Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 12 (4.4.1890)
- Date
- 1890-04-04
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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In oder neben der Lade sollen aber (nach Exod. 16, 33, Deuter. 31, 26) auch das Luch des Gesetzes und ein Fläschchen mit Manna aufbewahrt gewesen sein, von denen bei Einrichtung des salomonischen Tempels nicht mehr die Rede ist. Dagegen finden wir das Himmelsbrod und den „Stab Aarons, der gegrünt hatte", als Inhalt der Bundeslade in der Epistel an die Hebräer (9, 4) erwähnt. Da hier auch von einer mit Gold überzogenen Lade die Rede ist, so scheint es, daß dem Verfasser des vebräerbriefes nur das Pentateuch und nietjt die Bücher der Könige als Vorlage dienten. Von deni Stabe Aarons, welcher Blüthen hervorbrachte, ist außer dem vierten Buche Mosis (Kap. 17) im alten Testament nicht weiter die Rede, dagegen werden wir in späterer Zeit wieder von ihm hören. Mag auch in dem, was in den Büchern der Könige und der Ohroniken von der Menge der kostbaren Geräthe und Gefäße des Tempels erzählt wird, viel Uebertreibnng stecken, so kann man doch annehmen, daß der Tempel zu Jerusalem viele kostbare und knnstreidje Gegenstände enthielt. Aber mehr als einmal war er schon vor den Römern von andern Eroberern ausgeplündert worden. Unter der Regierung des Königs Jojachin (597 v. CH.) beraubte der Chaldäerkönig Nebukadnezar den Tempelschatz und zerstörte einen großen Theil der Tempelgefäße. Elf Jahre später eroberte Nebukadnezar Jerusalem zum zweiten Male, führte den König Zidkijahu gefangen nach Babylon, vervrannte den Tempel, raubte, was von werthvollen Kunstwerken, meistens aus Erz, dort noch vorhanden war und zerstörte, was er nicht wegschleppen konnte. Da es den Babyloniern nur um da» werthvolle Metall zu thun war, so haben sid) die raublustigen Generale und Offiziere Nebukadnezars wohl um die den Juden heiligen aber für Andersgläubige werthlosen im Tempel aufbewahrten Reliquien und Kultusgegenstünde nicht gekümmert. Sie sind entweder mit dem Tempel verbrannt oder rechtzeitig in Sicherheit gebrad)t worden. Aach jüdischer sagenhafter Tradition war letzteres der Fall. Im Talmud (Traktat Joma 53 und 54, Schekalim 9 und 1k» wird berichtet, die Bundeslade, das Fläsd)chen mit Manna, der Stab Aarons und das Krüglein mit dem heiligen Salböl seien ans Be- 'chl des Königs Josias versteckt worden und seitdem nick)t mehr zum Vorschein gekommen. Nach dem zweiten Makkabäerbuche (II. 5) war cs der Prophet Jeremias, welcher die Bundeslade, die Stiftshütte und den Räucheraltar in einer Höhle des Berges Nebo versteckte, daß kein Mensch von dem Versteck wissen sollte, bis die Juden wieder aus dem babylonischen Exil zurückkehren würden. So steckten die jüdischen Heiligthümer in ihrem Kyffhäuser, wie Kaiser Friedrich auf die Wiederherstellung des Reichs wartend, und das Volk bewahrte gläubig die Sage. Viele Jahrhunderte später, nls-Judäa schon unter dem römischen Gouverneur Pilatus stand, erschien ein Betrüger, welcher den Samaritanern die in einem Berge, angeblich von Moses versteckten Heiligthümer zu zeigen versprach. Es lief ihm viel Volk zu, und er begann ein auf dem Berge befindliches Kastell zu belagern. Aber Pilatus eilte mit Truppen herbei, zerstreute die Samaritaner und ließ die Rädelsführer hinrichten.') Eine Verwechselung des Propheten Jeremias mit Moses bietet eine Analogie ') Josephus, Archäologie XVIII. 