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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-21 · Heft 10 (21.3.1890) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 10 (21.3.1890)
Date
1890-03-21
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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darauf geachtet, daß die Kinder eine ordentliche Haltung des Körpers beim Stehen und Gehen erhielten und während der Uebnngen gespannt aufmerkten und sofort dem Kommando gehorchten. Diese Uebnngen haben die Anfrechtcrhaltung der Disziplin und die gefestigte Körperhaltung erheblich gefördert. Wenige Monate nach Einführung aller dieser Einrichtungen tonnte nicht mehr wahrgenommcn werden, das; die Kinder feiger oder weichlicher wie andere Kinder seien. — Ein Besucher der Anstalt meinte, er würde geglaubt haben, eine Kadettenanstalt zu inspiziren, wenn er nicht wüßte, daß es keine Offizierkinder sind. Rechnet man Hinz», daß die Kinder zu allen häuslichen Beschäftigungen herangezogen wurden, selbst die jüngsten, etwa 6 Jahre alten, nach dem Maße ihrer Kräfte, so ist im Wesentlichen das umschrieben, was für die Kräftigung der Körper geschah. Hinsichtlich de? Unterrichts galt der Grundsatz: wenig aber so vollendet als möglich, einfach aber festgchämmert. Um zunächst das entsetzliche Kauderwälsch der Sprache zn beseitigen, ließ man kein Wort durchgehen, das nicht so klar als möglich ausgesprochen wurde. Ueberaus wichtig erwies sich hierbei das Auswendiglernen »ud Hersagcn von Gedichten, während der Vortragende frei vor der ganzen Klasse stand. Die Deklamation nöthigtc zn klarem, deutlichem Sprechen, namentlich der Vokale, der Rhythmus'zur Beherrschung der Stimme und zum Anssprechen aller Silben, und der Inhalt der Gedichte gab Gelegenheit, die Freude an der Natur zu erwecken und durch die genaue Befolgung der dichterischen Beschreibung das Kind an die Anstellung derselben Beobachtung zn gewöhnen, d. h. es sehen zu lernen. Wenn auch ein Gedicht noch etwas über das Verständniß der Kinder hinansging, so wurde das nicht allzu ängstlich genouunen, denn wir lernen nicht mir durch den Verstand, sondern auch durch den einschmeichelnden Ton und die Erregung des Gemüths. Wie dem sauberen Sprechen, so wurde auch dem sauberen Schreiben und Zeichnen eingehende Fürsorge gewidmet. Umschläge um die Schreibhefte waren verpönt, denn die Hefte und Deckel sollten auch ohne Schutz rein sein, und dies wurde ohne Schwierigkeit erzielt. Der Unterricht in der Geographie begann am Globus, um von Anfang an eine richtige Anschanniig zu fördern. Nachdem die allgemeinsten Vorkenntnisse eingcprägt waren, folgte dem Unterricht in,, der Geographie der der Geschichte so. daß die Lage des Landes und seine Geschichte gleichzeitig zur Erörterung kamen. So kurz auch die Zeit war, welche diesen Gegenständen gewidmet werden konnte, so wurde doch ein ungefährer Ueberblick über die bedeutungsvollsten Ereignisse der Weltgeschichte gegeben. — Auf gegebene Anregung zeichnete einmal eines der Kinder bei Besprechung der pnnischen Kriege ohne Hilfe eine Karte, lediglich aus dem Kopfe, die ungefähre Form Italiens» der gegenüberliegenden Küste Afrikas, dann die cutsprechcnde Lage Spaniens und Frankreichs, so daß allmälig an der Tafel das Bild des ganzen mittelländische,i Meeres erschien. — Kopfrechnen wurde fleißig geübt; schriftlich wurden häufiger Additionen vieler (z. B. von 25) Positionen aufgegeben. Die Erfahrung lehrt, daß selbst Kinder, welche höhere Schulen besuchten, und hier und da wohl auch Erwachsene sich bei längeren Additioucn vcrrcchueu. Es giebt ein interessantes Resultat, wenn man dies in Schulen einmal versucht. Die Briefe, welche von den Kindern alle Vierteljahr an ihre Verwandte» geschrieben wurden, benutzte der Lehrer der Anstalt als Stylübungcu, Reinschriften und besonders auch dazu, de» Kindern zn zeigen, wie ein Bricf rein äußerlich anssehen müsse. Diejenigen Kinder, welche nahe daran waren, zum Handwerk übcrzngehc», lernten auch Rcchnnngen in den üblichen Forme» des Verkehrs anSschrcibcn. Die schwierigste Zeit für das Institut begann, als einzelne Kinder so weit gediehen waren, um als Lehrlinge ein Handwerk zu erlernen. Die Erfahrungen, welche hierbei gemacht wurden, sind auch für weitere Kreise lehrreich. Die Knaben waren kaum wenige Wochen ans der Schnlzncht entlassen, als sie schon eine überraschende Kenntniß des Grundsatzes: „Viel Geld und wenig Arbeit" und einen Mangel an frommem Sinn sowie an Achtung vor irdischen Größen zeigten. Die Werkstätten hatten solche Ideen dcn Lehrlingen eingcflößt und sie zn Verbreitern derselben unter dcn in der Schule verbliebenen Kindern gemacht. Sobald dies bemerkt wurde, begann die Arbeit, durch strenge Zucht, durch Belehrung und fortgesetzte Betonung, daß man mehr seiner Pflichten als seiner Rechte gedenken solle, die Kinder ans dem richtigen Wege zu erhalten. Dies war nur dadurch möglich, daß die Lehrlinge im Erziehungshause übernachteten und ihre Sonntage und Feiertage dort znbrachten. Sie blieben daher unter immer wicdcrkehrender Ueberwachnng des Lehrers, und sein Einfluß hat — so weit sich dies übersehen läßt — das unbewußte Einlenken der Lehrlinge in falsche Bahnen verhindert. Der Lehrer hat auch die noch in der Schule gebliebenen Kinder allmälig daran gewöhnt, nicht jeder schlechten Anregung sogleich zn folgen, sondern sie nach ihrer, freilich geringen Einsicht erst zn prüfe». Schulmänner haben behauptet, daß die hier ans äußeren Gründen entstandene Kombination von Schülern und Lehrlingen ein Verderb sei. Gewiß, wenn die Schule Selbstzweck ist und nur prächtige Schüler hcrvorbringcn soll, ohne Rücksicht darauf, ob nicht bei dem ersten Schritte ins Leben alle Weisheit und alle erlernten Grundsätze hingegeben werden, dann wäre der Einwand zn beachten. Wenn aber die Schule nur dann von wirklichem Wcrthe ist, wenn das Erlernte sich im Leben bewährt und die Schüler ordentliche Menschen bleibe», dann ist jene Kombination gerade empfchlenswerth. Man bedenke, wie viele Waisenhäuser ihre Kinder entlassen, ohne sich nur deren Schicksal weiter zn bekümmern, und wie viele dieser Kinder, welche in so zartem Alter auf sich an-

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