Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 13 (11.4.1890)
- Date
- 1890-04-11
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
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100 Personen, mcfdie fremder Hilfe bedürftig sind, theils tveil es ihnen! nn Mitteln gebricht, für sich selbst zu sorgen, theils weil sie der natürlichen Berather entbehren. Ich stelle daher die Frage so: Welche Einrichtung kann getroffen werden, um amten jüdischen Mädchen, insbesondere Waisen, eine ihrem Stande entsprechende Erziehung zu geben und sie dadurch möglichst zu zufriebenen Menschen und zu nützlichen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft zu machend Tie Gesichtspunkte, von denen aus diese spezielle Frage zu erörtern ist, find allgemeinerer Natur und müssen sich daher mit der Frage der Erziehung jüdischer Kinder überhaupt, gleichviel welchen Geschlechtes sie sind und welcher sozialen Schicht sie angehören, befassen. Tie Betrachtung lenkt sich mit Nothwendigkeit darauf zurück, wie denn vor den letzten hundert Jahren die Erziehung geleitet wurde. Selbstverständlich lasse ich außer Betracht, was in einzelnen, besonderem und ausgezeichneten Fallen unter günstigen Umstanden für die Erziehung geschah, und beschäftige mich nur mit der Masse. Wenn ich recht unterrichtet bin, so geschah für die Erziehung der Mädchen in Schulen fast gar nichts. Man begnügte sich mit denn was sie in der Familie von den Eltern und außerhalb derselben durch die; Nothwendigkeiten des Gebens lernten, und sorgte höchstens dafür, daß sie hebräisch lesen lernten, um den Gebeten folgen zu können. Mehr; geschah für die Knaben in Lehranstalten, die fast ausschließlich sich mit dem Hebräischen beschäftigten und nur dann, wenn der Lehrer zufällig ein größeres Wissen besaß, zufällig ein größeres Lerngebiet umfaßten. Tie erwachsenen Knaben, wenn sie nicht sofort dem Erwerbe nachgehen mußten, besuchten dann eine höhere Lehranstalt, in welcher sie die Bibel, den Talmud und die Kommentatoren studirten. Geübt wurde das Verständnis; der hebräischen Sprache und die Kunst zu denken, zu erläutern und zu schließen. Zu den Lehranstalten des Landes nicht zugelasien, ausgeschlossen von Innungen und Zünften, von den Verbindungen der Kaufleute und sozialen Vereinigungen, selbstverständlich für jene Zeiten auch von jeder Theilnahme an kommunalen und politischen Körperschaften, eingepfercht in gewisse Stadttheile. abgescbnitteu von dem Verkehr mit anderen Städten,; bildete sich nothwendig die einseitige Richtung aus, das abstrakte Tenken als das höchste Ziel des zu Erstrebenden -zu betrachten. Ta j aber in der Regel dasselbe nur an religiöse Tinge anknüpfte, so war; die praktische Verwerthung des (Gelernten im Leben kaum möglich.! Noch ein Säkulum nach allmäliger Beseitigung jener Schranken ist jene Richtung der Ideen unter den Inden deutlich erkennbar. Tie keltern rülnnen noch heute mit Vorliebe, „welch ein Köpfchen" ihr Kind habe. Tie Neigung, die Kinder studiren zu lassen, ist heute noch eine fast allgemeine. So erklärlich dieser Zustand ist, so wenig ist er bei der gegenwärtigen Sachlage befriedigend. Tas Studium ist nicht mehr ein so einseitiges, als es früher bei den Juden war, ltiib erfordert, um irgend fruchtbringend zu werdeit, eine viel umfassendere Vorbereitung und Thütigkeit. Tie Juden konkurriren auch nicht mehr unter einander, sondern haben sich mit Anderen 311 messen, deren Ahnen seit; Jahrhunderten an den sprudelnden Cuellen der Wissenschaft ihren! Wissensdurst ungehindert stillen durften, und welche die verfeinerten! Formen des gesellschaftlichen Verkehrs theils ererbten, theils sich anzueignen die Gelegenheit hatten. Es sollten daher in der That nur die besonders beanlagten Personen unter den Juden sich dem Stildium j widmen und die übrigen mehr sich solchen Beschäftigungen zuwenden, welche ein geringeres Maas; an geistiger Kraft erfordern und auch dem Mittelmäßigen gestatten, den bescheideneren Beruf, diesen aber j nach allen Richtungen auszufüllen. Ich glaube kaum, daß diese An-! regung