Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 11 (28.3.1890)
- Date
- 1890-03-28
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
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164 schell Willkür das Licht nicht wesentlich gemindert hat. Besser als inanchcr gelehrte roinailschrcibende Professor hat cs Elise Orzeszko verstanden, die alte Zeit wieder anflebc» zn lassen. Diese gelehrten Herren sind eben von der Wissenschaft zur Poesie gekommen; man merkt cs ihnen an, daß sie mit den Mnsen keinen iiinigen Bund geschlossen haben, daß sie sie mir zeitweise zur Hilfe gerufen haben, um ihrer Alter- Ihninswisseiischaft beiznstehen und ihr auch dort Gehör zu schaffen, wo man der strengen Gelehrsamkeit abhold ist; Fra» Orzeszko mag mit der Alterthnniskunde nicht so vertrant sein, aber was ihr die gelehrten Bücher sagen, das sieht sic, das belebt sie, mit dem Auge, mit dem Herzen des Poeten; keine Schattenbilder, wie so oft in historischen Nomane», sondern wirkliche Menschen begegnen uns in diesem Werke, der nicht nur alterthnmsknndigeii, sondern auch herzcnskundigen Dichterin. Am Haine der Egeria, der, wie Frau Orzeszko so schön sagt, dem Gedächtnisse der Menschen zwei in der Geschichte seltene Erscheinungen einprägt: eine den heilsamsten Einfluß auf einen Mann ansübende Frau und einen um das Wohl seines Volkes besorgten König, am Haine der Egeria hielt in den siebziger Jahren des ersten Jahrhunderts ein Jude Wacht, um für den Eintritt eine Steuer zn erhebe»; ein reicher jüdischer Bankier hatte diese Steuer vom geizigen Vespasianns gepachtet und dem armen Glanbensgenossen die Erhebung übertragen; der Posten kostete nicht viel Ailstrengung, und Menochim (so nennt ihn die Verfasserin nach der Weise ihrer jüdischen Landesgenossen) konnte seinen Gedanken nachhängen, in seinen Büchern lesen und was sein Inneres bewegte, nicderschreiben; dennoch war das Amt unerfrenlich, denn wenn er ans seinen Beobachtungen anfgestört wurde, so hörte er beleidigende Worte, die den ganzen Groll der Römer gegen die Inden und zunial gegen die jüdische Kolonie Rom offenbarten. Menochim war ein frommer Mann, und einstmals war er der milden Lehre Hillels geneigt gewesen, er hat sein Vermögen daran gewandt, Juden, die in Gefangenschaft gerathen waren, auszulösen; der Ehrlose und Kinderlose hat zwei der Erlösten in seinem Hause erzogen; Jonathan nnd Mirtala; sie waren von Kindheit an für einander bestimmt gewesen; da kam der Krieg inJndäa; Jonathan war fortgezogen, er war den Römern fürchterlich geworden und irrte jetzt, nachdem Jerusalem gefallen, geächtet durch die Lande. Aber nicht alle Juden Roms lebten in Niedrigkeit; Titus Freundin, wie alle Welt glaubte, seine künftige Gemahlin, Berenice, war eine jüdische Prinzessin; Agrippa, deren Bruder, war der Freund des Titus; Flavins Josephns der Günstling der kaiserlichen Familie; Justus lebte in Diensten des Agrippa; diese waren alle religiöse Juden, aber sie ließen sich's wie so manche andere, die von der Geschichte nicht genannt werden, gut gehen in Rom und verschlossen Ohr und Herz gegen den Nothschrei ihres Volkes. Dieser Justus nun, einstmals ein Freund Jonathan's, kömmt zn Menochim und trägt ihm die Stelle eines Sekretärs bei Josephns an, aber Menochim erträgt lieber allen Schimpf, als daß er in die Paläste dieser Großen zieht. Selbst sein kleines Amt wird von Geringeren beneidet; einer dieser Neider ist Silns, ein roher Syrer, der gleichfalls wie viele seiner Landsleute in dem orientalischen Viertel jenseits der Tiber wohnte; Menochim ertrug auch die rohe» Ausbrüche des Neides, denn „tansendmal besser ist es mit den Unterdrückten zn leiden, als mit den Unterdrückern zu schwelgen." Mirtala, seine junge Pflegetochter, war Stickerin, im Dicliste einer begüterten Jüdin, die von vielen Mädchen nach gegebenen Mustern Stickereien allfertigen ließ, die dann in Rom feilgeboten wurden. Mirtala war znm Verkauf ancersehen, weil sie die Sprache der Römer gut verstand; aber auch in der Handarbeit war sie geschickt, sie bedurfte der Muster nicht, sie hatte künstlerischen Sinn, und ihre Arbeitgeberin rief ihr zn.: Hoschel, Hoschel (offenbar 22NN Erfinder), Im neuen Portikus, den Cassins hatte erbauen lassen, derselbe Cassius, der im Kriege gegen die Inden so unglücklich gewesen war, bot Mirtala ihre Waare feil; dort stand auch ein alter Jude mit Parfüms, die im Jndenviertel bereitet wurden, nnd römische Sticker und Parfümfabrikanten, die überreichen Verdienst hatten, ärgerten sich nichtsdestoweiiiger über diese Konkurrenz. In dem Portikus unterhielt sich auch der Philosoph Ansonins mit seinen Jünger»; Mirtala, die von eigenthümlicher Schönheit war, erregte das Wohlgefallen eines derselben, eines jungen Malers Artemidor, der den Portikus mit Gemälden schmücken sollte; er bewrillderte sic und ihre Arbeiten, er erzählte von ihr der Gattin des Helvidins Priscus, des römischen Prätors, in dessen Hause Ansonins und alle Freunde des Stickers verkehrten, nnd die vornehme Frau lud die junge Jüdin ein, in ihr Hans zu kommen. Mirtala, die an den Haß Mcnochim's gegen Edom dachte, zögerte; aber als Artemidor, der schöne junge Maler, sie bat, war ihr schönheitsfrohes Herz bezwungen, nnd sie ging in das römische Hans, Das Hans des Helvidins Priscus war kein fröhliches; er war der oberste Richter Roms, nnd da er Recht sprach unbekümmert um die Gunst der Mächtigen, hatte er die Mächtigen zu Feinden. Einmal, als Mirtala wieder heimkehrt, wurde sie von Situs dem Syrer verfolgt; ein Weib, welches im Hause des Helvidias als bevorzugte Sklavin, als Kammerfrau der Herrin lebte, hatte gefürchtet, Mirtala könnte ihre Nachfolgerin werden und den Silns gegen Mirtala anfgehetzt; Artemidor, der der Mirtala gefolgt war, errettete sie, nnd nur heftiger erglühte sie seitdem für den jungen Römer. Gerade jetzt kehrte Jonathan nach heißen Kämpfen, nach gefährlichen Irrfahrten zurück; er war hart und bitter geworden; Menochim freute sich, aber er zitterte vor der Gefahr, daß Jonathan der geächtete, den viele Römer kannten, sich in die Höhle des Lötven gewagt hatte. Jonathan jedoch war tveit mehr dadurch erregt, daß er gesehen, wie ein Römer Mirtala, seine Braut, begleitet hatte. Mirtala's Herz ist vo» diesem Momente an die Stätte eines schwere» Kampfes, ihr