Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1890)
- Date
- 1890-03-21
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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147 es gleichviel, ob eine Sache a oder e heiße. Dem Gemüth aber ist es nicht gleich. Im hebräischen Klang ist die Religion offenbart, geschaffen. Ich will hier nicht die biblischen Erzählungen durchgehen und die in ihnen herrschende Kunst der Darstellung anfznweisen. Diese Knust, so ganz und gar natürlich, so ganz und gar kindlich, ist mit so tiefem Inhalt, ist ohnegleichen. Die Erzählungen aber sind noch nicht die ganze Bibel. Nun kommen erst noch die Propheten, die Psalmen, Hiob. Ja, es sind Wlinder-Männer, diese Propheten — nicht weil sie Krankheiten geheilt, Naturgesetze einstweilig aufgehoben hätten; nein, die Kraft ihres Wortes staunen wir heute noch an. Gewaltigere Bcredtsamkeit als Demosthenes, gewaltigere Poesie als Shakespeare hat nur der Prophet. Und solches Buch, das sich die gebildetsten Völker angeeignet haben, Kindern und Philosophen gleich werthvoll, werfet ihr von euch, ihr, denen es gegeben ist als Erbtheil eurer Väter! Ihr müßtet es euch und euren Kindern geläufig mache», schon weil es euer ist; ihr müßt es aber auch deswegen, weil ihr sonst die deutsche Litteratnr, deutsches Sprichwort und Redeweise, deutsche Sprache vielfach nicht versteht. Ohne Hiob wäre Faust in Goethe's Geist nicht geworden wie er ist. Ihr sollt Deutsche werden, hat man Euch gesagt. Das könnt ihr gar nicht ohne Liebe zu unserer Bibel und ohne Kenntniß derselben. An drei Stätten liegen die Wurzeln unserer heutigen Bildung: Rom, Athen, Zion. Die beiden erstgenannten soll jeder Gebildete kennen lernen; und wie mit der dritten? Gerade in ihr liegt die Herzwnrzel unserer Humanität, und nur von ihr brauchte der Gebildete nichts zu wissen? Ich habe vorausgesetzt, daß ihr Juden sein wollt, und daß ihr auch wollet, eure Kinder sollen Juden sein. Ist denn nun „jüdische Religion" weiter nichts, als eine Columne auf der Zählkarte? Wollt ihr sie dazu machen? Das Leben aber in der vieleckigen, scharfkantigen Wirklichkeit sorgt schon dafür, daß jedem Juden gelegentlich bemerklich werde, daß jener Columnen-Titel „jüdisch" nicht blos seine statistische Bedeutung hat. Sein heißt allemal um das Dasein kämpfen; so erfordert auch das Jude-Sein seine Arbeit, seine Opfer. Ja das Jude-Sein erweckt auch seine Leiden. Seid dessen gewiß, eure Kinder werden unter anderen Schmerzen auch solche tragen, die ihnen der Name Israel bringt. Und nun, wie sinnlos! Eure Kinder selber arbeiten, kämpfen, dulden für einen inhaltlosen Namen? Ein Znfall, der sie unter eine statistische Rubrik gebracht hat, soll bestimmend werden für ihr Schicksal? Sie sollen Inden genannt sein und nichts dabei denken? Werden, müssen nicht eure Kinder einst vor euch hintreten und sagen: Vater, Mutter, ihr habt uns hierher gestellt und uns nicht gesagt, was das bedeute? Was liebst du denn in deinem Kinde? Die Fortpflanzung deines leiblichen Lebens? Doch gewiß nicht »nr dies, sondern vielmehr die Fortsetzung deines Geistes. Und in diesem Sinne wardst du geliebt von deinen Eltern und werden deine Kinder deine Enkel lieben. Soll dein Enkel in körperlicher Linie mit deinem Vater znsammenhängen, aber nicht geistig? Soll er nichts davon ahne», was die Voreltern im Schmerz getröstet, in der Noth erhoben, in der Arbeit gestärkt hat? Also laß deinen Sohn die Geschichte seiner Väter kennen lernen. Wie viele Thaten der Milde, der Hingebung, der Aufopferung sind von dem jüdischen Rufe Schema begleitet, ja sogar hervorgernfen iverden! Keine Fahne und keine Parole hat so viel geleistet in der Anfeuerung zum Guten, für das Ansharren in Gott, für wirksame Liebe gegen den Nächsten. Und dieses Schema war die Fahne und die Parole der Väter deines Sohnes — soll dein Sohn sie nicht kennen lernen? Soll er von ihrer Bedeutung und ihrer tausendmal erwiesenen Kraft nichts erfahren? Deutscher soll er werden! sagst du. Und das sage ich auch. Warum lernt denn aber der deutsche Theologe hebräisch? Warum lernen es viele Philologen? hören diese darum ans Deutsche zu sein? oder sind sie es weniger als die anderen Deutschen? Ich will dir sagen, warum sie hebräisch lernen: sie wollen am frischen Quell trinken und nicht durch weite Leitung matt gewordenes Wasser; sie wollen die Gedanken in der Original-Färbung und nicht im Holzschnitt dcr Uebersetznng. Was jene Deutsche im allgemeinen Bildungsdrange thun, magst du mit besonderer Befriedigung thun: jene als deutsche Gelehrte, du als deutscher Jude oder jüdischer Deutsche. Jene Klänge, die uns an Zion knüpfen, lösen das Band nicht, das uns an das deutsche Valerlaud mit so unendlich vielen Fäden des innigsten Geniüths fesselt, ja sie stärken es, wenn wir merken, wie sich beide ihrer Natur nach in einander schlingen, ja längst in einander geschlungen haben. Zum Schluffe noch folgende Bemerkung. Hier ist das Hebräische »nr als Bestandtheil des Religions-Unterrichts betrachtet worden; sonst wäre auch zu zeigen gewesen, wie vortheilhaft dem Philologen für seine speziellere Bildung das Studium dieser Sprache sein muß. Doch ist wohl festzuhalten, daß Hebräisch an sich »och nicht Religion ist, daß es nur als ein Mittel zur Stärkung des religiösen Gefühls betrachtet werden kan». Daraus folgt nun, daß in den Fällen, wo ein erfahrener und gewissenhafter Lehrer sich sagen muß, daß das Erlernen des Hebräischen dem eigentlichen Religions-Unterricht oder der Kenntniß der jüdischen Geschichte oder gar dem fleißigen und umfassenden Lesen der heiligen Schrift hinderlich ist, daß das Mittel hier den Zweck schädige — daß in solchen Fällen man ans das Hebräische verzichte und sich mit der deutschen Bibel genügen lasse. Denn Bescheid in der Bibel, sei es auch nur in einer Ucbersetznng derselben, halte ich für unerläßlich, und dem muß jede andere Rücksicht weichen. Nicht nur die biblischen Erzählungen mit ihren treffenden, das Gemüth ergreifenden Schlagworten, sondern auch die schönen (von historischen Beziehungen freien) prophetischen Stücke, ein gut Theil der Psalmen, eine Auswahl »>«