Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 13 (11.4.1890)
- Date
- 1890-04-11
- Page
- Seite 197 (sequence 9)
- Language
- German
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197 regt, zu bewältigen, die Sünde, die an der Thür ruhe und nach ihm 1 ixilange, zu beherrschen. Aber er beachtet diese Stimme nicht, er liif;t sich gehen, er läßt sich in Rede und Streit mit dem Bruder an und erschlägt ihn. So verschulden Rosmer und seine Freundin Mi Tod Beatens, der Frau von Rosmer. Wie cs bei Kajin scheinen etwas Hohes und Edles ist, um welches sich der Kamps gegen Mi Bruder entspinnt, nämlich das Opfer, die Religion, so sieht es >mch bei Rosmer und Rebekka West so aus, als ob aus dem Verklagen nach Beglückung der Mitmenschen, aus dem Bestreben, ihnen Treiheit und Erlösung von allen Vorurtheilen zu bringe», das innige Tand ihrer Freundschaft hervorgewachsen wäre. Im tiefsten Grunde iiMT war es bei Rebekka West die Selbstsucht, die böse Begierde, „ein wildes unbezwingliches Begehren", wie sie es selbst später nennt. Rosmer zu besitze», welches sie in ihren Handlungen leitete und weiches sie bestimmte, in Beate, der Ehefrau, den Wahn zu erwecken, naß sic als kinderlose Gattin dem Glücke RoSmer's im Wege stehe, Midi große heilsame Pläne sie überdies nicht zu würdigen und daher .»ich nicht zu theilen vermöge. „Ich wollte Beate weg haben", so d ichtet sic; „bei jedem Schritt, den cs mich vorwärts lockte, schien eine stimme zu rufen: nicht weiter! Aber ich konnte mich nicht mehr Mierrschen. Ich mußte. Nur noch ein klein winziges weiter. Und wieder ein klein wenig. Und dann noch etwas — und immer noch envas. So ist cs gekommen", sagt sie, „und auf diese Weise kommt io etwas immer. Ich also bin die Schuldige, ich habe Beate auf Oie Wege des Wahnsinns, in den Mühlbach getrieben". Und ebenso; kirnt Rosmer seine Schuld. Er hatte den großen Plan geträumt, i oc» Kampf der Menschen zu beseitigen, sie einander in Liebe und j Torträglichkeit zu nähern. Nicht gehässiger Streit, sondern nur arg- »o'ot und fördersamcr Wettstreit sollte fortan in dem Kreise seines : Wirkens herrschen. Glück für Alle, geschaffen durch Alle, auf dieses .pol steuerte er los. Aber nun erkennt er, daß er weder sich, »och "ludere zu beglücken vermöge; denn dazu gehöre vor Allem das stille und sichere Bewußtsein der Schuldlosigkeit. Er erkennt, daß seine ’ Iran Beate wohl klarer gesehen haben müsse als er selbst, daß er : nicht blvs Freundschaft, sondern etwas Unerlaubtes mit Rebekka ge-! »'legt. „Wir haben dies innige Leben in und für einander für jrenudschaft gehalten, und doch tbar es schon eine geistige Ehe. Tos halb liegt auf meiner Seite das Verbrechen, denn aus Liebe zu mir ging sie in den Mühlbach." Und dieselbe Stelle des Mühlbachs, i» welchem einst die unglückliche Beate ertrunken, bringt nun auch Ar Rosmer und Rebekka den Tod. Vergleichen wir mit dieser tragischen Sühne das Verhäugniß, welches einst nach der biblischen Darstellung Ahab und Isebel traf wegen des Todes, den sic an Nabob verschuldet. Ahab, der König uon Israel, hat sich von Isebel verleite» lassen, den unschuldige» Rabob, weil er aus Liebe zum Erbe der Väter dem Könige seinen Weinberg nicht überlassen will, auf Grund der Aussage von gedungenen falschen Zeugen umzubringcn. Am Teiche von Samaria un Gebiete von Israel lecken die Hunde das Blut des Unglücklichen. Als darauf Ahab im Bunde mit Josaphat gegen den König von -yrien in die Schlacht