Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1890)
- Date
- 1890-03-21
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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14<> ja Schande machen könnet Wen» jemals die leiseste Furcht über dich käme, daß dir begegnen könnte, was wohl dem einen und dem andern deiner Freunde zu ihrem und deinem bittersten Schmerze schon begegnet ist: so müßtest du dir sagen, daß du vielleicht selbst, indem du deinem Kinde die Religion entziehest, dein Unglück und das seinige heraufbeschwörst. Oder willst du dich mit der Klage trösten: meine Kinder sind nicht gerathcn! Glaube nicht, daß die Kinder deines Nachbars, welche die Freude ihrer Eltern sind, nur eben zufällig gcrathen sind — sie sind gut erzogen! Ich will nicht so hart sein, zu behaupten, jedes mißrathene Kind müsse durchaus durch die Schuld der Eltern, durch ihre Sorglosigkeit oder ihre falsche und falsch leitende Liebe dorthin gelangt sein, wo es ist. Ich weiß recht wohl, daß, wo Gott das Hans nicht baut, der Meister sich umsonst müht; daß, wo nicht Engel das Kind schützen, cs leicht strauchelt und fällt. Aber verhält es sich hier etwa anders als mit der Sorge »m leibliche Gesundheit. Was vermag der Arzt? wirst du ihn darnni nicht hcrbeiholen, wenn dein Kind im Fieber glüht? Viel sicherer aber als der Arzt die Gesundheit überwachen kann, bildet religiöse Erziehung ein Kind z»m sittlichen Menschen. Ich will auch nicht die Eitelkeit der Eltern nähren, als ob lediglich durch ihre gute Erzichung ihr Kind so sittlich geworden wäre, wie es ist. Vieles wirkt mit, was des Menschen Charakter gestaltet, was nicht in der Eltern Macht liegt. Nur die Thatsache betone ich, und sic wolle man nicht leugnen, daß die Erziehung der Einwirkung Gottes und der Engel den Boden bereiten müsse — durch Religion. Religions-Unterricht thnt nicht alles; aber wenn du wohl überlegst, wie du dein Kind zweckmäßig erziehst, so wirst du bald finden, daß durch guten Religions-Unterricht deine Erziehung die eigentliche Grundlage finden müsse. Was leistet deine Erziehung, wenn sie gut ist? Sie hält das Kind von Ungezogenheiten fern: das ist blos negativ. Durch ein wohlgercgclteS Familienleben (cs ist leider nicht so häufig, nicht gerade überall voransznsctzeii; doch ich wünsche, ich setze voraus, du habest cs!) wird dem Kinde auch positives Beispiel geboten, und es wird selbst in dieses sittliche Leben hinein, in ihm, durch dasselbe erzogen — aber doch nur durch stillschweigende Gcwöhunng. Dieser letzteren auch Sprache verleihen — wäre das nicht vorthcilhaft? die Sittlichkeit, den Charakter stärkend? Dieses Wort abcrspricht der Religionsunterricht. Selbst wenn dn es sprechen könntest, dürftest dn es kaum. Der Lehrer kann das Kind darauf Hinweisen, wie cS geliebt werde, und was es den Eltern schulde; die Eltern föimcn das weniger. Oder meinst d», man brauche dem Kinde nicht zu sagen, daß es geliebt werde? das müsse cs nnsehlbar von selbst merken? Dn irrst! Das Kind ist freilich empfänglich für Liebesbewcise, d. h. cs fühlt sich darin glücklich und froh; daß ihm aber daraus eine ethische Verbindlichkeit erwachse, das kann sich das Kind nur dann selber sagen, wenn ihm sonst die volle Anregung zur Sittlichkeit und zu ethischem Nachdenken gegeben ist, was fast nur in gutem Religions-Unterricht geschehen kann. Du liebst dein Kind? Du liebst cs sehr? Fürchtest du nicht, daß gerade diese deine Liebe dich hindert, deine Schuldigkeit gegen das Kind zn thun? Denn zu dieser Schuldigbit gehört auch Strenge. Fürchtest dn nicht, daß deine Liebe, die dem Kinde alles Erlaubte gewähren, verschaffen inöchte, Dein Kind verderben könne? zum Genüßling machen könne? Und wie weit hat denn ein Mensch von da zu jeder Verworfenheit? Bibel-Kcnntniß! wohl gar im Original! Das scheint dir eine Forderung, von der dn nicht weißt, ob du sie mehr übertrieben oder mehr seltsam finden sollst. Diese Wundergeschichten — wozu? Schon das Heranwachsende Kind glaubt sie nicht! — Das, ich gestehe cs, mag sein. Aber das Kind leugnet sie auch nicht! Das Kind hat ein Gefühl für die ästhetische Wahrheit und für die sittliche Wahrheit der ihm erzählten Geschichten. Es liebt die biblischen Erzählungen und wagt sich nicht zu gestehen, daß denselben zn der inneren Wahrheit vielleicht die Wirklichkeit fehle. Mit welcher Speise möchtest dn denn dein Kind großzichen? mit Grimms Kindcr-Märchcn? mit den moralischen Geschichten des Lesebuches? Das Kind erkennt nur mit seiner Phantasie. Wäre die Bibel nicht, wir müßte» sie erfinden: denn hier wird Gott und Sittlichkeit für die Phantasie-Erkeuutniß gelehrt. Die Geschichte von der ersten Versündigung der Menschen durch den Genuß einer Frucht — nenne sic einen Mythos, nenne sic ein Märchen; aber was Sünde ist, haben tiefe Denker an ihr erforscht, und jedes Kind versteht sie. Ist das nicht ein Wunder von Jugendschrift? Aber lasset eure Kinder, das rathe ich dringend, solche Geschichten hebräisch, im Original, lesen; es klingt doch im Original ganz anders und wirkt auch ganz anders. Du brauchst es dem Kinde nicht zn sagen, daß Gott hebräisch gesprochen habe, und Dn brauchst ihm diesen Glauben nicht zn nehmen, er entsteht »nd verfällt von selbst. Was aber bleibt, ist die gewaltige Wirkung der Schilderung der Sünde ans das Gemüth. Gewiß wird er in jeder beliebigen Sprache in das Kiuderherz dringen, der Ruf GotteS: wo bist dn? Aber wie klingt das? oder wie klingt es in irgend einer lebenden oder tobten Sprache? ajekka im Original! Mechanisch für das Ohr ist dies wie jenes freilich nur Schall. Die hebräische Sprache aber ist die heilige Sprache; sie ist es darum, weil wir nur in ihr eine heilige Litteratur und in ihr nur die heilige Litteratur besitzen; sie ist die Sprache Gottes, weil wir in ihr Gottes Wort haben, weil sie die Sprache der Religion ist. „Wo bist du?" so ruft.ein Junge dem andern, im Hanse oder sonstwo — ajekka bedeutet freilich nur dasselbe; aber so ruft nur die Religion. Darum dringt dieses Wort mit ganz anders erschütternder Kraft in de» Knaben ein und bleibt darin als Warnungsrnf für das ganze Leben. Der Klang ist freilich pur Klang, und auch für den trockenen Verstand ist