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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-04 · Heft 12 (4.4.1890) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 12 (4.4.1890)
Date
1890-04-04
Page
Seite 186 (sequence 10)
Language
German
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186 der Adel jener Zeit bezüglich seiner Stellung im Staat und in der Gesellschaft festhielt. Alles war in Dammholm mit einer fast fürstlichen Pracht eingerichtet. Wenn der Besitzer seine Nachbarn oder die nahe gelegene Stadt Torsballig besuchte, kutschirte er mit Vieren, zwei Falben und zwei Schwarzen, und ein berittener Diener in der eiergelben Livree der Dnvenstcdts war der reichvergoldeten, in schweren Riemen Hangende» Karosse oder dem offenen, hohen Jagdwagen zur Seite, sobald die Gräfin, eine österreichische Freiherrin, die Graf Duvenstedt bei seinem Aufenthalt in Wien in jungen Jahren kennen gelernt und geheirathet hatte, ihren Geinahl begleitete. Während der Graf mit dem starken Schnurbart, der hohen Stirn und der stark gebogenen Nase, die dem aristokratischen Gesicht noch einen besonders sclbstgebietenden Ausdruck verlieh, einen imposanten Eindruck machte, fiel die Gräfin durch ihre kleine, fette Gestalt sehr ungünstig auf, uud es wirkte ihre Erscheinung um so unsympathischer, da ein brutal hochmüthiger Zug niemals aus ihrem Gesicht wich, und sie den Mangel ihrer Schönheit durch auffallende, ihrem Alter keineswegs angemessene bunte Toiletten zu heben versuchte. Ihre Tugenden bestanden in einem makellos sittlichen Lebenswandel und einem unermüdlich Sorge tragenden Interesse für ihre Kinder, ihre Fehler in ihrem mit Bornirtheit vernaschten Kalte des Herzens, sobald es sich nicht nm ihre eigene Familie handelte. Tie elfteren Borzüge hatte» die beiden Gatten zusammengehalten während ihrer langjährigen Ehe, sie liehen den Mann den Mangel an liebenswürdigen Eigenschaften seiner Frau, die ihm zudem eine bedeutende Mitgift in die Ehe gebracht, übersehen. In den meisten Dingen gab es sogar zwischen ihnen keine Meinungsverschiedenheiten, insbesondere, wenn cs sich um die Familie Duvenstedt, um deren Ehre, Würde und Ansehen handelte. Ein solcher Fall lag gegenwärtig vor und führte es mit sich, daß die Gräfin, die sonst nie vor Mittagzeit ihre oben im Schloff belegenen, mit einer Fülle von luxuriösen Bequemlichkeiten ansgestatteten Gemächer verlies;, heute bereits um die zehnte Stunde die Zimmer ihres GeinählS betrat. Ein Haus-Haiduck in derselben cicrgelbeu, mit carmoisinrothen Aufschlägen versehenen Livree war ihr auf der breiten, in reichem Roccoeo-Stil gehaltenen lind mit vergoldeten Amoretten geschmückten Marmortrcppe vorausgecilt, und er verbeugte sich ehrerbietig, als die „allergnüdigste Herrin" mit dem breiten Dorschmund und den kleinen häßlichen, gelben Zähnen, bekleidet mit einem laugschleppenden Morgenrock in bunter, chinesischer Seide, das Gemach ihres Gemahls betrat. „Abermals ein Brief voll Wulf, eben hat Sören die Post aus der Stadt gebracht —" begann sie nach dem Kuß, den ihr der ritterlich sich herabneigendc Graf ans die Rechte gedrückt — und überreichte ihren: Gemahl ein großes, mit dem Wappensiegel der Duvenstedt versehenes Schreiben. Während die Gräfin ihren schwerfälligen Körper in einem Halb- Divan mit eingestickten bunten Papageien drückte, trat,der Graf mit dem ihm von seiner Gemahlin eiugehändigten Schreiben seines ältesten Sohnes an das Fenster. Aber seine Mienen erheiterten sich nicht, und nachdem er das rasch Durchflogene nochmals langsainer studirt, wandte er sich zu der ruhig Dasitzenden ttttb sagte: „Also weit schlimmer als, ich