zog, spannte ein Mann seinen Bogen, schoß und traf voir ungefähr, wie es schien, den König von Israel. Aber es war nicht Zufall und Ungefähr, sondern es war durch ein Verbängniß geschehen, welches die strafende Vergeltung herbeigeführt hatte. Ter König ward nach Samaria gebracht, und da das Blut feiner Wunde in den Wagen floß und dieser deshalb am Teiche von Samaria gewaschen wurde, leckten dort die Hunde das Blut Ahab's, >vie cs ihm nach seiner Sünde war verkündet worden, llnd ebenso cndet Isebel. Bon Jehu, der nach dem Siege über seine Gegner nach Israel kam, tvird sie verfolgt, auf seinen Befehl daselbst aus dem Fenster gestürzt, und nun geschieht ihr ganz nach ihrem Verdienst und nach der Weissagung: An derselben Stelle in Jesreel, wo die Hunde den Leichnam Nabob's verzehrten, fressen sic nach Jahren den Leib der verruchten Königin. Sie sehen, Gedanke und Symbol stimmen hier vollständig überein. Denn der Gedanke bei Ibsen wie in der Bibel ist der, das; jede Sünde auf Erden eine voll entsprechende Sühne und Ausgleichung findet, wenn diese Wahrheit sich auch oft genug unserem Auge verbirgt. Aber die Bibel und der Dichter entdecken sie und zeigen sie uns. Und ebenso ist das Symbol dafür bei Beiden ein gleiches. Es besteht darin, daß hier wie dort die Schuldigen an derselben Stelle und in derselben Weise den Tod finden wie das Opfer, an dem sic sich versündigt haben. Das ist ja überhaupt ein Lieblingssymbol der heiligen Schrift. Als Jethro, der Priester von Midjan und Schwäher Moses, diesen nach der Befreiung des israelitischen Volkes besuchte und Mose ihm alle seine Erlebnisse erzählt hatte, rief Jethro betroffen ans: Jetzt erkenne ich die Größe des Ewigen, den Ihr verehrt, denn das, womit die Aegyptcr gefrevelt, kam über sie. Im Wasser nämlich hatten sie die neugeborenen Söhne der Hebräer ertränken lassen, und im Wasser, in den Wellen des Meeres, fanden sie selbst ihren Untergang. Seele um Seele, Auge um Auge, Zahn um Zahn, so lautet der Richterspruch des Allwissenden, haarscharfe Genauigkeit in der Abwägung der Strafe nach dein Grade der Verschuldung. Die Menschen freilich, die in das innere Getriebe der Thaten nicht tief genug eindringen, könne» darum auch nur nach dem ungefähren Werthc die Entschädigung bestimmen. (Schluß folgt.» U Feuilleton. Ein Kuß. Von Hermann Heiberg. (Schluß.» Des Alten Brust hob sich schwer, er schwankte, endlich stieß er heraus: „Ich will nicht gesund hier sitzen auf diesem Stuhl mit dem Polster von Seide, wenn ich selbst eine so große Summe schaffen kann. Aber ich will versuchen — bei meinem Vetter und in Paris bei meinem Bruder, und will Antwort geben in einigen Wochen." „Zn spät, Simonidcs," fiel der Gras, der den ersten Worten hoffnungsvoll zugehört, bei km Schlußsatz ein. „Ich muß das Geld haben in acht Tagen „In acht Tagen wiederholte der Alte kopfschüttelnd. „Unmöglich — es sei denn — aber nein, nein „Es sei denn?" Sprich Simonides." Simonides bestand einen schweren Kampf, zuletzt sagte er mit sichtlicher Ueberwindung: „Wenn ich gebe einen Wechsel, er ist so gut wie baar Geld — wenn ich gebe wiederholte er angstvoll betonend, daß er vielleicht schon zugestanden, was er erst in Ueberlegnng gezogen und was ihn jetzt reuen wollte. Nun sprach Graf Duvenstedt abermals lebhaft aus Simonides ein, betonte wiederholt die Sicherheit, nnd drang in den Alten, ihin gegen notarielle Verschreibung sofort Zahlung zu leisten, sei es in baarem Gelde oder in kurzen Wechsel».