4, I. zu der Verwechslung Kaiser Friedrichs II. mit Friedrich I. in der deutschen Volkssage vom Kyffhäuser. Nock) phantastischer erscheint die jüdische Sage in der Apokalypse des Baruck). Hier ist es kein König und kein Prophet, sondern ein Engel, der vor der Zerstörung Jerusalems dnrck) die Chaldäer vom Himmel hcruntersteigt und die Stiftshütte, die Bnndcslade, die Gesetzestafeln, den Räucheraltar und die Insignien des Hohenpriesters entführt. Er versteckt sie dann an unbekannter Stelle und spricht dabei: „Erde! Erde! Empfange, was ick) dir anvertraue und bewahre cs bis zum Ende der Zeiten, damit du cs wiedergiebst, wenn dir befohlen wird, da Jerusalem wieder aufersteht für ewige Zeiten." Aus allen diesen Sagen läßt sich jedenfalls schließen, daß die erwähnten Heiligthümer und Reliquien zur Zeit der Römersck)aft in Judäa nicht mehr vorhanden waren. Die übrigen von Nebukadnezar entführten Tempelgefüße lagen ruhig im königlichen Schatze zu Babylon, bis Cyrus die Hauptstadt des chaldäischen Reiches eroberte und den Juden die Rückkehr nad) Palästina gestattete. Nach dem Berichte im Buche Esra gab er ihnen auck) die geraubten Tempelgefäße zurück, und zwar: dreißig goldene und tausend silberne Becken, dreißig goldene und vierhundertzehn silberne Becher u. s. w., im Ganzen 5400 Stück. Bon den verschwundenen Reliquien ist and) hier keine Rede mehr. Aber and) um die zurückgegcbenen minder heiligen Gefäße hat die fromme Sage ihre Fäden gesponnen: König Bclschazzar ließ einst, wie im Buche Daniel erzählt wird, in trunkenem llcbermuth die Tempclgefäße in seinen Speisesaal bringen und trank aus ihnen „mit seinen Großen, seineil Gemahlinnen und Kebsweibcrn". Aber während sie zechten, erschien die geheimnißvolle Hand, welche das verhängnißvolle Mene tekcl sd)rieb und — „in selbiger Nacht wurde Bclschazzar, der König der Chaldäer, getödtet". Alid) Herodot erzählt, daß Babylon von den Persern in der Nack)t loährcnd eines Festes überfallen und erobert wurde. Die nack) Jerusalem znrückgebrachtcn, im neuerbautcn Tempel verwendeten Geräthe hatten nun einige Jahrhunderte lang Ruhe, bis der Syrerkönig Antiock)us Jerusalem eroberte. Er ließ, wie im ersten Makkabäcrbuck)e erzählt wird, die Bücher des Gesetzes zerreißen und verbrennen und raubte den goldenen Altar, den Leudster, den Tisd) der Sck)aubrode, den Vorhang lind viele andere Geräthe aus dem Tempel. Vier Jahre später, nad) dem Siege des Judas Makkabäus über die Syrer, wurde der Tempel von ben Juden restanrirt, neugcweiht und mit neuem Leuchter, Schanbrodetisck), Altar u. s. w. versehen. Nad) dem Talmud (Traktat vom Götzendienst 43a) ließen die Makkabäer, weil sic arm waren, den siebenarmigen Leuchter aus Eisen machen; als sie vermöglick)er wurden, ließen sie einen silbernen mrd dann einen goldenen machen. Nun hatten die Tempelutensilien wieder über zwei Jahrhunderte Ruhe, und wenn Herodes auch einen neuen Tempel erbaute, so ließ er doch die alten Geräthschaften, wohl um die Gefühle des Volkes zu schonen, im Gebrauch. Jedenfalls wird von einer Erneuerung derselben nid)ts berichtet. Pompejus hat bei der Eroberung Jerusalems den Tempel nid)t geplündert, und Crassus, der ihn bei seinem Zuge gegen die Parther beraubte, nahm nur ben Tempelschatz an gemünztem Gold und Goldbarren mit. Die eigentlichen Kultusgerüthe scheinen ihm nid)t werthvoll genug gewesen oder von den Priestern losgekanft worden zu sein. „Erassus war Kaufmann und ließ mit sich handeln", sagt Monnnsen, und „sein Heißhunger nach Golde ward mit jeder neuerworbencn Million um so zehrender". Crassus raubte, nach der Schätzung des Josephus, mehr als 8000 Talente (?) ans dem Tempel; aber er that es nicht aus Feindnitani in