Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 11 (28.3.1890)
- Date
- 1890-03-28
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
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iSiiuccceni» jühlte sich ucvanlajjt, flcflcii bic Anssührungen im Namen seiner Fraktion eine scharfe Absage zn richten. Nach kurzer Rede des Abgeordneten Th eissing (Centrum) nahm Abgeordneter Nickert das Wort, um einerseits den Herrn Kultnsminister darauf anfmerksam zn machen, bafj es seine Pflicht sei, bei solchen Angriffen auf einen Theil der seiner Verwaltung anvcrtrautcn Schulkinder zu antworten, und um zweitens anfzudecken, daß der Vorschlag darauf hinzicle, die jüdischen Kinder ans den höheren Schulen zu verdrängen. Großen Eindruck machten verschiedene Acnßcrnngen Friedrichs des Großen über diesen Gegenstand, welche Abgeordneter Nickert vorführte. Herr v. Goßler gefiel sich aber einmal ausnahmsweise darin, die Vcitheidignng des Hofpredigers gegen die nur allzu berechtigten Angriffe zu übernehmen. Der Kultusminister fand in jener Rede durchaus keinerlei „Heftigkeiten". Dagegen hob er die Schwierigkeiten hervor, welche sich der „konfessionellen" Gestaltung unseres höheren Schulwesens im Allgemeinen entgegcustellen. In demselben Athcmznge gab er jedoch die Unmöglichkeit solch einer Umwandlung zn. Gleichwohl hatte er sich mit einer sonderbaren Schülerstatistik nach den konfessionellen Gesichtspunkten ausgerüstet, um daran die inhaltschweren Worte zn knüpfen, daß „hier zweifellos ein Problem vorliege". Man mag darauf gespannt sein, wie sich Herr v. Goßler die Lösung dieses „Problems" denkt. Der nächste Tag brachte die Fortsetzung der unerquicklichen Debatte. Es war nothwcndig, daß der Abgeordnete Virchow mit der ihm eigenen Zähigkeit sich immer wieder nach dem Grunde dieser auffälligen Erörterungen so eindringlich erkundigte. Eine Antwort ist ihm jedoch nicht ertheilt worden. Wenn man auf den Verlauf dieser widerwärtigen zweitägigen Debatte zurückblickt, so erscheint einem nüchternen Beobachter unserer parlamentarischen Verhältnisse vor Allem der Umstand besonders bemerkenswerth, daß der bekannte Hofprcdiger als der alleinige Redner der konservativen Partei anftrat. Es scheint, daß sich auch in jenen Kreisen kein weiterer Vertreter diese» bildnngsfeindlichcn Standpunkts finden wollte, mit Ausnahme natürlich des „wilden" Abg. Eremer, der seinem Geistes- und Gesinnnngsgenossen Hilfe zn leiste» versuchte. Außerdem sprachen noch die Abg. Metzler für Frankfurt und Nickert im Allgemeilien, sowie noch einmal der Kultnsminister. Herrn v. Goßler mag in der geistigen Nachbarschaft mit den beiden obengenannten Abgeordneten nicht gerade recht behaglich zn Mnthe gewesen sein. Wenigstens war der Ton der zweiten Entgegnung auf die scharfen Angriffe des Abgeordneten Nickert doch um ein Wesentliches anders gestimmt, alS es am ersten Debattcntagc der Fall war. „Ich bin weder Semit noch Antisemit; ebenso die Staatsregierung!" Diese bündige Erklärung, welche der Kultnsminister zn wiederholten Malen abgegeben hat, ist der bemerkcnswertheste Satz ans seiner ganzen Rede. Er hat sich hierdurch jene Herren von seinen Rockschößen abschütteln wollen. Er mochte cs wohl auch heransgefühlt habe», zn welchen gefährlichen Mißdcntnngen seine früheren Aenßernngcn Veranlassung geben könnte», und darum hat er.sich bewogen gefühlt, diese bündige Absage an die beiden „Anschneidcr der Jndenfragc" im preußischen Landtage zu richten. Herrn Nickert aber gebührt die Anerkennung, durch sein Vorgehen den Minister zn jener Erklärung genöthigt zn haben, daß er sowohl wie die Staats regle rung weder semitisch noch antisemitisch gesinnt seien. Die Antisemiten habe» einen unzeitgemäßen Vorstoß nach einer Richtung hin gemacht, die nun und nimmermehr von einer preußischen Negierung betreten werden kann. Die Zeiten der seligen Gebrüder Gerlach, Goetzc und Uhden sind für Preußen unwiederbringlich vorüber, und daß unsere Staatsrcgiernng nicht daran denkt, jenen Aufhetzern und „Anschneidern der Jndenfragc" zn Willen zn sein, dafür haben wir jetzt daS unwiderrufliche Zengniß aus dem Munde des berufensten Vertreters, dcs KultnsministcrS von Goßler selbst. Gewiß werden diese eben beendeten zweitägigen Debatten über die Judenfrage in den höheren Uuterrichtsanstaltcn an sehr vielen Stellen in nnserm Vaterlande peinlich, ja schmerzlich berühren; aber wir werden uns in nnscrn Empfindungen nicht verbittern lassen. Männer von dem Schlage jener Antisemiten sind nicht im Stande, bei ernsthaft denkenden Menschen den Glauben an die unüberwindliche Macht der Fortentwickelung zn bcinträchtigcn. Diese ideale Macht geht noch über ganz andere Faktoren hinweg, als die genannten Abgeordneten zu sein glaube». Unter dem Schutze der Gesetze fühlen sich alle Bürger des preußischen Staates geborgen, und die ruhmreichen Traditionen dieses preußischen Staates leisten die beste Gewähr dafür, daß die finsteren Mächte der Unduldsamkeit gegen Andersgläubige nicht die Obergewalt erlangen werden. In derselben Angelegenheit erhalte» wir von hochgeschätzter Seite auch noch das folgende Schreiben: Sehr geehrter Herr Doktor! Wir müssen uns mit der ganzen Gesellschaft unserer Gegner, mit der reaktionäre», aber auch mit der liberalen, anseinandersetzen. Wo hat man je so eine Vertheidigungsrede wie die Virchow's gehört? Fürwahr, hier darf man wieder ansrufen: Gott behüte mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich schon selbst in Acht nehmen. „Glauben Sie, daß der Jude auf dem Lande etwas anderes machen würde, als was er in der Stadt macht?" Mit diesen Worten vertheidigt Virchow den gefährdeten Aufenthalt der Juden in den Städten. Aber was machen denn die Inden in der Stadt, was Virchow mißfällig ist? Sind die Berliner Juden und die in anderen Städten den deutschen Christen nicht ebenbürtig? Kann man ihnen mit Recht geringere Bildung, geringere Menschenliebe x. znm Vorwürfe machen? Die Väter des Antisemitismus, „dieser Schmach des Jahrhunderts", haben fürwahr kein Recht auf die Moralität der Juden herabzusehen. Und „wir können sie nicht todtschlagen, wir können sie nicht nach Polen verschicken, weil man sie da nicht anfnehmcn würde" — so spricht ein freisinniger Mann, der die Inden schützen will? Man