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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-11 · Heft 13 (11.4.1890) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 13 (11.4.1890)
Date
1890-04-11
Page
Seite 191 (sequence 3)
Language
German
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191 Alles dies wird jedoch nichts fruchten, wenn nicht außerdem eine ganz besondere Aufmerksamkeit demjenigen zugewendet wird, was der körperlichen Kräftigung in der eigentlichen Erziehung dient. Leider ist ein großer Theil der armen jüdischen Mädchen zu jeder dauernden körperlichen Anstrengung unfähig. Tie tausendjährige Knechtschaft ist nicht spurlos an der Rasse vorüber gegangen. Las enge Zusammenleben in städtischen Höfen oder Straßen hat die Körperkraft gelähmt, die Leiber verzärtelt. Hinaus aus der Stadt, auf das Land hinaus, wo der Einzelne nicht Alles fertig käuflich erhält, sondern Vieles sich selbst Herstellen muß, wo er notwendig selbst Hand anlegen muß, um sich das Nothdnrftigste ]\\ beschaffen, ivo der Luxus in weit geringerem Maße sich breit macht als in städtischen Verhältnissen, wo der Mensch im Freien gesünder, kräftiger sich entwickelt, als in engumschlossenen Räumen; dort allein kann die verlorene Kraft sich wieder erzeugen, können die Muskeln sich stärken, die Nerven gesunden und der bescheidene Sinn einkehren, welcher mit Wenigem sich begnügt und 'an denn Einfachen Geschmack findet. Oft genug habe ich mich gefragt, wo die jüdischen Handwerker denn ihre Frauen hernehmen sollen. Ist es wirklich für sie und ihre Frauen gut, wenn diese über ihren Stand hinaus erzogen sind, mehrere Sprachen kennen, die wichtigsten Romane gelesen haben und Klaviervirtuosinnen sind? Ist es für Beide nicht besser, wenn die Frau kochen, waschen, plätten, einmachen und reinmachen kann lind Alles in sauberer und geregelter Ordnung zu halten versteht? schaffen wir unseren Handwerkern, und wie ich hinzufügen will, unseren kleineren Kaufleuten robuste, arbeitsame, fröhliche Frauen mit mäßigen Ansprüchen an das Leben, gediegene Helferinnen in den Nothlagen des Lebens, welche selbst in der Wirthschaft Alles ansassen und die Beschmutzung der Hände bei der Arbeit nicht als etwas Standesividriges ansehen, welche durch ihre Kleidung nicht gehindert iverden, jeden Raum des Hauses zil durchstöbern und alle Geräthe zu Handj haben, welche verstehen, einem dienenden Mädchen zu befehlen, weil! sie selbst gedient haben, das Röthige zeigen können, weit sie es selbst j zu machen vermögen, und die an sich selbst erfahren haben, welches I Viaaß von Leistungen man billigerweise von einem Menschen ver-! langen kann. Dies ist das Ideal, welches für ein solches Institut j mir vorschwebt. Manches Mädchen wird dann in bescheidener aber dauernder Lage glücklicher werden, als in dem trügerischen Wohlleben über ihre Verhältnisse hinaus, das nicht so gar selten, wenn es dem Manne einmal schlecht geht, in das tiefste Elend sich verwandelt. Tann; offenbart sich die grenzenlose Hilflosigkeit. Ich fasse das zuletzt (besagte dahin zusammen, daß der körperlichen Kräftigung die eingehendste Aufmerksamkeit zu widmen und diese eher außerhalb der großen Städte als in denselben zu erwarten ist. Aber noch eins hatte ich angedeutet, worauf ein sorgfältiges Auge zu richten ist, die Erziehung. Auch wenn ein Mädchen die von mir bezeichneten Schulkenntnisse und technischen Geschicklichkeiten und die erforderliche Körperkraft erlangt hat, so würde es damit allein noch nicht eine wiinschenswerthe Bereicherung des dienenden Personals in unseren Familien sein. Fragen wir uns selbst, weshalb wir so wenig geneigt sind, jlidische Dienstmädchen, Kindergärtnerinnen, Krankenpflegerinnen u. dgl. zu nehmen? Man sollte eigentlich doch das Umgekehrte erwarten. Die Abneigung hat einen naheliegenden Grund, der für Biele freilich nur unbewußt leitend ist. So lange die Juden alle gedrückt waren, war kaum ein Standesunterschied unter ihnen vorhanden. Jeder fühlte sich dem Andern gleich, und so lange Alle geknechtet waren, war dies auch im Wesentlichen zutreffend. Die