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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-21 · Heft 10 (21.3.1890) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 10 (21.3.1890)
Date
1890-03-21
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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155 einen gottesdienstlichen Vortrag, in welchem er anch des versiorbeucn illustren Staatsmannes Grafen Julius And rafft) m patriotischer und pietätsvollcr Weise gedachte. Der gelehrte Prediger schilderte in ergreifender Weise die Trauer um den , rohen Todten, an welcher der König, sowie das ganze Volk in gleichem Maße theilnahmen. Die hohen Verdienste des o.rafen Andrassy würdigend, hob Dr. Kayserling hervor, daß er seiner Nation die Freiheit, den ungarischen Israeliten aber euch die Gleichheit errungen, deshalb wird das Judenthum ,eets den Namen des Grafen Julius Andrassy mit Dankbarleit und Verehrung nennen. Die Würdigung dcs großen Staatsmannes machte ans das anwesende zahlreiche Publikum den besten und nachhaltigsten Eindruck. * Budapest, 10. März. Zn einer würdigen und ergreifenden Leichenfeier gestaltete sich heute das Begräbniß des Schriftncllers und Eisenbahn-Inspektors B. Reiner, dessen plötzliches Ableben in weiteren Kreisen schmerzlichste Bestürzung crvorgernfen hatte. Es war ein gewühltes und zahlreiches Publikum, das, dein Verblichenen die letzten Ehren zn erweisen, im Tranerhanse sich einfand. Nachdem der Kantus rer israelitischen Kultnsgemeinde die liturgischen Trauerchoräle, i:ef ergreifende Weisen von herrlichem Melodienschmclz, gcinngen, widmete der Prediger Dr. Kohn dem Verstorbenen 'Porte innigen Gedenkens. Er beleuchtete zunächst den Gegenutz in dem Doppelbernfe des Hingeschiedenen, welcher Eisenl ahnbeamter und Schriftsteller gewesen; jener Berns heische nramme, unerbittliche, pedantische Pflichterfüllung, der litteiarische aber verlange kühnen Schwung der geistigen Fittige, i iächtigcs Empordringen in die Regionen der Phantasie und! ohcrer Erkenntniß; in dem Wesen des Verblichenen, in seinem wilden, gütigen, eiferbeseelten Charakter habe sich dieser GegeumB wunderbar harmonisch aufgelöst. Wie im Dienste der ' isenbahn im Raume, so habe der Verstorbene als Litterat ne Menschen in der Zeit einander näher gebracht, und in >dcn Berufen habe er sein bestes Könne», sein reiches Talent i r verschwenderischer Weise anfgewendet. Mit Accenten eines greifenden Pathos beschloß Dr. Kohn seine Rede, welche auf alle Anwesenden einen mächtigen Eindruck machte. Ans u Reihen der Trauergäste trat nun Dr. Ambros Nemünyi - ervor, um dem liebevollen und reichbcgabten Schilderer nngauschen Geistes, ungarischer Gesittung und ungarischer Charaktere einen letzten Scheidegruß znzurnfen und den Manen des Verblichenen im Namen seiner litterarischen Freunde ein unvergängliches, pietätvolles Gedenken zu geloben. Noch pries Sigmund Singer, der hiesige Vertreter der „Neuen Freien Presse", in innigen Worten die allgemein menschlichen und die litterarischen Vorzüge des Verstorbenen und rief diesem Namens der Herausgeber und der Redaktion des genannten Blattes ein letztes Lebewohl zn. Dann wurde der Sarg ans de» Leichenwagen gehoben und der ansehnliche Kondukt zog nach dem israelitischen Friedhöfe, wo der treffliche Mann in einem Ehrengrabe seine letzte Ruhestätte fand. Frankreich. Paris, 3. März. Um die Pariser Oberrabbinerstelle haben sich sämmtliche sechs Pariser Rabbiner und die Oberrabbiner von Lyon und Brüssel beworben. Paris, 11. März. Der Verein „Souvenir franQais“, beffeu Präsident der General Lewa! ist und der den Zweck hat, die Gräber der Soldaten und Seeleute, welche den Tod für's Vaterland gestorben sind, zu konserviren, hat ans seine Anfrage vom israelitischen Konsistorium die Erlanbniß erhalte», im Tempel der Uns cks la Victoire eine Gedächtnißfeier znr Erinnerung an diejenigen jüdischen Bürger, welche ihr Blut znr Vertheidigung des Vaterlandes vergossen hatten, abzuhalten. Diese Feier, bei welcher der Oberrabiner, Herr Zadok Kahn, die Gedächtnißrede hielt und die Gebete sprach, hat am Sabbath den 1. März stattgefuuden. Reims, 11. März. Durch Divisionsbefehl des Kommandanten General de la Hayre vom 13. Februar werden die Verdienste des durch die Altersstufe in den Ruhestand tretenden Stabsarztes Dr. Weil! der Armee bekannt gemacht. Türkei. Jerusalem, 14. Februar. Der Eisenbahnban zwischen Jaffa und Jerusalem ist dadurch in ein neues Stadium getreten, daß der Ban der Bahn von einer französischen Ballgesellschaft definitiv übernommen worden ist, welche, um die mit schwerem Geld erworbene Konzession nicht zn verlieren, gehalten ist, den Ban der Bahn noch vor Ablauf des Monats April in Angriff zn nehmen. Man erwartet daher die mit dem Ban beauftragten Ingenieure bis Ende Februar. Feuilleton. Jude und Dichter. Ein Bild aus früherer Zeit. Von Max Ring. Vor einem ansehnlichen Hanse in Berlin, welches einem wichen Rentier gehörte, stand der junge Doktor der Medizin Daniel Leßmann und blickte zn demselben mit forschenden Picken hinanf. Bald bemerkte er an dem Fenster der ersten lüage einen reizenden Mädchenkopf, der freundlich seinen ehrerbietigen Gruß criviederte und sich dann erröthend wieder schnell zurnckzog, worauf der Herr Doktor mit einem zufriedenen Lächeln seinen Weg fortsetzte und seine nicht eben allzu zahlreichen Patienten besuchte. Sobald er von der keineswegs lohnenden Praxis in seine Wohnung zurückgekehrt war, ergriff er die geliebte Feder und schrieb nicht sein Krankenjonrnal, sondern ein glühendes Lied an die Geliebte, jenen feurigen Dithyrambus, der später unter dem Titel „Venns Amathnsia" im Druck erschienen ist. Wie der Regimentschirurgns Schiller iu*

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