Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 11 (28.3.1890)
- Date
- 1890-03-28
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
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Mitleid, ihr Pflichtgefühl ruft sie zu Meuochim und Jonathan; ihre Neigung gehört dem fröhlichen Römer, dem Maler Artemidor. Artemidor selbst, dem sein Verhältuiß zu der jungen Jüdin anfangs nur eine leere Liebelei gewesen, hatte nach und nach alle seine leichtfertigen Gedanken ihr gegenüber aufgegeben. Aber Jonathan's Eifersucht ist erwacht; er sicht in den Beziehungen deS Römers zu Mirtala, die doch so keusch und rein waren nur ein Abbild jenes sündhaften Bundes zwischen Titus tiiib Berenice, und dieser Bund, der in vielen Inden grosse Hoffnungen erlveckte, besonders wenn Titus die jüdische Fürstin wirklich zu seiner Genossin ans den Kaiserthron erheben sollte, war dem Jonathan, dem Sicaricr, der nie von seinem Dolche sich trennte, ein nngchenrer Schimpf. Mirtala fühlt sich von der Wildheit dieses Mannes, der nie die mörderische Waffe von sich legte, tief verletzt und zurückgestoßen, und als Jonathan im Tempel der Gemeinde von seinen Schicksalen erzählte und Alle ihn umringten und ihm Beifall und Bewunderung entgegentrngeii, blieb sie allein zurück. Damals gab der Kaiser Spiele, bei denen Titus vor dem ganzen Volke Berenice als seine Gemahlin begrüßen wollte; als Berenice erschien, wurde sie von einem lebhaften Sophos (Bravo) empfangen; auch Jonathan hatte sich eingefunden, und ans der Höhe des Festes, als das Volk die Ankündigung der Ehe des Titns mit Berenice erwartete, rief er mit mächtiger Stimme: Verflacht sei Berenice! Schande deines Volkes, Verrätherin, Giftmischerin, die du die Seelen der Töchter Judas vergiftest, und auch dn sei verflacht, du Ungeheuer, der dn unsere Tempel verbrannt hast!" Und die Vornehmen Roms schwiegen, nnd der Plan des Titns war zerstört. Jener Sticker und sein Freund, der Parfümfabrikant, die über die Konkurrenz der Inden ergrimmt waren, benutzten die Erregung, um die Menge nnd zumal die alten Soldaten aus dem jüdischen Kriege gegen die römischen Juden zu reizen, auch daß Jonathan lebe nnd in der Stadt in dem Viertel jenseits der Tiber weile, wurde ruchbar. Inzwischen war Jonathan, der durch Justus gerettet worden, hcimgckehrt, er ward bestürmt mit Fragen, warum er durch sein keckes Wort ein Unwetter über die Gemeinde heraufbeschworcn, er schweigt, und erst dem Freunde gegenüber bekennt er, daß nicht der Haß gegen den Feind, sondern die Liebe zu einem Weibe ihm die zornigen Worte eingegeben habe. Mirtala aber bleibt nicht zu Hans, sie eilt, um Jonathan zu retten, in das Haus des Helvidins, in welches eben Domitian unheilverkündend eingckehrt war, in welchem sie den Artemidor findet: er bekennt ihr, daß er nach einer reinen dichterischen Seele, nach einer Seele wie die Ihrige sich sehne. Mirtala ist beseligt, aber sie entzieht sich ihm dennoch. Als die Nacht hereinbrach und obendrein noch Blitz nnd Donner die Menge erschreckte, entlud sich der Haß des Volkes über den von Inden bewohnten Stadttheil; Ausonins erscheint ans dem Kampfplatz, will durch philosophische Reden! den Pöbel zur Umkehr bewegen nnd wird ansgelacht. ('IHtns hist. III., 81.) Im Moment der größten Gefahr kommt Helvidins, der Prütor, er rettet Mirtala vor den rohen Syrern nnd befiehlt seinen Leuten, sie in sein Hans zu führen; Meuochim möchte gern den Jonathan retten nnd ihn als harmlosen Weber ansgeben, aber Jonathan zerreißt das Gewebe dieser wohlgemeinten Lüge nnd überliefert sich dem! Schwert des Römers; jetzt gesellt sich auch Mirtala zu ihm; sie ruft dem Volke zu: ich bleibe bei dir, mein unglückliches! Volk; der Prätor befiehlt, den Jonathan zu binden, er konnte! nicht anders, aber bevor die Hand den Secaricr gefesselt! wurde, greift sie noch einmal nach dem Dolche nnd zückt ihn! ans Mirtalas Brust. — Damals, so lehrt uns die Dichterin, j gab es in dem Gegensätze zwischen Rom und Inda keine andere! Lösung als den Tod. Wer sich nicht abschließen wollte, wie i Meuochim, wer sich nicht erniedrigen wollte, wie Josephns,! für den gab es keinen andern Ansgang, j Gewiß hat die Dichtung manche Beziehungen znrGegenwart;! aber die Dichterin hat nicht moderne Menschen in altjüdische und altrömische Kleider gesteckt, sondern sie hat einen wahrhaft j historischen Roman geschaffen, indem sie den Geist der alten |3eit ihren Gestalten eingehancht hat. R—r. Korrespondenzen und Wachrichlen. Deutschland. * Berlin, 23. März. Die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses vom 20. nnd 21. d. M. haben trotz der großen politischen Ereignisse dieser Woche doch die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Wir halten es nicht für nothwendig, dieselben hier in extenso zu geben, da sicher alle unsere Leser sie ans den Tageszeitungen bereits kennen. Die sachgemäße Antwort von zweien unserer hochverehrten Mitarbeiter, und das nachfolgende Resnmö über die beiden Sitzungen wird den Zwecken unseres Blattes besser entsprechen, als die Wiederholung endloser Debatten, die nach keiner Richtung ein lverthvolles Resultat ergeben haben. Provozirt wurde diese Judendebatte durch den bekannten Hofprcdiger, der die angebliche Ueberlastung der höheren Schulen mit jüdischen Schülern nnd Schülerinnen zur Sprache brachte, die in keinem Verhältuiß zur Bevölkernngszahl stehe nnd zu einer „Kalamität" geworden sei. Die mit scheinbarer Mäßigung vorgetragenen Aenßernngen wurden ans der rechten Seite fortwährend von lauten Beifallsrufen begleitet. Von Seiten der Freisinnigen erwiedcrte zunächst der Abgeordnete Knörckc in einer kurzen, aber energischen Ausführung, in der er unter Lärmen nnd Toben der Rechten des Hauses nachwies, daß jenes Vorgehen mit dem Geist der Toleranz des Ehristeuthnms in Widerspruch stehe. Auch der nationalliberale Abgeordnete