Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 12 (4.4.1890)
- Date
- 1890-04-04
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
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184 schaft gegen die Juden, denn er beraubte auch die heidnischen Tempel in Syrien. Um diese Zeit begannen auch die Prachtgewänder, welche der Hohepriester beim Gottesdienste zu tragen pflegte, eine große Rolle zu spielen, und auch über sie ist manches fabulirt worden. Josephus giebt uns eine genaue Beschreibung dieser Kleidung, wie sic zu seiner Zeit getragen wurde und die sich nicht sehr von der im zweiten Buche des Pentateuch vorgeschricbenen Hohepriesterkleidung unterschied. Der Eindruck, den diese aus Purpur und Gold bestehende, mit Edelsteinen reich geschmückte Festkleidung machte, muß ein großartiger gewesen sein, wie auch aus der poetischen Schilderung im Buche Jesus Sirach erhellt: „Wenn er aus den! Vorhang (des Allerheiligsten) hervorging, so leuchtete er wie der Morgenstern durch die Wolken, wie der Vollmond. Wie die Sonne scheint auf den Tempel; wie der Regenbogen mit seinen schönen Farben; wie eine schöne Rose im Lenz, wie die Lilien am Bache... Wenn erj den schönen langen Rock anlegte und den ganzen Schmuck anzog, so zierte er das Heiligthum ..."') Ter Talmud (Traktat Joma 35) berichtet wieder von einzelnen besonders reichen Stücken dieser Kleidung. So ließ die Mutter des reichen Hohepriesters Eleasar ihrem Sohne ein Festkleid machen, welches 2000 Minen (bei hunderttausend Mark) kostete. Tie andern Priester gestatteten ihn, aber nicht, cs zu tragen, weil es durchsichtig wie Glas war. Um ein Pfand für die Treue der Juden zu haben, hatte König Herodes die Festgewander des Hohepriesters in die Burg Antonia bringen lassen, und der Priester erhielt sie nur zum Anlegen an den höchsten Feiertagen. Als die Römer Judäa ihrem Reiche einverleibten, behielten sic diese Einrichtung bei. Der Ornat wurde in einem versiegelten Schranke, vor dem eine Lampe brannte, in der von einer römischen Garnison besetzten Burg aufbewahrt und sieben Tage vor iedeni hohen Feiertage dem Hohepriester ausgefolgt. Dieser reinigte ihn, pontifizirte in ihm am Festtage und gab ihn am nächsten Tage dem römischen Gouverneur zurück. Man betrachtete es als große Gunst, als der Statthalter Vitellius, der Stiefelzieher Messalinas und Vater des später zum Kaiser ausgerufenen Vielfraßes Vitellins, mn das Jahr 36 v. Ehr. den Juden den Ornat wieder ganz überließ. Zehn Jahre später wollte der Gouverneur Cuspius Fadns die Gewänder wieder konfisziren, und nur mit schwerer Mühe gelang es einer nach Rom gesendeten jüdischen Deputation, vom Kaiser Claudius die Unterlassung dieser Maßregel zu erwirken. Tic Engländer in Ceylon haben das Beispiel der Römer nachgcahmt. Sie haben nämlich nach Eroberung der Insel den wunderlhätigen Zahn des Buddha, eines 'der größten Heiligthümer des Buddhismus, in Verwahrung genommen, und dessen Beaufsichtigung gehörte zu den Amtspflichten des britischen Gouverneurs. Zweimal im Laufe von dreißig Jahren, anstatt wie früher alljährlich, wurde er unter englischer Aufsicht zur Verehrung der Gläubigen ausgestellt; aber die Ausstellung einer heidnischen Reliquie seitens einer christlichen Regierung erregte im frommen England großes Aergeruiß. Der Gouverneur wurde des Götzendienstes beschuldigt und fand keinen anderen Ausweg, als den Zahn, der übrigens ein Affenzahn sein soll, de» buddhistischen Priestern von Kandy auszufolgen. Dies geschah iin Jahre 1847. Freilich hatten die Portugiesen, die früheren Eroberer Ceylons, den Zahn schon dreihundert Jahre früher verbrannt; aber es war nur ein falscher, sagten die Buddhisten, während der echte in einer Lvtusblinne versteckt war. ') Aehnlich ist eine Stelle in den