Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 11 (28.3.1890)
- Date
- 1890-03-28
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
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auf bcu damaligen Geist der preußischen Negierung als absolut j unerreichbar herausstellte, für die Wissenschaft des Judenthums; an der hiesigen Universität einen Lehrstuhl zu erhalten, — das mußte der Minister doch wohl wissen. Er hat sich ja erst vor Kurzem mit der sogenannten Hochschule beschäftigt, j welcher die Rechte einer juristischen Person nur mit der Maßgabe ertheilt wurden, daß sie fortan nicht mehr den Titel „Hochschule", sondern „Lehranstalt für die Wissenschaft des Jndenthnms" führe. Also eine Anstalt, die wir Juden um: infolge eines Nothstandes begründet haben, und die zudem in ihrem Range von dem Minister herabgedrückt wurde, wird zu dem Nachweise benutzt, daß die Begründung besonderer jüdischer Gymnasien den Inden selbst willkommen wäre. Allein im Gegentheil. Auch jener Hofprediger der Wahrheit weist es recht gut, dast den Inden, besonders den von ihm zn ihrer Ehre so gehaßten Reformjnden, nichts so unannehmbar ist, wie die von ihm geplanten Jndenschnlen. Sie haben viel zn Heist darum gekämpft, dast durch die gemeinsame Schule der konfessionelle Hader gemindert und die gegenseitige Verträglichkeit erhöht werde, als dast sie sich jetzt so leichterdings wiederum ans der Schule hinausdrängen ließen. Und gerade darauf speknlirt er. Denn ich sage Ihnen, er mag von Sozialismus und Nationalismus reden, so viel er will: sein Hauptzweck ist und bleibt die Jndentanfe! Für ihn und seine Genossen sind die Jndentanfen noch immer nicht zahlreich genug; er möchte sie schaarenweise vollziehen scheu. Da denkt er nun, wenn die jüdischen Eltern fürchten müssen, ihre Söhne nnd Töchter nicht mehr an christlichen Gymnasien nnd Töchterschulen nnterbringen zn können, dann werden sie in noch weit größerer Anzahl aU bisher auf die Erlangung eines Taufscheines für ihre Kinder bedacht sein. Leider aber spielt die Jndentanfe seltsamerweise auch ans liberaler Seite eine gewisse Rolle in der Beweisführung. Hier wird noch viel zn oft den Jndenhassern zngernfen: „Ihr schreckt ja die Inden ab von der Taufe. Es war Alles schon so hübsch im Gange, der Uebertritt vollzog sich so still nnd * friedlich: jetzt aber werden die Inden kopfscheu, nnd sie zweifeln mit Grund, ob das Christenthnm wirklich die Religion der Liebe sei". So gnt gemeint die Erwiederung Knö rckes war, „der hochangesehene jüdische Mann, der alle seine Kinder hat taufen lassen", nnd der es jetzt bedauert, war eitle zu traurige Figur in seiner Rede, als dast sie Eindruck hätte machen können. Dieser „hochangesehene" jüdische Schwächling nnd Alle, die ihm gleichen, sie tragen die Schuld, daß die Hetzerei nicht zur Ruhe kommt. Die vielen Taufen sind ein zu verlockender Erfolg, als daß die Hetze nicht ans weitere nnd größere Siege bedacht sein sollte. Uns Jllden kann nnr durch Charakter nnd Selbstgefühl geholfen tverden. „In der Ruhe nnd int Vertrauen liegt Eure Stärke" iJeÜ l.Y). .m. IL. *) Vor U Tagen die Mittheilnng der Petitionskommissior, daß der jüdischen Gemeinde zn Segeberg in Holsteitt keine Staatsunterstützung znm Religionsunterricht gegeben werden, könne, weil die jüdische Religion in Preußen nur eilte „korzessionirt-geduldete" sei, vor acht Tagen die Apostrophe K „wildliberalen" Abgeordneten Berger an die Bergleute, füg j nicht uut das zn kümmern, wa? „Inden nnd Jndengenosseu; in Berlin treiben, nnd in dieser Woche eine großartige zwe- | tägige Jndendebatte — mehr kann man vom preußische Abgeordnetenyanse nicht verlängert in einer Zeit, wo in de; obersten Beamtenkreiselt des Staates die großartigste Persona Umwälzung passirt, die seit beinahe dreißig Jahren dagewest! ist, wo ein Mann den Platz räumt, zn dem die ganze Mensc- : ()cit voll Bewunderung ansgeschant hat. Es scheint, als wen: sich die ganze europäische Politik nnr um die Handvoll Jude - : dreht, und wir konnten stolz ans diese Ehre sein, lvenn w c Hiebt wüßten, wie thener sie erkauft wird. Indessen sind w in dem letzten Jahrzehnt so abgehärtet wordeit, daß wir nie!: mehr nervös werden, wenn irgendwo das Wort „Jude" sab . sondern uns in bem Gedunkelt trösten, daß nllsere Vorfahr-: Schlilltineres erduldet haben. Was nun speziell die große Jndendebatte über der höheren Schulunterricht anbetrifft — die anderen Thema:: verdienen keine eingehende Beachtung — so dürfte i Keinen Wunder genommen haben, den bekannten He>. Prediger so sprechen 31t hören, wie er gesprochell hat. (; hatte so lange geschwiegen, daß er wieder einlnal sc:: Steckenpferd reiten mußte. Aber daß die konservatn Fraktioll ihln Beifall zngernfen hat, ltttb daß der Minist sich darauf beschränkte, nur die techllischell Schwierigkei! : hervorznheben, die bei einem gemeinschaftlichen Unlerrü: verschiedener Bekenntnisse entstehen, ist eher verwnnderln. Bei der Umwälzung, der augenscheinlich unser ganzes Schi: wesen entgegen geht, ist es allerdings für beit Vertreter d> Schnlressorts nicht allgezeigt, sich vorzeitig über die Absichn: der Regierung zn äußern. Wenn wir in dem Buche de Dr. Leopold Anerbach: „DasJndellthnm nnd seineBekenner"' den Abriß Über die Geschichte des AntiseniitisUllls seit IST Nachlesen, so können lvir nicht umhin, die kühle Haltn:; der preußischen Regierung während der ganzen B.wegm : als die einzig richtige anznerkennen, während wir, als lv das Alles mit durchlebten, geneigt waren, ihr den Vorwnrf ' machen, dast sie sich der jüdischen Staatsbürger nicht war:: genug annähme. Die Gunst der Regiernngeli hat für dr Jndenthnill 311 allen Zeiten bedenkliche Folgen gehabt. Wa> lvir wünschen, ist nnr Gerechtigkeit, aber strengste, ui: parteiische Gerechtigkeit. 8umn cnigao. :") Bei der Bedelltnng, welche stne Schnldebatte in Ansprn! nimmt, geben lvir gern noch ctmu Stimmnngsartikel wieder, d. - nns von einem angesehenen Juristen zngebt nnd lnanche bean tenswerthe Anregung enthält. Die Redaktion. **) Berlin 18U0, Siegmar Mehring.