dachte. Noch 10,000 Louisdors. Das ist soviel wie mein Ruin." „Noch?" wiederholte die Gräfin mit nachlässiger Ruhe. Der Mann schien nicht zu hören und starrte vor sich hin, dann stieß er ein böses aus den Sohn berechnetes Wort zwischen den in zorniger Empörung zusammengebisseuen Zähnen hervor. „D — o —" machte die Gräfin mit starkem Tadel, und aus ihrer Stirn erschien eine Unmuthsfalte. „Ja, Du weißt ja nicht Alles, Clementine," nahm der Graf da» Wort, „aber jetzt ist cs an der Zeit." „Schon-im vorigen Jahre bezahlte ich dieselbe Summe. Nun werden abermals 10,000 Louisdors von Wulf gefordert trotz seiner heiligen Versicherungen. Das macht mich so zornig und muthlos. Ich wollte Dir den Kummer ersparen; ich nahm das Geld von Si monides, dem Juden in Torsballig, auf, und habe ihn heute wieder entboten, nachdem vor acht Tagen die neue Schreckensbotschaft eintrat. Cr wird's nicht — er kann's nicht geben — schon damals hatte ich große Noth ihn zu bewegen — und was soll dann werden? Bisher lebten wir von den Pachtertrügnissen der Herrschaft, allmälig aber häuft sich Hypothek auf Hypothek auf Dammholm, und Zinsen und Abträge schmälern bereits die Einnahme derart, daß wir in solcher Weise nicht mehr leben können. Bei Wulfs ungezügeltem Bedart reicht ein fürstliches Vermögen nicht aus! Und wofür geht'» dahin? Dem bloßen Leichtsinn soll ich mein Vermögen, meine Existenz opfern? Mit der Reitpeitsche verdiente er gezüchtigt zu werden, der Bursche-" „C — o —" ging'» abermals mit starker Mißbilligung über die Lippen der Frau, die voll Schrecken und Sorge zugehört, obschon ihre Züge nichts verrathen, die nun aber wie eine Wölfin für iln Junges eintrat. „Wir werden Wulf sogleich kommen lassen, ich werde ihm in» Gewissen reden, Detlef, er wird sich menagiren lernen. Jugend! Jugend! Warst Du nicht auch jung?" „Niemals habe ich solche leichtsinnige Streiche begangen. I» überschritt auch wohl, was mir mein hochseliger Vater — Gott sei ihm gnädig — ausgesetzt, aber cs ist eine Bagatelle gegen dicie abundante Summe. 20,000 Louisdor! Es repräsentirt den Werth unseres größten Vorwerks. Fünf Jahre so weiter, und kein Strauch gehört mi> mehr auf Dammholm. Allen den Lieferanten, leichtfertigen Kumpanen und Wulf zu Spiel und anderen Leidenschaften Verführenden werde ich erklären, daß ich fortan nicht mehr für des jungen Grafen von Duvenstedt» Schulden aufkommc. Das ist mein unabänderlicher Wille! Aber das ist eine zweite Sache in der betrübenden Affaire. Zunächst heißt's, das Geld schaffen, lind wenn Simonides nein sagt — ich bin dessen fast gewiß — daun fehlen Mir jegliche Slibsidien. Meinen Nachbarn kann ich meine Verlegenheiten nicht anvertrauen. Höchstens könnte mir Graf Ekcni» auf Toosbye die Summe geben, die anderen haben genug auf ihren Schultern —" „Der Jude wird's schon machen," eutgeguetc die Frau und zog die Mundwinkel verächtlich herab. „Sicherheit, — hohe Zinsen und Provisionen — dazu die Ehre, dem Grafen Duvenstedt zu dienen — „Wie Du redest, Clementine! Ehre dem Grafen Duvenstedt zu dienen? Geld ist Geld — uud Simonides klopft die Geldstücke auäi nicht wie Federn aus feinem Schlafkiffen. Nein, nein! Die Sache ist cxtraordiuaircmeut subtil — ganz verzweifelt schwierig." Nlm ward leise an die hohe, geschweifte Thür des Gemaches ge klopft, uud ein stciualter, weißbehaarter Diener steckte vorsichtig den Kopf vor. „Herr Graf geruhen zu verzeihen — der Jude Simonides ist eben mit seinem Einspänner auf den Hof gefahren und schickt, ob cs dem Herrn Grafeil genehm?" „Ja, er soll kommen. — Verlasse mich, ich bitte, Clementine."

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