für den Versöhnungstag vorgeschriebenen Gebeten.! Doch kehren wir zu den Römern und Juden zurück. — Die am; dem Triumphbogen des Titus abgebildeten Gegenstände waren mn j ein kleiner Theil der jerusalemitischen Beute, denn die Zahl der im; Tempel befindlichen Geräthc war eine sehr große. Gab es doch, nndi | dem Talmud (Traktat Chagiga 26, 27), von manchen Kultusgeräthen j Duplikate und Triplikate, um im Falle einer Verunreinigung benmü i werden zu könne». Auch wurden an Titus noch vor Zerstörung de- , Tempels von einem übergelaufenen Priester viele goldene Gerät!,.,! Vorhänge und der Ornat des Hohepriesters allsgeliefert. Von der jüdischen Beute ließ Vespasiar nur den purpurne, Vorhang des Allerheiligsten und „das Gesetz" in seinen Palast bringen, alles klebrige wurde in dem von ihm restaurirten Tempel der Par ausbewahrt. Rabbi Eleasar, Sohn des Jose, der vielleicht zur Zeit Hadrinn- , Rom besuchte, erzählte, er habe dort die goldene Platte, welche kr Hohepriester auf der Stirn zu tragen pflegte, und den mit dem Blute der Lpferthicre bespritzten Vorhang gesehen. Soll man dieser Erzählung (im Talmud Joma 57, Sukka 5) Glauben schenken w müßte nunt aunchluen, er habe die andern Tempelutensilien nicht gesehen, weil sie sich in einem heidnischen Tempel befanden, den -er fromme Jude zu betreten scheute. Die Blutflecken am Tempelvorhang, der nach Josephus wunder schön gewoben und gestickt war, und der nach dem Berichte n Evangelien in zwei Stücke zerriß, als Christus gekreuzigt wurde, dien: Blutflecken sollen aber nach einer anderen Talmudstelle (Trakiai Gittin 56) nicht von Opferthieren herrühren. Nach dieser Sage lim , Titus nach der Erstürmung schändliche Handlungen im Tempel begangen und den Vorhang mit dem Schwerte zerschnitten, woran' sich ein Blutstrom aus dem Vorhang ergoß. Bei einer Feuersbrunst unter Kaiser Counuodus verbrannte lut Friedeiistempel mit der dort befindlichen Bibliothek und vielen wert!, j vollen Waaren. Befände» sich die Beutestücke aus Jerusalem nie!»! mehr dort, verbrannten sie auch oder wurden sie gerettet? Es scheint, daß letzteres der Fall war, wenn wir auch aus den; heidnischen Rom von diesen Reliquien nichts mehr hören. Auch kr Juden scheinen nach und nach daran vergessen zu haben. Um m mehr beschäftigte sich das christliche Mittelalter nnt diesen klebe bleibseln des jüdischen Tempeldienstes, und manche längst verschollenen Stücke tauchten wieder auf und wurden von Gläubigen für tVm gehalten. Sie werden aus Rom entführt und kehren auf unbegren! liche Weise dahin zurück. Sie verschwinden scheinbar auf immer nun tauchen wieder unerwartet auf, um fast bis in die neueste Zeit zrn Erbanung sronnner Pilger gezeigt zu werden. Der Jude des rönn scheu Ghetto macht einen Umweg, um nicht den Triumphbogen de- Titus durchschreiten zu müssen, aber um die Gerüche seines Tempels, um den fiebenarmigen Leuchter, um den goldenen Tisch und den Stab Aarons kümmert er sich nicht mehr. Tie gehören nun dem , Reliquienschatz des katholischen Rom an. An die Stelle des Tempi. |Kicis tritt die Laterankirche. Beinahe vier Jahrhunderte nach der Plünderung Jerusalem durch die Römer wird Rom von den Vandalen geplündert. Genfer»!' führt die .Kaiserin Eudoria mit ihren Töchtern gefangen nach Afriti und schleppt dahin alles Werthvolle, was er i» Rom fand. — Kon bare Reste aus heidnischer Zeit, die Schätze christlicher Kirchen »ne „die jüdischen Tempelgefüße, welche Titus nach Rom gebracht hatte kommen nach Karthago als späte Sühne für die Verwüstung de semitischen Hauptstadt durch die Römer. Aber alsGenserich Rom einnähm, waren ihm schon andere Plünderer, : die edlen Westgothen in Begleitung eines hunnischen Hilfskorps, zuvor i gekommen. Die nordischen Barbaren unter Alarichs Führung hausten