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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-21 · Heft 10 (21.3.1890) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 10 (21.3.1890)
Date
1890-03-21
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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148 aus Hiob und dcu Sprüchen müssen den Inden geläufig sein — wenn nicht im hebräischen Original, so doch in der Uebersctznng. Von dem Inden aber, der eine höhere, wissenschaftliche Bildung erstrebt, der ein Ghnmasinni besucht, erwarte ich allerdings, daß er auch Hebräisch lerne. Wer Werth daraus legt, Integer vitae und Gaudeamus singen zu können, müßte sich schämen, wenn ihm die viel schöneren Psalmen fremd blieben. Ein Erziehnngshans in Pankow bei Berlin. Bon Justizrath Mako wer. Im Jahre 1882 fanden bekanntlich Inden-Verfolgungen in Rußland statt. Zahlreiche Juden überschritten die österreichische Grenze, und es sammelten sich in Brody einige tausend Personen, welche durch öffentliche Unterstützungen vor dem Verhungern geschützt wurden. Ans Veranlassung eines der unterstützenden Komites wurden 39 Kinder dieser Flüchtlinge nach Berlin gebracht, um dort erzogen zn werden und dann wieder in das Ausland zu gehen. Diese Kinder waren körperlich in dem denkbar elendesten Zustande und bis dahin fast sännntlich ohne allen Unterricht und ohne Erziehung geblieben. Die Sprache war ein Gemisch von Deutsch, Polnisch, Hebräisch, Russisch, und jede dieser Sprachen war verdorben. — Es erwuchs daher für die Erziehung eine kaum in mäßiger Zeit zu bewältigende Aufgabe: die Körper der Kinder zn kräftigen, Sauberkeit und Ordnung ihnen anzngewöhnen, eine geläuterte Sprache sie zu lehren, den Sinn für das Rechte, Gute und Schöne zn wecken, einige Elementarkenntnisse ihnen beizubringe», den Geschmack am Handwerk zu wecken und die Lehrlinge bis zn Gesellen anszubilden. Daß diejenigen, welche Gesellen wurden, sofort den Wandcrstab in die Hand nehmen mußten und im Auslande (Amerika, England itiib Frankreich) sich selbst eine Existenz zn schaffen hatten, war immer im Auge zn behalten und nöthigte dazu, die Knaben so anszubilden, daß sie schon im jugendlichen Alter genug sittlichen Halt und Kenntnisse erlangten, um ohne alle Stütze, allein ans sich angewiesen, ans dem graden Wege zu verbleiben, ans welchen sie geführt worden waren. — Es war zugleich nothwendig, ihnen auch einige Kenntniß der Sprache des Landes zn verschaffen, in welches sie sich begeben sollten. Die Kinder waren entweder verwaist oder halbverwaist, und von dem Einflüsse der in der Welt zerstreuten Eltern oder Verwandten war nach Lage der Sache eher ein Hcmmniß als eine Förderung zu erwarten. Nicht leicht wird ein Institut zu finden sein, welchem so schwierige Aufgaben gestellt waren; denn außer den regelmäßigen Schwierigkeiten jeder Erziehungsanstalt war hier mit den vererbten Fehlern der Vergangenheit zn kämpfe» und die Selbstständigkeit für die Zukunft unmittelbar nach dem Verlassen der Anstalt vorzubereiten. Wie alles dies zn erreichen versucht worden ist, soll nachstehend möglichst kurz dargethan werden. Ob der erwünschte Erfolg cingetreten ist, wird erst die Zukunft lehren. Einige gute Früchte sind sicherlich jetzt schon zn verzeichnen. Es würde sich nicht lohnen, die Aufmerksamkeit Unbetheiligter ans diese Sache zn lenken, wenn nicht die Mitthcilnng der Wege, ans welchen versucht wurde, so vieles zu erreichen, und wenn nicht die gesammelten Erfahrnngeir auch für andere, ähnliche Institute von Nutzen sein könnten. Die dringendste Aufgabe war zunächst die körperliche Kräftigung der Kinder, welche aus einer verkünnnerten Rasse entsprungen und seit ihrer Geburt schlecht ernährt, schwächlich, feige und kränklich waren. Als sie nach Berlin kamen, füllten sic die Krankenhänser, und die Aerzte erklärten, daß dies bei so schlecht ernährten Kindern anders unmöglich sei. — Schon nach einigen Monaten indeß gehörte es zu den seltenen Ereignissen, daß ein Kind in das Krankenhaus kam, und vor Ablauf eines Jahres war die Verabreichung irgend einer Medizin an ein Kind eine Ausnahme. Dieser günstige Erfolg wird von der Verwaltung des Hauses folgenden Maßregeln zngeschrieben. Die Kinder ivnrden in einem Vororte Berlins nntergebracht und hatten einen geräumigen Hof und Garten zur Verfügung. Den regelmäßigen Unterrichtsstunden (5—6 täglich) durfte täglich nur eine Stunde für die Privatarbeiten hinzngefügt werden. Alle übrige Zeit hatten die Kinder im Hofe und im Garten zuzubringeu und sich dort an den üblichen Tnrngeräthschaftcn oder durch Graben, Jäten oder Pflanzen im Garten zu beschäftigen. Bloßes Hernmlnngern wurde nicht gestattet, dagegen jedes Spiel im Freie» nach freier Wahl erlaubt. Spiele wurden gelehrt, insbesondere solche, welche mit ganz einfachen Mitteln (Bällen, Reifen ». dergk.) oder ganz ohne solche getrieben werden konnten (Ballanf,Bockspringen übereinander re.). Regelmäßiger Turnunterricht trat hinzu; zur Sommerzeit wurde schwimmen gelernt und zur Winterszeit auf selbstgegossenen Bahnen Schlittschuh gelaufen. Die Sorge für die Sauberkeit des Körpers, der Kleider und der Räume wurde fast übertrieben, um die Erinnerungen an die frühere Zeit möglichst zu verwischen. Selbstverständlich wurde die Lüftung aller Räume, in denen die Kinder sich anfhielten (der Schlafränme und der Betten, des Eß- und des Schulzimmers) fortdauernd überwacht. Die Nahrung wurde fest geregelt und Abweichungen wurden nicht geduldet. Abweichend von dem Gebrauche in anderen Anstalten erhielten die Kinder 1 oder 2 Mal die Woche etwas Bier. Geschenke wohlthätig gesinnter Personen an Süßigkeiten, Chokoladen und Kuchen wurden, auch für Feststagc, dankend abgelehnt. Sobald Gelegenheil sich bot, machten die Kinder unter Aussicht mäßige Märsche und lernten Rudern. Exerzier- Unterricht wurde von Anfang an ertheilt und bei demselben

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