bei Israeliten von gutem Hause, lind ich gehöre zu denen, bei denen es öfters vorkonunt, so bemerkt man am Airfange nichts Eigenthümliches, aber wenn man von der Nähe das Einzelne betrachtet, so wird man gcivissc, dem uneingeweihten Auge unsichtbare Eigenthümlichkeiten bemerken, welche nicht minder unser Interesse erregen und welche weit entfernt sind, uns durch die Eigenthümlichkeiten des Gastmahls zu schaden, Tie jüdische Gesellschaft hat ihre eigenen Salons; sie hat deren selbst bei Denen, die den Messias nicht mehr erwarten, die Mehrzahl ist eklektisch, 'Auch ist zu bemerken, daß die jüdische Frau keinen politischen Ehrgeiz besitzt, und das; sie lieber ihre Einkäufe bei angenehmen Ehristen macht, als bei schlechten Glaubensgenossen. Bon allen jüdischen Salons ist derjenige der Frau Barone Alphonse v. Rothschild der vornehmste, der eleganteste und der am inciste» gesuchte. Tie Dame, eine morgenländische Schönheit von sanftem Naturell, liebenswürdig und vor Allem darauf bedacht, zu gefallen, zu glänzen und sich zu zerstreuen. N'ach diesem kommen diejenigen der Baron Gustav gcb. Anspach und deren Cousine des Baron Adolphe, zweier geistreicher, wissenschaftlich gebildeter Frauen voller Anregung und Bewegung. Hernach derjenige der Baronin Nathaniel, einer talentvollen Aguarellmalerin, einer ausgezeichneten Person, sehr weltlich, sehr exakt, sehr bedacht auf die gute Auswahl und den guten Ton ihrer Gesellschaft. — Bon ganz anderer Physiognomie ist das Hotel der Frau Hcine-Furtado, sic hat ehemals glänzende Feste gegeben; aber heute ist sie ernster geworden, und sie öffnet ihr HauS nur für einige große Essen, sehr sorgfältig ausgesucht und vielfach lvegeu seiner vornehmen Gäste beneidet. Frau Heine widmet einen Thcil ihrer Zeit und ihres großen Bermögens wohlthätigen Werken von einer derartigen Nützlichkeit, daß im vorigen Jahre der Präsident der Republik ihr das Kreuz der Ehrenlegion gegeben. Ihre Adoptivtochter, in erster Ehe mit dem General von Elchingen vcrheirathet, hat in erster Ehe den Herzog von Rivoli geheirathet. Die von der Baronin v. Hirsch gegebenen Bälle, in dem prächtigen Hotel der nie d’Ely.sees, welches der Baron von der Kaiserin Eugenic erworben hat, haben z. Z. zu viel von sich reden gemacht, um nochmals daran zu erinnern. Die kostbaren Gaben, welche die Baronin besitzt, ihre außerordentliche Gefälligkeit rmd ihre edle Hilfsbereitschaft bei allen guten Werken haben alle gesellschaftlichen Hindernisse überwunden, und fast ganz Paris ist stolz darauf, in ihreni Hause zu verkehren, - Was soll ich von Frau Nüchel Ephrussi, Frau BischoffShcim-Günzburg, Louis Stern, Frau Raphael Louis Cahn d'AnverS und den Abendgesellschaften der Frau Bambcrger sagen? Ter Platz fehlt mir, um all den Liebreiz und alle interessanten Seiten zu schildern, Tas moderne Judenthum hat in seinen bessern Theilen den alten (Grundsatz des Adels „noblesse oblige" sich zu eigen gemacht, und ist in der Thal edel, ausopferungsfähig, wisscnsdurstig und kunstsinnig; kein Wunder, wenn die Fangarme der alten Adelsgeschlcchtcr, die ihren verblaßten Ahnenschild mit jüdischem Geldc ausfrischcn wollen, und die immer durstige und hungrige katholische Kirche sich nach dieser Seite hin nusstrecken. Bl—11. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.