Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1890)
- Date
- 1890-03-21
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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158 niederste! und der Hügel sich emporwölbte, der sein Glück, sein Leben, sein Höchstes barg. — Daniel Lehmann lebte noch mehrere Jahre nach dem Tode seiner Geliebten in Berlin; er starb nicht gleich an gebrochenem Herzen, was auch lange nicht so häufig vorkommt, wie manche empfindsame Leute glauben oder Andern glauben machen wollen. Er verkehrte sogar Ivieder mit der Welt, die ihn für einen Sonderling hielt; er besuchte Gesellschaften, in denen er sich langweilte, und schrieb Bücher, die zu ihrer Zeit zwar gelesen, von der Kritik gelobt, aber vom Publikum nicht gekauft wurden, so daß es ihm schwer wurde, einen Verleger für seine Arbeiten zu finden. Allerdings hatten diese den Fehler, poetisch zn sein, während in jenen flachen Tagen die sogenannten Gebildeten und besonders die Damen für die Prosa des damals sehr berühmten und jetzt ebenfalls vergessenen Herrn Clauren schwärmten, dessen „Vergißmeinnicht" lustig in dem Sumpf der Reaktion wucherte, während die Novellen und Romane des armen Leßmann ein ebenso kümmerliches Dasein wie ihr Verfasser führten und nicht in dem Moder jener korrnmpirtcn Gesellschaft Wurzel fassen wollten. Außerdem waren seine Erzählungen meist so traurig und endeten fast immer ohne Hochzeitsschmans, so daß die Leser sie, wie man zu sagen pflegt, gewöhnlich „unbefriedigt" aus der Hand legten. Auch „Das Tagebuch eines Schwermüthigeir" schreckte schon durch seinen bloßen Titel zurück und war leider mit dem Herzblut des Dichters geschrieben. Kurz, der arme Leßmaun hatte kein Glück, weder in der Liebe, noch in der Litteratnr, und Niemand kümmerte sich viel um ihn. Nur noch einmal wurde sein Name genannt, als er nämlich eines Tages auf dem Wege nach Leipzig zwischen Kroppstädt und Wittenberg an einem Baume hängend gefunden wurde. In den Taschen seines abgetragenen Ueberziehers steckte kein Geld, aber ein Manuskript, das er vergebens verschiedenen Buchhändlern angetragc» hatte; auf seiner Brust ruhte eine goldene Kapsel mit einer blonden Locke vom Haupte der tobten Marie. Schimmel Lnofeles. ) Von Leopold von Sacher-Masoch. Schon stand der Abendstern am Himmel, schon wurden in den hölzernen Häusern der kleinen Stadt die Lichter au den Kronleuchtern angczündet, als sich Schimmel Knofeles endlich auf der Schwelle seines Hauses zeigte. Zebadia, seine Frau, hatte bereits Angst, daß er, der Fromme, Gewissenhafte, den Sabbath verletzen könnte, sie sah ihn noch mit dem Bündel auf deni Rücken durch den Staub der Landstraße waten, während Israel bereits im Festglanz prangte; aber *) Wir entnehmen die vorliegende kleine Erzählung dem Prachtwerk „Lautes juifs“, das in nächster Zeit auch in deutscher Ausgabe unter dem Titel: „Jüdisches Leben in Wort und Bild" in dem bekannten trefflichen Verlage voir A. Bensheimer in Mannheim in Lieferungen erscheinen wird. da war er schon, Gott sei gedankt, und stand in der offenen Thür mit seinem gntmüthigcn, schalkhaften Lächeln. Zebadia hatte bereits die große Stube und den Tisch hergerichtet, die Kinder angezogen und sich selbst mit dem Ucberrock von dunkelrother Seide und der Stirnbinde geschmückt. Der Rubinglanz ihres Gewandes und das Fener der falschen Steine, die ihr Haupt umgaben, stimmte trefflich zu ihrer südlichen Schönheit, welche die Lieder des Hafis in das Gedächtniß zurückrief, zu ihrer üppigen Gestalt, ihrem weißen Teint, ihren rothen Lippen und den großen schwarzen Augen. Das dunkle Haar war am Hochzeitstage unter der unerbittlichen Scheere gefallen. Schimmel lächelte noch immer, zuerst in seiner herzlichen Freude über das geliebte, schöne Weib und dann im Gefühl der Schätze, die er brachte. Er stellte zuerst einen großen Käfig zur Erde, in dem bisher ein Geier gehaust hatte und den er als altes Eisen billig genug erhandelt hatte, und entfaltete dann eine prächtige Pelzjacke, diese war vollkommen neu. Eine polnische Gräfin hatte sie spottwohlfeil hergegeben, nur weil das Roth des Sammets zu ihren mattgelben Möbeln nicht stimmen lvollte, und Schimmel Knofeles hatte die Gelegenheit benutzt, um seiner Frau ein fürstliches Geschenk zu machen. Der kleine magere Jude, dessen Nase wie vom Sturm geknickt herabhing, und dessen Rücken gekrümmt war, als hätte ihn die Natur erschaffen, Lasten zu tragen, lief die ganze Woche umher, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Edelhof zn Edelhof, im Schneegestöber, im Regen, in der glühenden Sonnenhitze, schwer beladen mit seinen Maaren. Er opferte sich auf, nicht etwa weil sonst die Seinen nichts zu essen hatten, nein, um seine Knaben studiren, seine Töchter Klavier spielen lernen zu lassen und Zebadia mit aller Bequemlichkeit, ja selbst mit Luxus zu unigeben. Wenn er aber am Freitag znrückkehrte und wieder im Kreise der Seinen beim Nachtessen saß, war er für alle Mühe, alle Entbehrungen reichlich belohnt. So war es auch jetzt, als er die Pelzjacke ausbreitete und seine Frau, nachdem sie dieselbe sattsam bewundert und geprüft hatte, lächelnd, mit zwei behaglichen Bewegungen in das weiche Pelzwerk schlüpfte. Die Kinder freuten sich indeß nicht minder lebhaft über den großen Käsig, der in eine Ecke gestellt wurde und ein prächtiges Spielzeug zu werden versprach. Nachdem Schimmel sich gewaschen und das Wochenkleid mit dem seidenen Talar vertauscht hatte, traten Alle zusammen an den Tisch, über dem die Sabbathlampe brannte, und Schimmel begann das Sabbathgebet. Seine Stimme klang erst gedrückt, wie wenn er noch beit Wochenstaub im Halse hätte, dann aber immer freier und mächtiger. Der kleine Mann, der die Hände erhoben hatte und den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs anrief, schien mehr und mehr zn wachsen, und sein braunes Gesicht verklärte sich, der Schacherjnde wurde znm Priester, zum Fürsten, zum Patriarchen.