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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-04 · Heft 12 (4.4.1890) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 12 (4.4.1890)
Date
1890-04-04
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 anbei* unterscheiben. Die j übi scheu Studireuden scheinen darnad) durchschnittlich mehr Befähigung zu besitzen uub mehr; Fleiß zu entwickeln als bic Christen." Diese Behauptungen stutzen sich auf bie folgenden für bas Studienjahr 1886 87 festgestellten Thatsachen: Evang. Kath. Juden. In der juristischen Fakultät Cs stubirten länger als 7 Semester pCt. 7,89 7,39 4,32 In der medizinischen Fakultät Cs stubirten länger als 10 Semester pCt. 9,43 7,72 6,18 In der philosophischeil Fakultät (philolog.-histor. uub mathem.-uaturw. AbthO Es stubirten länger als 8 Semester pCt. 22,66 22,00 18,03 > Dieses den jüdischen Studenten hier also regierungsseitig ausgestellte; Lob, sowie bie Anerkennung daß bie Juden auch früher in das Studium! eiutreteu, läßt womöglich noch der Vermuthuug Raum, daß sich diese Thatsachen auch für jüdische Schüler ähnlich günstig gestalten. Aus Lchlesieri, 30. März. Von einem hervorragenden Schulmann geht uns die folgende Erklärung zu der Rede des Ministers v. Goßler zu: „Schreiber ist mit den Schulverhältuissen Preußens viel länger als 1 der Herr Minister, schon seit beinahe 50 Jahren, genau vertrailt. Er weiß es, wie höchst selten und wie auch nur ganz und gar vereinzelt ein jüdischer Familienvater Dispens seines Kindes vom sabbathlichen Unterricht beanspruchte, und wie leicht er sich beruhigte, wenn ihm der; Nachtheil eines unterbrochenen, unregelmäßigen Schulbesuches demoustrirt wurde. Nicht einmal au die Elementarschulen stellen jetzt die jüdischen Familienväter den fraglichen Au sprach, und bei Gymnasien und höheren Mädchenschulen ist niemals davon die Rede. Nur für die Feiertage werden die jüdischen Zöglinge an den Gymnasien und höheren Mädchenschulen behufs Theiluahme am öffentlichen Gottesdienste freigegeben, und es wird von den Eltern dafür gesorgt, daß das Versäumte ■ bald nach geholt wird. Sehr oft, wie ja auch in diesem Jahre, I fällt das jüdische Passah- und Pfingstfest mit dem christlichen zusammen und die jüdischen Herbstfeiertage, Ende September oder Anfang Oktober, mit den Herbstferien. In meinem Wohnorte — und so wird es auch gewiß an vielen anderen Orten sein — besuchen alle, selbst die Söhne orthodoxer Eltern, mit Ausnahme des Neujahr- und Versöhuungtages, au den Feiertagen Nachmittags das Gymnasium. Der Herr Minister führte auch au, daß ein russischer Kultusbeamter die jüdische Jugend mit Religionsunterricht zu sehr überbürdet habe. Aber es werden; bekanntlich keine slavischeu Kultusbeamten mehr importirt, das Staatsgesetz verbietet es, und auch vor dem Staatsverbote kann ein Fall, wie der beregte hier, nur in einem Krähwinkel vorgekommen sein; darüber lohnt sich wahrlich nicht einmal ein Wort zu verlieren." 6. Aus Baden, 28. März. Alls einem Lande, in welchem nicht allein die höheren, hier Mittelschulen genannten, Unterrichtsanstalten, sondern auch die Volksschulen ehrlich simultan finb, dürften Berichte über die Schutverhaltnisse jetzt besonders opportun sein. Von dem Problem, das den preußischen Kultusminister so arg beschäftigt, spüren wir hier nichts. Wir haben Israeliten als Lehrer au Voltsnab und Bürgerschulen. Für sie, wie für die Schüler ist ein Erlaß des Großherzoglichen Oberschulraths vorn 10. Juli 1877 90*. 10227 maß gebend, der bestimmt, daß: Auf Verlangen der Eltern oder Fürsorger die Israeliten vom Schillbesuche zu befreien sind all den beiden Tagen des Neujahrsfestes, am Versöhuungsfeste, am ersten und siebentell Tage des Pessachfestes (Ostern), am ersten Tage des Wochenfestes (Pfingsten), am ersten lind achten Tage des Laubhüttenfestes. Das macht acht Tage im gailzell Jahre, von lvelcheu ersahrungsmäßig gewöhnlich die Hälfte in die Ferien oder auf schulfreie Tage fällt. So wird Pessach und Schewuoth im lausenden Jahre während der Schlllferien gefeiert. Der Versöhnuugstag fällt auf Mittwoch. Der Ausfall beträgt also im ganzen Jahre 4l/s Tage! Was hat dieser Ausfall da zu bedeuten, wo auch der kleinste Marientag, wo ilach Allerheiligen selbst Allerseelen schulfrei gegeben wird? -- Das ist es andC) nicht, was drückt. Man will in Prelißell ilicht das Judenthum offiziell beachten. Das ist des Pudels Kern! Unb dazu sieht man sich gezwungen, wenn die Mehr heit der Schüler fehlt — und es im Schulbericht wegen des Jomkischmo einmal, wie im Börsenbericht