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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-21 · Heft 10 (21.3.1890) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 10 (21.3.1890)
Date
1890-03-21
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
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war auch Lehman» Militärarzt gewesen nnd hatte in den Befreiungskriegen sich in seinem Berufe ausgezeichnet. Bei Lützen verwundet, hatte er nach seiner Genesung die Leitung eines Lazarethes übernommen. Unter den patriotischen Frauen nnd Mädchen, die sich in jener Zeit der Pflege der Verwundeten und Kranken widmete», hatte er die liebenswürdige und geistvolle Marie, die Tochter eines vermögenden Berliner Hausbesitzers, kennen und, was dasselbe war, auch lieben gelernt. Sie erwiederte seine Neigung, und der junge Arzt erwartete mit Ungeduld den Frieden, um sich mit der Geliebten seines Herzeils zu verbinden, indem er auf seine wohlverdiente, mit seinem Blute theucr erkaufte Beförderung sicher rechnete. Aber der Friede kam nnd Leßmann's Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung. Der junge Arzt erhielt statt der erwarteten Berfördernng seinen unerwarteten Abschied, nicht weil er nusähig oder untüchtig, sondern einzig und allein, weil er — ein Jude war. Wie Hunderte von seine» armen Glaubensgenosse», war auch er begeistert bei dem ersten Aufloderu des Volksgeistcs in den Freiheitskampf geeilt, hatte er freiwillig Blut und Leben dem Vaterlande geweiht, an der Seite seiner christlichen Brüder ninthig geduldet und gestritten und jedes Opfer der großen, heiligen Sache dargebracht. Wie die Meisten seines Volkes glaubte er, mit seinem Blute das alte Vorurtheil ansznlöschen nnd sich das Bürgerrecht mit dem Einsatz seines Lebens zu erkaufen; wie sie, hoffte er ans eine nene Zeit, wo die Schranken schwinden, die mittelalterlichen Bande zerreißen, nnd der Geist der Liebe die finsteren Satzungen der Kirche nnd des Staates für immer stürzen würde. Aber wie Hunderte von seinen Glaubensgenossen sah er sich schmerzlich getäuscht nnd in seinen Erwartungen betrogen. Kaum war der Kampf beendet, so erhob sich das Gespenst der Reaktion nnd spottete der höchsten Begeisterung. Die Völker wurden, nachdem sie ihre Fürsten gerettet, zur Ruhe veriviesen oder mit leeren und eitlen Worten vertröstet, die heiligsten Versprechungen nnd Eide nicht beachtet, dieMahnnngen des Gewissens mit frivolen Festen und militärischem Schcmgepränge übertänbt. Jede Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit galt für ein Verbrechen, und jedes Verlangen nach Freiheit wurde von den Dienern und Werkzeugen der Macht zum Hochverrath gestempelt; die mnthige Jugend, welche der allgemeinen Enttänschnng nnd Entrüstung Worte lieh, sah sich verfolgt, geächtet nnd von Kerker zu Kerker geschleppt. Auch die Hoffnungen der jüdischen Bevölkerung gingen zu Schanden. Nach wie vor lastete ans ihr der alte Fluch des Vornrtheils, fand sie sich in die kaum gesprengten Fesseln von Neuem geschlagen, mußte sie wieder ihren gerechtesten Forderungen und Ansprüchen entsagen. Unter nichtigen Vorwänden wurden die jüdischen Krieger gleich nach beendigtem Feldzuge entlassen, die Offiziere ohne Pension nach Hause geschickt, die Beamten ohne jede Entschädigung verabschiedet. Dazu kam noch, daß das frühere Vorurtheil mit erneuerter Kraft sich regte, als die läuternde, alle Stände und alle Religionen zu einem heiligen Bund verschmelzende Flamme der Begeisterung erloschen war. Unter diesen Verhältnissen sah sich auch der arme Daniel Leßmann gezwungen, wenn auch nicht ans seine Liebe zu verzichten, doch seine beabsichtigte Verbindnng vorläufig noch zu verschieben. Er wollte erst sich durch seine Kenntnisse nnd seine anerkannte Tüchtigkeit eine unabhängige Stellung erwerben nnd dann die Hand der Geliebten von ihrem 33ntci verlangen. Vier Jahre waren seitdem vergangen, aber er sal sich noch immer von seinem Ziele fern, da es in Berlin nicht an Aerzten fehlte nnd er nicht die Fähigkeit besaß, durch du bekannten Kunstmittel und Schleichwege so vieler seiner Kollegen zur Praxis zu gelangen. Jndeß gab er die Hoffnung nichauf; er vertraute ans seine wissenschaftliche Tüchtigkeit und ans die Treue der Geliebten, die trotz aller Hindernisse nid): wankte und nicht von ihm ließ. Aber noch eine Trösterin hatte er in jenen trübe» Tagen in sich selbst gefunden — die Poesie. Die Liebe hatte den dichterischen Funken in ihm geweckt und sein ihm selbst bic jetzt unbekanntes Talent entfaltet, wie das goldene Sonnen licht die schlummernden Knospen nnd Blüihen zum Leben ruft. Seine schüchternen Versuche wurden mit Beifall ans genommen und seine bescheidene Muse erwarb ihm einflußreiche Freunde und Gönner, die ihm wohl wollte». Die Stelle eines jüdischen Hospitalarztes, nm die er sich beworben hatte, wurde ihm auf die besondere Verwendung des ihn: günstig gesinnten Vorstehers zuerkannt, und der damit verbundene mäßige Gehalt setzte ihn jetzt in den Stand, seii- Hauswesen zu begründen nnd um die Hand der Geliebten anzuhalten. Mit klopfendem Herzen trat er vor ihren Vater nnd brachtseine Werbung an. Er war auf Widerstand gefaßt, da di Eltern seiner Marie nicht frei von dem allgemeinen Vor urtheile nnd außerdem noch stolz auf ihren Reichthnm waren Aber er wußte, daß sie ihre einzige Tochter über Alles liebten jeden ihrer Wünsche zu erfüllen suchten, und er rechnete daher auf die, wenn auch immer zögernde und bedingte, Einwilligungdes Vaters, auf die Zustimmung der ihm sonst geneigter Mutter. Seine Voraussetzungen erwiesen sich jedoch anw hier als eine bittere Täuschung; er wurde zurückgewiescn und zwar in einer Weise, die ihn doppelt verletzen, ihm für immer jede Hoffnung rauben mußte. Jude und Dichter — das war es, was man ihm zmi: Vorwurf, fast zum Verbrechen machte. Es war eine unverzeihliche Vermessenheit, daß ein Jude, ein armer Dichter, cwagte, seine Augen zu einer Christin, zu der Tochter einer reichen und angesehenen Rentiers, emporzuheben. Das grenzt an Wahnsinn, wenn es nicht noch etwas Schlimmeres war Vergebens bat nnd flehte die treue Marie, umsonst beschwo sie ihre Eltern, gestand sie ihnen ihre heiße, unerschütterlich: Liebe, erklärte sie. nie einem anderen Manne anzugehören: ihre Eltern blieben hart wie Stein und ließen sich weder vorihren Bitten noch von ihren Schwüren rühren. Mit gebrochenem Herzen schieden die Liebenden, welche das Vor nrtheil gewaltsam anseinanderriß und der Glaube trennte.

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