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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-28 · Heft 11 (28.3.1890) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 11 (28.3.1890)
Date
1890-03-28
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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16?> Schöpferische Gedanken hat der Minister über das „Problem" nicht geäußert. Er hat nur konstatirt, daß die höheren Schulen nellenweise mit jüdischen Schülern und Schülerinnen überfüllt icicit. Diese Ueberfüllung trifft aber nicht die Juden allein;;ie ist ein allgemeines Zeichen unserer bildungsbedürftigen :]c\t Nur tritt sie — wie fast Alles — bei uns Inden ganz -esanders prägnant hervor. In Bezug auf die Ueberfüllung ner Gymnasien wird dem Kultusminister sein Kollege vom >iriegsdepartement helfen durch Umgestaltung des Einjährig- ^-reiwilligenwesens. Damit wird im Allgemeinen schon viel oMvnnen sein, und es wird dies auch ganz sicher den zn großen Andrang der Inden zum Studium abschwächen, vielleicht hilft er ihm aber auch dadurch — daß er die Kartenhäuser geeigneten Aspiranten jüdischer Religion öffnet. Jer Gedanke klingt im ersten Augenblick — kölnisch; aber schon Manches, was zuerst komisch aussah, ist bald in Erfüllung gegangen. Vor anderthalb Jahren fürchteten ängstliche Gemüther, daß der Adel, „die Edelsten der Nation", den ganzen Staat sequestriren würden, und heute ist — wenn oie Nachrichten nicht täuschen — selbst der Johanniter-Orden den Bürgerlichen geöffnet. Daß ein Jude, in gehöriger Disziplin erzogen, ein tüchtiger Soldat feilt kann, ist wahrhaftig oft genug erwiesen worden, und man braucht nur die Denkwürdigkeiten des Major Burg nachznlesen, um aiizilerkennen, \m gut sich stramme preußische soldatische Gesinnung mit echt udischer Gottesfurcht verträgt. Was aber die höheren Mädchenschulen anbetrifft, so wäre lvirklich der antisemitische Gedanke, dieselben zn konfessionalisiren, vom jüdischen Standuuift aus vielleicht nicht rr limine zn verwerfen. Ein weibiches Gemüth bedarf viel mehr Religion als ein Mann und ann demgemäß auch mehr davon vertragen, ohne fanatisch der bigott zn werden. Der Gesichtspunkt, der für die Erziehung der männlichen Jugend in paritätischen Schalem maßlebend ist, daß sie nämlich schon früh lernen sollen, im öffentlichen Leben versöhnlich zusammenzuwirken, tritt beim weiblichen Geschlecht sehr weit zurück. Wir wollen nicht sagen, oaß diese Frage irgendwie spruchreif wäre — aber wenn so viele Fragen noch genauer studirt werden, wird man wohl auch dieser näher treten können. Littemrische Mittheilmigen. Mirtala. Ein Roma» aus dem ersten Jahrhundert nach Christus von Elise Orzeszko, übersetzt von Malwiua Blumvcrg. (Stuttgart, Deutsche Vcrlagsanstalt 1890. "16 S.). 0'S ist in nnserin Jahrhundert nicht mehr möglich, ans Frauen, -ne Werke der Dichtkunst der Oeffentlichkeit übergeben, geringschätzig hcrabzusehen oder gar den Berns der Frauen zn uhrifistellerischcr Arbeit anznzweifeln. Fast jedes große Kulturvolk hat in unserer Zeit hochbegabte Dichterinnen, die durch glänzende Darstellung und durch Fülle der Gedanken zu den fnhrern und Lehrern ihrer Nationen sich anfgeschwniigen haben. Heute über Blaustrümpfe im Allgemeinen die Nase zn rümpfen, wäre ein Zeichen der Unkunde oder Unbildung. Auch die Polen habe» eine Dichterin von starkem und klugem Geiste, die als Verfasserin von Romanen und Novellen mit den hervorragendsten männlichen Romanschriftstellern den Wettstreit aufnehincn kann. Uns Inden ist Elise Orzeszko besonders werth, weil sie sich durch eifriges Studium in dem Gebiete des jüdischslavischen Lebens heimisch gemacht hat, weil sic, fast als sei sie innerhalb des Jndenthums geboren und erzogen, die innersten Triebfedern dieser Millionen russischer und polnischer Jude» erkannt hat, und weil sic für unsere gequälten Glaubensgenossen ein Herold der Duldung und der Gerechtigkeit ist; das ist von unendlichem Wertste in diesen Landen, die von der Fackel der Aufklärung nur matt beleuchtet werden und in denen das antijüdische Vorurthcil die Massen beherrscht. Wie »inst dies edle Frauenherz für die Unterdrückte» schlagen, wenn es durch die, wie wir zngcben müssen, oft häßliche und abstostende Hülle nicht znrückgeschrcckt wird, wenn diese Fran von ihrer vornehmeu Höhe herabsteigt, um diese jüdischen Köpfe und jüdischen Herzen zn stndiren und dann aller Welt zn erzählen, daß so viele dieser Köpfe hell und so viele dieser Herzen edel sind. Ihr neustes Werk setzt uns schon durch die Fülle gelehrter Studien, die der Niederschrift eines solchen Romans vorangehen mußte», in großes Erstaunen. Mirtala, so lautet der Titel dieses neuesten Romans, spielt in Nom kurz nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus, zn einer Zeit, wo neben dem alternden Vespasian dessen Söhne Titus und Domitian schon eine selbstständige Geltung in der Kaiserstadt genossen. Römische Männer, die uns ans Tacitus, Sncton und anderen Autoren der Kaiscrzcit wohlvertraut sind, und Juden, die wir auS den Büchern des Joscphns kennen, wirken mit bei den Verwicklungen, von denen dieser Roman berichtet; daneben hat die Dichterin auch ihre Phantasie frei walten lassen; historische Gestalten und solche, die in dem Kopfe der Dichterin den Ursprung haben, lvcrdcn in dem Roman geschildert, der ein ergreifendes Bild der tiefcrregtcn und tiefgcsnnkencn Zeit uns giebt, in der ein Römer sagt: homo sacra res bonüm, jam per lusum et joeurn occidetnr; der Mensch, dem Menschen ein heiliger Gegenstand, wird nunmehr znm Scherz und Zeitvertreib todtgeschlagen. Und dennoch, auch in diesem Zeitalter, war die Tugend Roms nicht erloschen; die Stoa hatte in Rom einen großen Anhang, und Ansonins Rnfns, wenn er die herben Lehren seiner Schule vortrng, fand einen starken Wicdcrhall. Mag auch Tacitus einmal die intempertiva sapientia des Ansonins, dessen unzeitgemäße Weisheit tadeln und daS unpolitische Gebühren jener stoischen Frciheitsheldc», die mir durch einen prahlerischen, für das Gemeinwesen nntzlosen Tod glänzen, beklagen, die für Freiheit und Recht begeisterte Verfasserin hat wohl daran gethan, daß sie in ihrer Dichtung diesen Lichtpunkten in der düster» Nacht der Sittenlosigkeit und despotii.*

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