viele Personen vom Studium zurückhalten wird, denn der > Irrthum ist weit vet breitet, daß die formelle durch Prüfung mm Patent erlangte Berechtigung allein schon ausreicht, eine Stelle wir! lich auszufüllen; wohl aber kann wenigstens dies erzielt werden, Dar, man da, wo die Milt thütigkeit eintritt, daran festhält, die Kinder nicht gewaltsam in die höheren Berufe 31t drängen, sondern sie für bescheidenere Stellung' n, aber um so besser vorzubereiten. Dadurch erzeugt man abgerundetere Existenzen, zufriedenere, glücklichere Menschen mit geringeren, aber desto eher zu befriedigenden Ansprüchen au tum Leben; die Ratur liebt keine Sprünge, auch nicht in der sozialen Lage, sondern ist der allmäligen Aufbesserung günstig. -- Wende uii nun diesen Gesichtspunkt auf arme jüdische Mädchen, namentlich am die Hilfsbedürfti'.sten, die verwaisten an, dann ergiebt sich von selbst daß sie möglichst nicht 311 Lehrerinnen, Gouvernanten, Bonnen, Buch Halterinnen, Kafenführerinnen u. dgl., sondern zu Stellungen in der dienenden Klaffe erzogen werden sollen. Man sollte glauben, dienen ist so lucht; man gehorcht eben, was braucht da gelernt m werden? Ich antworte: sehr viel ist zu lernen. Wenn dies nicht der Fall wäre, roeshalb findet man so wenig jüdische Dienstmädchern Kindermädchen, Köchinnen, Wäscherinnen, Plätterinnen, Kraut, rn Pflegerinnen, n. dgl.? Um solche Stellen gut auszufüllen, bedarf es außer den Kenntnisß n, welche bei uns in den Bürgerschulen erworben werden, einer besonder n Erziehung, die von Anfang an planmäßig darani ge richtet werden muß. den bescheidenen Sinn auf das Erreichbare zu k\\U\\. Ich denke daher an die Errichtung eines Instituts, welches seinem Endzweck dazu bestimmt sein soll, die Pfleglinge zu da: bezeichneten Sllllungen, aber möglichst gut vorzubilden. Nicht die geringste Schwierigkeit würde es haben, Damen zu finde-', welche in demselk enden Sch ul unterricht mit Nutzen ertheilen fömitem viel schwerer mirb es sein, solche zu finden, welche die Unterweisung der Kinder in bei: für ihren dereinstigen Beruf nothwendigen kern nischen Fertigkeiten selbst übernehmen könnten. Es fehlen uns überhaupt noch An kalten zur Vorbereitung von männlichen und wem liehen L eite nt, Vor stehern solcher Erziehungshäuser. Tie Heranbildung solcher Lehrer und Lehrerinnen mag die Aufgabe einer später:! Zeit bleibett, aber lie Nothwendigkeit wird sich mit der Vermehrung der wohlthätigen, für die Kinder-Erziehung bestimmten Heimstaurni ergeben. Bis jetzt ist jeder Herr oder jede Dame, welche an du Spitze solcher Häuser tritt, Dilettant, schafft Alles neu nach seine','.! Kopfe, hat in jüdischen Kreisen nur wenig Vorbilder, und hat selten Gelegenheit gehabt, i.t christlichen Instituten sich vorzuüben. Eine Tradition besteht ttoch tticht: deshalb ist das subjektive Erntessen mm schlaggebend, und leicht werden Irrwege eingeschlagen. Die Regem was für die Wohlfahrt in allen solchen Instituten z. B. für du Pflege der Gesundheit, die Kost, die Kleidung mtb sonst nothwendst ist, sobald es sich um eine ganze Reihe von Kindern handelt, sind m wenig bekannt und werden meines Wissens nirgends gelehrt. Inam der gute Wille überwindet diese Schwierigkeit; freilich wäre am. Lehrerin für das von mir bezeichnete Institut unbrauchbar, wenn m tticht mit Enthusiasmus der Idee sich hingiebt, welche praktisch angeführt werden soll. Aber ich hege die Hoffnung, daß solche Tamm sich finden werden, wie sie sich selbst unter der hohen Aristoü'am finden, Muster von Bescheidenheit, Hingebung und Selbstlosigkeit, nn Dienste einer religiösen Idee, welcher sie ihr Leben widmen. Ties in adlige, d. h. edle Gesinnung; ttach solchen Mustern können wir uns bilden Hervorgehoben ist bereits, welches in dent geplanten Jnsütm die Lehrgegenstände sein müssen; sie können nur einen die Elemeum der Bildung festnagelnden Schulunterricht umfassen, nack bcu Maße dessen, was in einer guten Volksschule geleistet wird, uw außerdem einen Unterricht in den Handleistungen, welche er forderlich sind, um zu dem späteren Dienste vorzubereiten.