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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-11 · Heft 13 (11.4.1890) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 13 (11.4.1890)
Date
1890-04-11
Page
Seite 196 (sequence 8)
Language
German
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196 waren wunderbar gemischt, und neben alten schmerzlichen Erinnerungen der Vergangenheit spiegelte sich neues lebhaftes Verlangen in den Zügen. Ibsen sann und brütete offenbar, selbst wenn er spazieren ging, über seine neuen Pläne, stand oft auf den belebtesten Wegen nachdenkend still und schien mitten in der Menge abwesend und allein. Forschend, umherspähend und doch in sich gekehrt zog er an ihr vorüber, und wenn er aufschaute, glaubte man in seinem Auge dem Ausdruck von Trauer und Melancholie zu begegnen über das Wehe, das ihn aus solcher Menge schon manchmal getroffen. Aber so düster er blickte, zeigte er sich doch freundlich und liebevoll, sobald man ihm nähertrat, und immer lebhaft theilnehmend an Allem, was in unserem kleinen Kreise oder in der großen Welt geschah. Wenn er dann warm wurde und erregter sprach, erschien er bald wie der Prophet, der für Recht und Freiheit glüht, Jrrthümer und Wahnvorstellungen bekämpft, bald wie der sinnende Spruchdichter, der hier die Eitelkeiten des Lebens und dort den wahren Werthgehalt desselben abschützt, bald auch wieder wie jener hebräische Geschichtsschreiber, der, auf der hohen Warte der Zeit stehend, die ewigen Gesetze, von denen Völker und Einzelne beherrscht werde», aus dem Gange der Ereignisse kund thut, oder endlich wie der Psalmsänger, der uns Freud' und Leid schildert, welche ihm aus deni eigenen und aus dem damit zusammenhängenden nationalen Schicksal erwachsen. Der Eindruck, den die Person Ibsen's macht, ist auch der Eindruck seiner Schriften. Die Gedichte und Dramen, die wir von ihm besitzen, haben meist einen düsteren Hintergrund, sind in trüben Farben gehalten und dennoch aus menschenfreundlicher Gesinnung hervorgegangen. Alle herben Prüfungen, die er erlebt, tönen aus den Strophen seiner Lieder, alle Schmerzen, welche ihm die engere oder weitere Umgebung bereitet, finden in seinen Dichtungen ihren Widerhall. Aber er rächt sich nicht wegen der Unbill, die er erfahren, an den Personen, welche sie geübt, sondern dadurch, daß er die beobachteten Schwächen darstellt, das; er die Vorurtheile und Verirrungen geißelt, von welchen die Fehltritte der Gegner herrührtcn, das; er die schlummernde Erkenntnis; und die höhere patriotische Gesinnung in den von Unverstand und Selbstsucht Befangenen wachzurufen sucht. Diese Absicht durchdringt bereits viele seiner Jugendwerke, die für uns nur die Bedeutung von Vorarbeiten für die reifen Früchte des Geistes haben, welche seinen Ruhm begründen. So begegnet uns schon in dem Stücke „Die Herrin von Oe st rot" ein recht trüber Zeitabschnitt aus der nordischen Geschichte, dessen Schilderung mit seiner Gewalt und Zerfahrenheit, mit seinen Leidenschaften und Ränken er benutzt, um der eigenen Zeit und der norwegischen Heimath einen Spiegel für die Fehler und Gebrechen vorzuhalten, an denen sie selbst krankt und die ihre leidigen Zustände veranlassen. Wir meinen etwas von dem Kummer und Schmerz des Propheten auf den Trümmern Jerusalems zu verspüren, wenn der Dichter über des Vaterlandes Mißgeschick und Erniedrigung klagt, die ihm bereits als eine gerechte Strafe, als verdiente Buße für den Mangel an Willensstärke, an vaterländischem Gcmeinsinn erscheinen; und wenn er auf die von Lüge und Heuchelei gelähmte Volkskraft, auf die weitverbreitete Sünde der Verleumdung hinweist, welche das Unglück verschuldet, werden wir lebhaft an das Leid und den Vorwurf des Jeremias erinnert: Ein giftiger Pfeil ist ihre Zunge, Trug ist ihre Rede, mit dem Munde sprechen sie freundlich zu dem Nebenmenschen, aber in ihrem Innern legen sie ihm einen Hinterhalt. Sollte ich solches nicht ahnden, spricht der Herr, und an einem Volke, wie dieses ist, meine Seele nicht Vergeltung