Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1890)
- Date
- 1890-03-21
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
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157 Trotzdem Daniel Leßmann ein Jude war, stand er, wie gesseu und das thencre Leven ihres Kindes zu retten. Aber die Mehrzahl seiner gebildeten Glanbensgenossen, durchaus zugleich beschworen sie ihn, noch immer von dem alten Vorauf dem Standpunkte einer fest geschlossenen Weltanschannng und Gesittung, das heißt ans dem Standpunkte der reinsten Dnldnng und Liebe, aber er konnte sich eben deshalb nicht zur Taufe entschließen. Auch hielt er es für schimpflich, die Fahne seiner Glanbensbrüder in dem Augenblick zu verlassen, wo sie neue Bedrückungen erwarteten, noch schimpflicher aber erschien ihm der Uebertritt zu einer anderen Konfession um irdischer Vortheile willen. Aus diesen Gründen blieb er der Religion seiner Väter treu und brachte dieser seiner Ueberzengung das größte Opfer — seine Liebe, dar. Zugleich aber verließ er Berlin, indem er ans die ihm angebotcne Stelle eines jüdischen Hospitalarztcs verzichtete. Mit glänzenden Empfehlungen versehen, begab er sich zunächst nach Wien, wo er längere Zeit im Hause des Grafen O'Dounel eine seinem Wissen und seiner Bildung angemessene Stellung als Erzieher von dessen Kindern fand. Sein dichterisches Talent, seine angeborene Liebenswürdigkeit cröffneten ihm die besten und vornehmsten Kreise, aber die Gesellschaft hatte keinen Reiz für ihn, er konnte die Geliebte und seinen Schmerz um sie nicht vergessen. Unter dem blauen Himmel Italiens suchte er Genesung für sein krankes Herz, Trost und Heilung in dem Anblick der Schönheit, die ihm verkörpert in den Meisterwerken der Knust und Poesie eines hochbegabte» Volkes entgegentrar. Auch die wieder erwachte neue Littcratnr des jungen Italien, die Vorläuferin der nachfolgenden politischen Bewegung, zog ihn mächtig an, vor Allem das Talent Manzoni's, dessen berühmten Roman „Die Verlobten" er meisterhaft ins Deutsche übertrug und seinen Landsleuten erschloß. Seine eigene Schöpferkraft wurde wieder angeregt und er entwarf oder schrieb auf dem klassischen Boden der Gcisterhcimath eine Reihe von Novellen, welche mit Unrecht vergessen worden sind, da sie viele berühmte und vielbändige Romane der Gegenwart durch Tiefe der Empfindung, Feinheit des psychologischen Blicks und Poesie der Sprache bei Weitem übertreffen. Aber Leßmann hatte kein Glück, weder im Leben, noch im Tode. Mitten in diesen Beschäftigungen, durch die er den Frieden seiner Seele wieder zu gewinnen hoffte, traf ihn eine Nachricht wie ein jäher Blitz aus heiterem Himmel. Marie, die unvergeßliche Geliebte seines Herzens, war erkrankt, verzehrt von Sehnsucht und Gram um den Abwesenden. Die Berliner Aerzte hatten die Ursache ihrer Leiden, eines langsamen Dahinschwindens, richtig erkannt und den betrübten Eltern die Wiedervereinigung mit dem Geliebten als das einzige, wenn auch zweifelhafte Mittel zu ihrer Rettung und zur Erhaltung ihres bedrohten Lebens angerathen. Jetzt schrieb ihm selbst der harte Vater und bat ihn, so schleunig wie möglich zurückznkchren, um die zärtlich geliebte Tochter dem sicheren Tode zu entreißen; jetzt flehte die arme Mutter ihn mit den rührendsten Worten an, Alles zu vcrurtheil erfüllt, seine Religion zu verlassen und das Ehristenthnm anzunehmen, da sich sonst der von ihnen nun selbst gewünschten Verbindung unüberwindliche Schwierigkeiten auch von Seiten der staatlichen Gesetze und Einrichtungen entgcgenstcllen möchte». Unter diesen Umständen glaubte Leßmann, seinen Widerstand aufgeben zu müssen, da ihm ohnehin die Formen der Religion gleichgiltig schienen. Dennoch entschloß er sich nur ungern zu dem ihm zngemntheten Schritt, mit allen Erinnernngcn seiner Jugend zu brechen und die vielfachen Wurzeln, welche ihn noch immer mit dem Glaube» und der Ueberliefernng seiner Väter verbanden, gewaltsam zn zerreißen. Aber die Liebe forderte das Opfer; seine sterbende Braut streckte verlangend ihre Hände ihm entgegen, und er schwankte nicht länger. Leßmann wurde Christ, nicht nm einen irdischen Vortheil zn erreichen, sondern ans reinster, hingcbendstcr Liebe. Ohne Anfenihalt eilte er nach Berlin zurück, fortwährend nmschwebt von dem Bilde der kranken Brau!, schwankend zwischen seliger Hoffnung und banger Furcht. Ohne Ruh und Rast stürmte er bei Tag und Nacht, von einer inneren Augst getrieben, seinem Ziel entgegen, bis er es erschöpft und todesmüde endlich erreichte. Mit bebenden Knicen stürzte er nach dem ihm bekannten Hanse, eilte er die Treppe hinaus. Sein Herz drohte zn springen, seine Glieder zitterten, und er mußte sich vor Erregung und Schwäche an der Thürpfostc halten. Niemand kam ihm entgegen, Keiner begrüßte den heimkehrenden Wanderer. Eine furchtbare Ahnung stieg in seiner Seele ans. Wenn er doch zn spät gekommen, wenn Marie — Er wagte den entsetzlichen Gedanken nicht anszndenken, indem er seiner eigenen Fnrcht zn spotten versuchte. Noch stand er ans der Schwelle, die er nicht zn überschreiten den Muth hatte, um zu lauschen. Alles still, lodtenstill! Länger duldete es ihn nicht, mit einer gewaltsamen Anstrengung riß er sich ans seiner Schwäche auf und öffnete die Thür. Sein Blick fiel auf einen schwarzen Sarg und mit einem lauten Schrei sank er zn den Füßen der tobten Marie. Sie war au demselben Morgen, wo er heinigekehrt, ihren Leiden erlegen, ihr letztes Wort, ihr letzter Hauch war sein Name gewesen! Und nun lag sie im weißen Kleide da, eine bleiche, vom Sturm geknickte Lilie, mit verklärten Zügen, die Hände auf der Brust gefaltet, das blonde Haar mit dem jungfräulichen Myrthenkranz geschmückt, beide der vorzeitigen Verwesung geweiht, eine Beute des Grabes, che sie geblüht und Frucht getragen. Mit heißen Thräncu benetzte der Unglückliche ihre bleichen Wangen, küßte er den selbst im Tode noch lächelnden Mund. Wie in einen Nebel gehüllt erblickte er dann die gebeugten Eltern, wie im Traume hörte er sie sprechen, klagen und weinen, schwankte er au ihrer Seite nach dem Kirchhof, sah er, wie der Sarg mit der Leiche der Geliebten in die dunkle Tiefe sank, wie Scholle ans Scholle