Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 11 (28.3.1890)
- Date
- 1890-03-28
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
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sieht es, öa|3 die dbutmiuiu], lu.iiu nicht i]ar der Haß i^ou uns Juden auch iu dem Herzen mancher Liberalen wurzelt; der Antisemitismus ist leider keine Parteisache, sondern ein Produkt der Unduldsamkeit. „Wir müssen (!) sie also behalten, und dann haben wir Alle ein großes Interesse, sie uns iu ihrer ganzen Bildung, in ihren Anschauungen so nahe zu bringen, als wir können." So jagt Virchow, als ob wir Inden eben ans dem Ghetto kämen, als ob die Laster, Straßmann, Löwe x\ nicht gelebt hätten, als ob Bamberger und Tausende von Juden gleichen Ranges nicht in unserer Mitte wären, als ob wir deutsche Poesie, deutsche Knust und deutsche Wissenschaft nicht scholl längst angebant halten, und als ob wir wirklich erst beu Deutschen „nahe gebracht" werden müßten! Dieses „Nahebringeil" hat nur einen erträglichen, danll aber auch ciiicn abscheulichen Sinn, wenn auch hier wieder die HofflliUlg ans die massenhafte Jlldentanfe sich unwillkürlich knndgegeben hat. Wem aber sollen mir nahe gebracht werden, Haininersteiil oder Windthorst? Sollen wir uns evangelisch oder katholisch taufen lassen, mit als Deutsche zu gelten? Sie sehen, wir haben Feillde hüben wie Feinde drüben, wir müffcii daher unsere Bertheidignng selber in die Halld nehmen, wie das in Wien geschieht, und diese Vertheidignng erachte ich als die Hauptaufgabe der Allgemeillen Zeitung des Jndenthnms. All Herrn Prof. Virchow aber mögen Sie eine Bitte richten, eilte leicht zu et füllende, abelherzliche Bitte, die luimlid): unsere Bertheidignng doch künftighin und ein für alle Rial lieber gänzlich zu unterlassen! Es lvird wirklich besser so sein. Wir schäNell Virchow sehlhoch als eilte Leuchte der Wissetlschaft, als eilten Mann von Freimuts) und edler Gesinnung — aber ein Freund der Jnden ist er nun einmal nicht, und doch übernimmt er es jedesmal, gegen die Antisemilen anfzntreten, und jedesmal sind seine Argumente geeignet, uns tiefer zu verletzen als die heftigsten Angriffe, die lvir ja doch bereits gelvöhnt sind. Zur Liebe kann tnan keinen ztoingen, am lvetligsten einen so nnbengsamen Charakter. Aber die Bitte, doch lieber anderen wichtigen Dingen die Gunst seiner Vertheidignng znznlvcnden und die Sache der Inden solchen Vertheidigern zu überlassen, die diese nicht für ein nothwendiges Nebel halten, diese Bitte, die doch lvahrhaftig keine nttbescheidene ist, mögen Sie an Herrn Prof. Virchow recht bald richten. Hoffentlich wird er sie nicht unerfüllt lassen. * Berlin, 24. März. Das Wohnen der Inden in den großen Städtetl wurde in der letzten Landtagsdebatte selbst von dem Kultnsminister als verwunderliche Erscheinung angemerkt. Ein so umsichtiger Mann, wie Herr v. Goßler, sollte aber doch lvohl bedenken, daß diese Erscheinung auf sehr natürliche Ursachen znrückznführen sei. Uebrigens hat die jüdische Bevölkerung durchaus keine Abneigung, sich ans dem flachen Lande anznsiedeln; sie ist nur deswegen dort nicht angesiedelt, weil sie sich in früheren Zeiten dort nicht ansiedeln durfte. Wenn jetzt bereits achtzehn Prozent sämmtlich er Juden ans dem flachen Lande wohnen, so ist das ein sehr deutlicher Beweis von einer ungemein starken Neigung; der Inden zur landwirthschaftlichen Beschäftigung. Wenn! Herr v. Goßler sich um eine Unterstützung dieser Neigung! verdient machen will, so ist er dazu recht gut in der Lage, Indem er seine Kollegen im Ministerinm veranlaßt, auf die Allsiedelnugs-Kommission für Posen und Westpreußeu dahin Zn wirken, daß sie Bewerbungen jüdischer Kolonisten nicht,!wie bisher geschehen, zurückweist, j * Berlin, 24. März. Ein sehr bemerkenswerthes Geständnis;! hören wir von sozialistischer Seite: Der Anti sem i tismns | ift eine Vorfrucht der Sozialdemokratie! Das sozialistische „Berk. Volksbl." sagt: „Daß die Sozialdemokraten j in der Stichwahl auch nur zum Theil für alltisemitische! Kandidaten gestimmt haben, ist nicht wahr. Der „Krenzztg." j dürfte es schwer fallen, ans der Wahlstatistik auch nur ein ^derartiges Vorkommniß heraus zu beweisen.. Mehr Recht hat i sie dagegen, wenn sie sagt, daß frühere antisemitische Stilumen! bei der letzten Wahl zur Sozialdemokratie übergegangen seien. stFnr manche kleinbürgerliche Schichten mag in der j That der Antisemitismus ein Dnrchgangspnukt zur -Sozialdemokratie sein." Mögen sich das die Konser-; natiDeu merken! | Berlin, 24. März. Ein Gegenstück zu dem „Fall Bor etins" ist die Zurückweisung einer jüdischen Schülerin durch! Frl. Agnes v. Schmidt, Vorsteherin der höheren Tochterschule Halleschestraße 20. In einem Briefe an die Mutter des JKindes schreibt die Leiterin der Schule, daß sie sich im Laufe des verflossenen Winters anläßlich einer Anfrage der Behörde! verpflichtet habe, hinfort nur noch christliche Schülerinnen anf- ' znnehmen. Unter der Behörde kann nur die städtische Schnl-; depntation verstanden sein, lvelche in dem Fall Boretins .! bereits eine Haltung zeigte, die für die nteisten Berliner schier : unbegreiflich war. Trotzdem aber darf mau mit einiger Spannung der Veröffentlichung der Motive entgegensehen, lvelche die Behörde veranlaßt haben, von Frl. v. Schmidt eilte Verpflichtung über die Zurückweisung jüdischer Schülerinuen einzllfordern oder doch entgegenzttnehlnen. * Berlin, 22. Mä:z Professor Dr. Harry Breßlan in Berlin, der Vorsitzende der „Historischen Kommission für Geschichte der Inden in Deutschland", ist als ordentlicher Professor und Direktor des Seminars für Geschichte des Mittelalters nach Straßbnrg berufen lvordett. Diese Ernennung ist die beste Antwort auf die Aenßeruug des vortrefflichetl Hofpredigers in der letzten Landtagsdebatte, daß eilt Jude nicht Geschichte in Preußen Vorträgen dürfe. * Berlin, 24. März. Gestern hielt der Vorschllßverein für hilfsbedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinde im Lokal des Brüdervereins seine diesjährige ordetltliche Generalversammlung ab. Dem Rechenschaftsberichte des Vorsitzenden, Sanitätsrath Dr. Wiesettrhal, entnehmen wir, daß der Verein jetzt ein Vermögen von vititb 70,mo Bcark besitzt. Die Zahl der Mitglieder betragt 71<;. Von Go."> Gesuchen, die im vergangenen Jahre an den Ver in gerichtet