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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-28 · Heft 11 (28.3.1890) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 11 (28.3.1890)
Date
1890-03-28
Page
Seite 172 (sequence 12)
Language
German
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172 mittags von ihren Gattinen schon in Muße geschehen war. Die Winterfeste aber, die entweder bei Arnim oder bei Meder stattfanden, gehörten zu den gesuchtesten von Berlin. Es war eben die Zeit, wo man sich auf einen Ball oder ein „Zweckessen" tu Berlin schon lange vorher freute. Wir sprechen von den fünfziger und sechziger Jahren. Inzwischen wuchs unter dem schützenden Fittig desHohenzollernschen Aars Berlin innner mehr, bis es zur Hauptstadt des nenerstandenen Deutschen Reiches wurde. Es wuchs nicht nur an Ausdehnung, sondern an Glanz und Reichthum; durch beides wurde das „Ressourcenwesen" nicht begünstigt. Viele der zum Brüder-Vereiu gehörigen Faniilien konnten auch in ihren eigenen .Häusern Feste geben, die ebenso prächtig waren, wie die auf gemeinschaftliche Kosten veranstalteten. Die gesellschaftlichen Kreise, aus denen sich der Brüder- Vereiu rekrntirte, zerfielen in kleinere Kreise von unendlich vielen Nüancen. Wenn inan öffentliche Bälle besuchen wollte, so sehnte man sich aus seiner eigenen Sphäre heraus und nahm Billets zum Juristen-, Künstler-, Architekten- oder znm Opernball, wo die Hofgesellschaft und der Hof selbst mit der Bürgerschaft in geselligen Konnex trat. Kurzum — obgleich der Brüder-Verein ein eigenes Grundstück unter den Linden erworben und einen schönen Saal auf demselben erbaut hatte, trat die Geselligkeit immer mehr zurück und es blieb nur seine ernstere Seite — die Wohlthätigkeit. Wie mancher Kummer da gelindert worden ist, wie Mancher, der einst bessere Tage gesehen, vor Roth geschützt wurde, das wird nie ergründet werden; denn nach der von den älteren jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten überkomntenen schönen Sitte geschieht das Wohlthnn unter strengster Verschwiegenheit der Vorsteher. Der 8l jährige Pflegevater des Vereins, Herr Oelsner, ist ein treuer Bewahrer der ihm anvertranten geheimen Sorgen. Aber trotz der schwieriger gewordenen Verhältnisse ist es dem Vorstand in den letzten Jahren gelungen, auch die Geselligkeit wieder in die Höhe zu bringen. Bei der Gesellschaft der Freunde hatte sich Wohlthätigkeit und Geselligkeit schon seit Jahrzehnten getrennt. Von der eigentlichen Gesellschaft hat sich der „gesellige Verein" abgezweigt und beide hängen nur durch die Jdendität vieler Mitglieder zusammen. Im Brüder-Verein blieb Beides vereinigt, und wir glauben, daß dies das Wünschenswerthere ist. Mancher, der nur, um ein Fest mitzumachen, eingetreten ist, wird bnrcl) seinen Beitrag znm Wohlthäter seiner neuen „Brüder" und „Schwestern" — vielleicht auch (wir wollen es Keinem wünschen) wird er oder die Seinigen einmal zu denjenigen gehören, die dieWohlthätigkeit des Vereins in Anspruch zu nehmen haben. Und manch Andrer, der sich nur wegen der Familientraditionen und um des cbleu Zweckes willen zum Ballotement gemeldet, sieht mit Vergnügen, daß es auch heute noch trotz aller Blasirtheit junge Leute giebt, die — wie es in weniger üppigen Zeiten die Regel war — erst „ttachkammen", nachdem die Eltern abgespeist haben.! So war es auch diesmal. Nachdem mit Vormittag im! Vereinssaale die feierliche Generalversammlung stattgefunden hatte, die durch die weihevollen Klänge des Bereinsbrnders. Kapellmeisters Lewandowski, eingeleitet war, folgte um 4 Uhr das Fest in den Kroll'schen Sälen. Es war ein Massendiner, wie selbst Berlin es selten sieht. Siebenhundert Gäste saßen an den Tafeln, doppelt so viel nahmen — nur ein Theil der jenigen, welche Karten wünschten, hatte geladen werden können! — an dem Balle Theil. Und diese stattliche Zahl wurde von dem Festkomitee in einer Weise gelenkt und dirigirt, die mehr als Anerkennung, die Bewunderung verdiente. In wenig Minuten hatten siebenhundert Herren und Damen ihre Plätze an den Festtafeln im großen Kroll'schen, von schweren Blumengewinden durchzogenen Saal gefunden, das Diner konnte beginnen. Bankier Grelling sprach, erinnernd an die zu menschenfreundlichem Werk berufene Konferenz, die in unfern Mauern tagt, den Kaisertoast., Dann sang Hof-Opernsänger Rothmühl die von Bnrwig komponirte, weihevoll schöne Kaiserhymne. Herr Pincussohn begrüßte im Namen des Vorstandes die Gäste. Er drückte zunächst sein Bedauern darüber aus, daß der eigentliche Vorsitzende — Kommerzienrat!? Friedländer — durch schwere Krankheit verhindert sei. am Ehrentage des Vereins zu erscheinen. Und mit den besten Wünschen für die baldige Genesung des Leidenden verband er die Wünsche für das Gedeihen des Vereins. Er wiedarauf hin, daß gerade im letzten Jahre die Zahl der Mil glieder beträchtlich gewachsen, sprach von den Werken bei Menschenliebe, welche der Verein zu üben berufen sei, wie er bekümmerte Gemüther getröstet, heiße Thränen getrocknet habe, nnd deutete dann auch auf den anderen Zweck hin: auf die gerade in dieser Zeit der Gegensätze so nothwendige Pflege der Geselligkeit. Und mit erhobenem Becher sprach er die jubelnd aufgenommenen Schlußworte des Vereinsliedes: „So laßt uns denn des schönen Bundes pflegen, Der durch die Liebe ward geweiht, Daß er erblühen mag zum reichsten Segen Durch seiner Glieder Einigkeit! Hebet die Becher mit perlendem Wein, Heil und Gedeihen dem Brüder-Verein!" Dann sang Herr Monti ein von Bnrwig gedichtetem nnd komponirtes Lied, und Staatschulrath Bertram, der mit den Stadträthen de Näve, Schäfer I, dem Stadtverordneten Kalisch u. A. die städtischen Behörden vertrat, sprach in? Namen von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung. Er wies auf den gewaltigen Aufschwung hin, den Berlin seil 75 Jahren genommen; Vereine wie der „Brüder-Verein" seien die Pfeiler für die Entwickelung unserer Vaterstadt. Herr Jacob sprach den stürmisch anfgenommenen Toast ans die Damen, einige spätere Redner blieben bei der bereits sehr animirt gewordenen Stimmung znm Theil leider unverständlich. Eine an der Festtafel zu Gunsten des Vereine veranstaltete Sammlung ergab in wenigen Minuten mehr al^ 5000 Mark. Nach Beendigung des Diners gelangte auf de? Kroll'schen Bühne das Festspiel: „Ein Stück Vereinsgeschichte"

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