üben? (Jeremias 9, 8). Ibsen hatte von Kindheit an ein hervorragendes Interesse an der Religion und, wie sein Biograph erzählt, konnte er in seine» Knabenjahren stundenlang sitzen, um die Stellen aufzuschlagen und nachzulesen, auf die in seinem religiösen Lehrbuch hingewiesen war. Er stand besonders unter dem Einfluß puritanischer Gesinnung, die durch große lebendige Beispiele auf ihn wirkte und die bekanntlich ihre Bilder und Grundsätze am liebsten der altisraelitischen Welt entlehnt. Nicht blos durch einzelne Ausdrücke und Wendungen zeigt sich bei unserem Schriftsteller diese Verwandtschaft, sondern häufig durch die ganze geistige Atmosphäre, in die er uns einführt, durch die Art, tote er seine Erfahrungen verwerthet. Schon in seinen Jugendschriften weist er auf diese Erfahrungen hin, die ihm beweisen, daß der gcrühmte Inhalt des Lebens meist Jammer und Täuschung sei. Gleich dem grübelnden Kohelet liebt er es, die Nachtseiten in dem Schicksal wie in dem Charakter der Menschen zu beobachten und darzustellcn. Das geheimnißvolle Treiben in den Tiefen der menschlichen Seele, aus welchen nur zeitweise die Spuren bis zur Oberfläche gelangen, erregt seine besondere Aufmerksamkeit und beschäftigt seinen Entdeckungseifer. Er leidet nicht die Leichtlebigkeit des Frohsinns und der heiteren Illusionen, sondern dringt auf den Ernst der Wahrheit, auf die Enthüllung der innersten Triebe, bei welcher uns zwar oft traurige Wahrnehmungen überraschen, mit der aber auch Erkenntnis; der Welt und noch heilsamere Selbsterkenntnis; verknüpft ist. So beklagt er in dem Gedicht „Resignation" die Eitelkeit des irdischen Lebens, welches der schäumenden Woge gleiche, die sich wohl erhebt und vorwärts strebt, dann aber an der Klippe zerschelltftmd nicht einmal eine Erinnerung zurückläßt, weil die nachfolgenden Wogen jede Spur von ihr verwischen. Ganz die Stimmung und der Standpunkt Kohelet's, der gleichfalls mehr Geschmack am trüben Ernst als am trüben Lachen findet und lieber in das Haus der Trauer zieht als in das Haus der Freude, da ihm dort die Wahrheit sich aufthut; der über das Loos der Menschengeschlechter klagt, weil immer eins von dem andern abgelöst und vergessen lvird, und der mit dem Ausruf beginnt und endet: Alles ist eitel! Ahnen, Hoffen und Getäuschtwerdcn, in diesen drei Worten — so klagt unser Dichter — ist der Inhalt des Menschenlebens geschildert.') I bs c» sinnt wie die Bibel über die Rüthsel des Daseins, »in sie zu lösen. Er forscht nach den Zusammenhang der Tinge, nach Ursprung und Folge, nach dem Verhältnis; von Ursache und Wirkung in den äußern Begebenheiten, die scheinbar nur lose aneinander gereiht, aber thatsüchlich aufs Engste verkettet sind und wirkungsvoll in einander greifen. Er beschäftigt sich mit der Sünde, mit der Strafe, die ciutritt, wenn das Mas; voll und die Frucht reif ist, die nicht von dem zeitlichen und sichtbaren R'ichter vollstreckt wird, mit der Vererbung des Bösen, mit der Solidarität der Eltern und Kinder, mit der Heimsuchung im später» Geschlecht, mit der Eitelkeit des Genusses und mit dem Werthc des Opfers. Lauter Gegenstände, welche auch den Inhalt der biblischen Geschichte und Lehre ausmachen. Verfolgen wir die Art, wie er in einigen seiner Dramen diese Fragen behandelt. Das Schauspiel „Rosmersholm" weist aus den Ursprung des Unrechts hin, arif den kleinen unscheinbaren Anfang, der erst lange im «bedanken bleibt und dann plötzlich in der That sich verwirklicht, auf die geringen und unwesentlichen Abweichungen vom Erlaubten, aus welchen bei Unbedachtsamkeit, und wenn man ihnen nicht gleich von vornherein kräftig entgegenarbeitet, allmählich das entsteht, was wir dann großes Verbrechen und furchtbares Unglück nennen. In der Schrift beneidet Kajin den Bruder; das scheint geringfügig. Aber sein Gemüth wird immer düsterer, sein Antlitz immer finsterer. Ta mahnt ihn die (bottesstimme, den bösen Trieb, der sich in ihm ') Bergt. Jäger, Henrik Ibsen, Deutsche Ausgabe von Zschalig, S. 47.

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