Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 13 (11.4.1890)
- Date
- 1890-04-11
- Page
- Seite 198 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Als der Graf geendet, erhob sich Simonides und sagte: „Wohl, weil Sie haben angerufen das Andenken an meinen Lohn, weil ich fühlen kann, wie es Ihnen mn's Herz, Herr Graf, will ich machen das Geschäft. Aber ich sag' Ihnen eins: Es musi prompt erfolgen die Rückzahlung: wenn sie nicht prompt erfolgt, muß ich mich sehen in Besitz des Pfandes. M) will nicht haben Guter — was soll ich mit dem Borwerk? ich werde aber verkaufen das Pfand, lun zurückzuerhalten mein „ganzes" Geld. Das muß geschrieben werden in bcm notariellen Instrument, und wollen Sie nicht bewilligen das, muß ich doch Bein sagen, und ist mir auch ein Stein gewälzt vom Herzen, wenn Sie nnch geben frei, zu machen das Geschäft." „Nun gut!" erklärte der 0>nn ohne Besinnen. „Morgen in der Frühe fahre ich in die Stadt und werde Alles mit meinem Advokaten absprechen. Sei bedankt. Simonides .- sei bedankt, und nur noch ein Wort: Zinsen wie damals und Provision?" Der Alte zögerte, dann nickte er znstimmend. „Und die Provision, Herr Graf. Sie werden mich nicht nnvillig finden , weil ich nicht iliachen will ein Geschäft, aber will sein Ihr Freund in dieser Sache. Sei erlaubt die Frage, war auch das erste OjeJb für Graf Wulf?" Graf Duvenstedt bejahte ftninm. und dalin schob sich der Alte liinans, und der Graf schaute ihm nach, wie er sich über den großen, von den statttichen Wirthschaftsgebänden flailkirten, von Drdnnng und Sauberkeit blitzenden Hof schob, den Hut tief lüftete vor einem jungen Gutsschreiber und einherschritt wie ein Bettler, der droben in dem Schloß, das mit seiner niächtigen Faeade und den bogenförmigen breiten Fenstern und hohen in Glas gefaßten Dhüren sich so stolz emporreekte. ein - Almosen empfangen - Wieder standen sie fick einander gegenüber nach fast zwei Jahren. Diesmal aber nicht in dem reichen, prunkvollen Gemach des Grafen, sondern in dem dnntlell, kleinen, schmutzigen Kontor von Simonides in der Hirschgasse in Dorsballig. Der Graf lvoltte Aufschub, er vermochte die Abzahlung nicht in voller Höhe zu leisten. Um sein Wort zu halten, hatte er die größte Anstrengung gemacht, aber erst in drei Monaten war ihm Geld vom Grafen Ekenis zugesagt, den er nun doch in der Noth angernfen hatte. 'Aber der alte Simonides lvar unerbittlich. „Ich hab's Ihnen gesagt. (Gnädigster, daß ich mache Gebrauch von meillem Recht. und es muß bleibet: bei der Abmachung, weil mein Vetter in Kopenbagen bat gegeben das Ojdb. Ick kann nicht gefällig fein. Nur wenn ich erhalte einen Wechsel von: alten (Grafen Eteuis, will ich versuchen'. Das ist mein letztes Wort." lieber Ornif Duvenstedts Angesicht zog's rathlos. Ekenis war ein Mann, der nie einen Wechsel zeichnete; jeder Versuch würde vergeblich sein, ihn dazu zu bewegen. Nun redete er nochtnals auf Simonides ein. sprach, erklärte, 'legte fick, so schlver's ihn: ward, auf Bitten und schloß mit den Worten: „Sag', wie ich Dir meine Dankbarkeit an den Dag legen kann, Simonides. Was es auch ist, wenn's in meinen Kräften steht, ich will's Dir gewähren." Und da richtete sich der Greis empor, sah den Bittsteller mit einem halb wehmuthigen. halb stolzen Blick all und sagte, den grauen, wirren Bart streichend: „Wohl, so gebt dem greisen Simonides einen Kuß ans seinen alten Mund - - „A'nn, wie ist's geworden?" fragte die Gräfin, die ihren Gemahl zur Stadt begleitet hatte und die auf Ar. 1 im Hotel zum Manen Kranich eben mit dem Einpacken einer Unzahl von ihr eingekaufter, überflüssiger Dinge beschäftigt war. „Natürlich hat er Deinem Angebot nicht widerstanden. Geld! Geld! Dafür verkauft das Volk seine Seele." Nein," entgegnete der Graf, tief Athem holend, und wie Jemand, den eine schwere Last bedrückt. „Nicht Geld verlangte er —" „Nun?" forschte die Gräfin gespannt. „Er forderte von dem Grafen Duvenstedt als Tank einen Kuß —" Der Frau wurden die Augen groß unb weit, und ihr häßlicher Mund öffnete sich in sprachlosem Erstaunen. Dann stieß sie entsetz! heraus: „Und Tu gabst dem Inden einen Kuß, Detlef?" „Aber Clemeutine! FI dime!" entgegnete der Graf entrüstet und spie aus. * , * Hundert Jahre später in der Morgenstunde! In der Thiergartenstraße steht ein prachtvolles Haus, umgeben von einem wundervollen Garten, der sich rückseitig parkähnlich verlängert fast bis an der: Kanal. Die blankgeputzten Spiegelscheiben in der hohen Villa glänzen, die Sonne durchleuchtet das smaragdne Grün der Rasen, die sich sanft und wellenförmig ausbreiten, und hinter den Scheiben eines Wintergarten-Anbaues sieht man die kraftvollen Blattpflanzen des Südens. Eben tritt ein Postbote aus dein Seiteueingaug der Villa. Ihm folgt ein Diener des Hauses in gelber Livree mit karmoifinrothen Aufschlagen und eilt mit einem auf einem silbernen Tablett gelegten, i von dem Ersteren gebrachten Schreiben in den Garten, mn seinem! Oiebieter, dem Herrn Alexander Simonides, der mit seinen Damen i zu beit Treibhäusern gegangen, die eingetroffene Post zu überbringen. „Nun? Was ists?" forscht Simonides, ein Mann in den fünf-; ziger Jahren, mit kräftigem graumelirten Bart, dunkler Gesichtsfarbe 1 und kohlschwarzen Augbraunen, die gegen das ebenfalls meinte, ins Weißliche spielende Haar des Hauptes vortheilhaft abstechen. Eben treten Frau Simonides und Alice Simonides aus einem! der Treibhäuser und letztere, ein dunkles, sehr schönes Mädchen, mit I klugen, liebenswürdig blickenden Augen, ruhigen Bewegungen und; vornehmer Haltung, ruft beim 'Anblick des Dieners in starker Erregung: „Ein Brief vom Ojrasen Detlef?" „Nein, gnädiges Fräulein, für den Herrn." 'Nachdem Simonides das Schreiben erbrochen und gelesen, fliegt ein stolzer Ausdruck über sein Gesicht, dann faßt er die bisher gleichgiltig dreinschauenden Damen sanft um die Schultern, führt sie langsam über die gelben Kieswege dem Hause zu und sagt: „Rathet, was die Post eben gebracht." „Etwas Gutes?" forscht Alice, ihren Baker zärtlich anblickend. „Wenigstens etwas, das mir Freude macht, und ich hoffe, auch : Euch. Also rathet!" „Wie kann man rathen, Alexander," fällt Frau Simonides, eine : etwas stark gebaute Dame, mit einem charakteristisch geschnittenen : Kopf in wenig interessirtem, fast etwas ungeduldigem Ton ein. „Sag's, Papa!" drängt das junge Mädchen liebenswürdig ver : mittelnd. „Nun denn und Simonides drückt die beiden Gestalten fester an sich, „Sr. Majestät hat die Gnade gehabt, mich in den Freiherrnstand zu erheben. In einem Begleitschreiben, von dem Kabiuetsrath unterzeichnet, heißt es: „Um Ihres werkthatigen Interesses für das öffentliche Wohl, Ihrer jederzeit an den Tag gelegten patriotischen Haltung, und in Anbetracht der berechtigten Achtung und des Ansehens, welches Sie