heißt: Wegen des jüdischen Feiertages keill — Unterricht! Halten Sie dagegen den §2 der in Baden geltenden Verordnung. Er lautet: „An anderen israelitischen Festtagen und an Sabbathen sind die israelitischen Schüler zum regelmäßigen Besuche der Schule anzuhalten, doch sind dieselben, soweit thunlich, an Sabbathen während der Zeit des öffentlichen Gottesdienstes aus Verlangen ihrer Eltepn oder Fürsorger von der Verpflichtung zum Schulbesuche zu eut binden. Keinenfalls aber sollen israelitische Schüler oder Schülerinnen beim Schulbesuch an Sabbathen und Festen gegen den Willen ihrer Eltern oder Fürsorger zum Schreiben, Zeichnen oder zur Fertigung von Handarbeiten augehalten werden. Auch ist bei Festsetzung der Stunden pläne auf die israelitischen Schüler in der Weise Rücksicht zu nehmen, daß soweit thunlich der christliche Religionsunterricht auf Samstag und auf die Zeit des israelitischen Gottesdienstes gelegt und auf diesen Tmz solche Unterrichtsgegenstände angesetzt werden, bei welchen keine Arbeiten Vorkommen, an denen israelitische Schüler nicht Theil nehmen können'. Unser Kultusminister Nokk hat diese Verordnung als Direktor des Ober schulraths erlassen! Das ist Simultaueität — das ist Gleichberechtigung vor dem Gesetze. Wenn nur der Wille dazu in Preußen vorhanden wäre, würde das Problem schnell gelöst sein. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 29. März. Als der Papst Pius VI. zu Ostern 1782 in Wien war, berichtete der damalige preußische Gesandte in Wien, Baron Riedesel am 23. März: „Der Wiener Pöbel ist der dümmste (le plus mouton) in Europa" und am 6. April schrieb er: „Inzwischen läusj der Papst in den Kirchen herum, giebt jedem, der es will, Audienzen, und da der bigotte Pöbel des Landvolkes aus der Ferne hierherkommi und sich unter den Fenstern sammelt, so läßt ihn der Kaiser bitten, wenn die Menge groß wird, derselben den Segen zu ertheilen. Daun begiebt sich der Papst auf den Balkon und ertheilt seinen Theriak und alle diese Hammel kehren befriedigt in ihre Dörfer zurück."*) — Hundert Jahre und darüber sind verflossen, seitdem diese Werke geschrieben wurden, aber sie passen heute noch auf den Wiener Pöbel. Ter schlagendste Beweis dafür ist, daß der Pöbel sich nach wie vor von den Demagogen bethören läßt. Die antisemitische Bewegung dauert nun seit Jahren hier. In der ersten Zeit konnten die „kleinen Leute" glauben, daß diese Demagogen ihnen helfen werden. Es zeigt sich jedoch, daß diese Leute nicht einen fruchtbaren Gedanken haben, daß sie nicht das Kleinste und Geringste für die Armen und Elenden geleistet; aber der Wiener Pöbel ist eben le plus mouton, und der Theriak, den die Antisemiten Derbheiten, hat noch zahlreiche Abnehmer. In solcher Weise kam es, daß bei den jüngsten Wahlen in den Gemeinderath wieder einige Antisemiten durchgedrungen sind. Der Pöbel ist zu neuem Leben erwacht. Steht dieser Moment mit dem Rücktritt des Fürsten Bismarck im Zusammenhänge und kommt hier das Sprüchwort: quam! le chat est hors de la maison zur Geltung? — Peinlicher jedoch ato die Angriffe berührten die Bemerkungen des Ministers v. Goßler Seit dem Toleranzpatente Josefs II. ist es bei uns in Oesterreich noch Niemanden eingefallen, die höheren Schulen konfessionell zu gestalten und selbst zu den Zeiten des Concordates wurde derartiges nicht versucht. Die Frau Krouprinzessinwittwe Stefanie hat wieder begonnen. Gesangsunterricht zu nehmen, und ertheilt ihr denselben wie früher Frau Niklas-Kempner, eine Israelitin. — Herr Dr. Benedict, der bk jetzt Assistent am hiesigen Polytechnikum war, wurde zum außerordenl' licheu Professor ernannt. von Nah und Fern. * Von der Toleranz und dem Gerechtigkeitssinn unseres jungen Kaisers macht in militärischen Kreisen eine jüngst gefallene Aeußerung Allerhöchstdesselbeu viel von sich reden. Dem Kaiser fielen bei einer Besichtigung des Militärs, und zwar bei einem Vorbeimarsch, zwei Einjährige durch ihre vorzügliche Haltung auf. Plötzlich rief er den Vorgesetzten zu sich heran und frug, wie lange dieselben schon dienen; acht Monate, war die Antwort, die der Kaiser erhielt! Warum, frug derselbe weiter haben dieselben die Knöpfe nicht erhalten? „Es sind Juden! Majestät." Entrüsteteutgegnete der Kaiser: „Ich kenne keine Juden in meiner Armee. Ich kenne nur Soldaten!" — Unter den beim jüngsten Ordensfeste dekorirteu Persönlichkeiten befinden sich auch mehrere hervorragende Glaubensgenossen, so Reichsgerichtsrath Tr. *) G. Wolf „Oesterreich und Preußen 1780-1790" S. 81.

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