Verhältnisse haben sich aber mit der Zeit verschoben. Jetzt giebt es in der That mehr als früher ein Hoch und Niedrig unter den Juden in sozialer Beziehung; die größere Freiheit hat mit Nothwendigkeit die Verschiedenheit der Stellung erzeugt. Auf Grund der früheren Anschauung wird dieser Verschiedenheit von wenig oder schlecht erzogenen Personen nicht genügend Rechnung getragen, und deren Vertraulichkeit berührt manchmal recht unangenehm. Wie angenehm berührt uns dagegen ein zurückhaltendes, nicht vordringliches, respektvolles Verhalten eines Untergebenen? Ich werde wohl laicht in den Verdacht kommen, eine RechtsUngleichheit zu befürworten, aber die gesellschaftliche Ungleichheit ist mit der Natur eines Dienstverhältnisses von selbst gegeben. Weit entfernt bin ich davon, das Dienstverhältnis', des Gesindes zu einem bloßen, nüchternen, herzlosen Verkragsverhültniß Herabdrücken zu wollen, wie es zuweilen etwa die Stellung des Fabrikarbeiters zum Fabrikherrn ist und wie es in einem anderen mir bekannten Lande — ich meine England in der Thnt auch bei dem Gesinde zu fein scheint; ich lobe nur unsere deutsche An.. nach welcher das Dienstmädchen zur Familiengemeinschast gehört,! was, wie ich glaube, auch der jüdischen Anschauung entspricht: „Du j und Dein Knecht und Deine Magd".; Aber aufrechterhalten möchte ich im Verkehre sehen, daß der j Knecht nicht der Herr und die Magd nicht die Herrin ist, 1 sondern Jeder die Stelle ausfüllt, die er inne hat. Die! Magd soll lernen, ihren Stolz darin 311 setzen, eine vorzügliche Magd zu sein, nicht aber so zu thun, als ob sie das Fräulein vom Hause wäre. Ich befürworte natürlich nicht ein sklavisches, eines : freien Menschen unwürdiges Verhalten; ein solches wäre mir immer j verächtlich, gleichwohl wo ich es fände. Vielmehr scheint mir ein bez scheidenes, nicht vorlautes, das letzte Wort nicht beanspruchendes Ver-! halten, ein achtungsvolles, ruhiges —- wenn auch selbstbewußtes Benehmen gegenüber der Herrschaft wohl angebracht. Wenn die Mädchen so erzogen werden, daß sie vom frühen Morgen bis die stacht herabsinkt, adrett und sauber - darf ich so sagen: appetitlich--- aussehen, fleißig ihrer Arbeit nachhängen, dieselbe schnell und sorgfältig verrichten, gehorsam Befehle empfangen und ausführen, nicht widersprechen und besser wissen wollen, — einen gesitteten Einfluß aus die kleinen Kinder des Hauses ausüben, mit ihnen spielen, scherzen und singen urtb sie beschäftigen, — dann glaube ich, wird es an Stellen für solche Mädchen nicht fehlen. Soweit meine Erfahrung reicht, haben es die Dienstmädchen in jüdischen Familien nicht schlecht; man pflegt sich ihrer anzunehmen und für sie zu sorgen. Würde also das Institut ein solches Dienstpersonal erziehen, wie ich es mir denke, so wäre für jene Mädchen ausgesorgt. Ein gutes Dienstmädchen ist ein Schatz für eine Familie und manchmal wichtiger für die Kinder, als Damen von weit höherem Bildungsgrade. Lassen Sie mich zum Schlüsse eilen. Das Ziel habe ich anzugeben versucht und die große Straße bezeichnet, auf welcher man sich ihm nähern kann. Es lohnt sich, zil versuchen, jenes Ziel zu erreichen, mag man auch genöthigt sein, von bem direkten Wege abzuweichen. Was in Gedankell klar und leicht ist, erscheint bei der Ausführung schwieriger, und ein Nachgeben gegenüber den thatsächlichen Verhältnissen ist oft nnumgänglich. Ich zweifle nicht, daß Dielen unter Ihnen das Ziel an sich wünschenswerth erscheinen wird, obschon gegen den einen oder anderen von mir hervorgehobenen Gesichtspunkt Der oder Jener seine Bedenken haben mag. Mancher wird auch vielleicht die Schwierigkeiten, welche von den Mädchen selbst oder ihren Angehörigen werden erhoben werden, als unüberwindliche erachtell. Ich hege jedoch die Hoffnung, daß, tnetut der Gedanke richtig ist und seine Tragweite für die ganze Stellung der Juden angemessen gewürdigt wird, der Plan sich wird ausführen lassen. Zu seiner Durchführung bedarf es großer pekuniärer Mitte!, und schon um einen Anfang zu machen, erheblicher Summen. Für

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