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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-21 · Heft 10 (21.3.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 10 (21.3.1890)
Date
1890-03-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudmthums. Ein »»suiitciisches Organ siir alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährlich 3 M., direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband 3.50 M. Begründet von Ralibiner M-Ludwig Philipps»» in Kan». Expedition: Gertin, Lernsalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- „Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemerstr. 48/49" zu richten 54. Jahrgang. Berlin, den 2\. Akcirz 1890. Ur. 10. Inhalt: Leitartikel: An die Eltern. Von Prof. Tr. H. Steinthal. — Ein Erziehungshaus in Pankow bei Berlin. Bon Justizrath Makower. — Litterarifche Mittheilungen. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Seesen. Breslau, Schlesien, Oldenburg, Bonn, Freiburg i. B., Straßburg i. E. Tarmstadt. Leipzig. Wien. Budapest. Paris, Reims, Jerusalein. — Feuilleton: Jude und Dichter. Von Max Ring. — Schimmel Knofeles. Bon L. v. Sacher-Pta so ch. — An Carmen Splva. Bon A. Fried mann. — Vermischtes. %n die Eltern. Bon Prof. Dr. H. Steinthal. Das Rind kennt innen Besitzer, Und der Esel die Grippe seines Herrn; Israel erkennet nicht. Mein Bolk merkt nicht auf. (Jes. l, 3.) Biit diesem Vorwurf eröffnet der Prophet Jesaja seine Reden; und Aiose in seiner Mahnrede legt uns früher die Gotteserkenniniß an's Herz M. 4, 39), als er Liebe zu Gott fordert («:, 4). Wie könnte man auch lieben, was man nicht kennt! Aber wie könnte man auch Gott erkennen und ihn dann doch nicht lieben! Und nun, meine Brüder, was thnt ihr, um zur GotteZerk. nutniff zu gelangen? Was thnt ihr, um sie euren Kindern cinznschärsen? Biele Dauben, man müsse, um glücklich z» leben, Gott vergessen, und müsse den Kindern, um sie gut zu erziehen, den Gottesgrdankcu fern halten; hen Kindern keine Religion geben, sei Aufgabe des Erziehers. Andere meinen dies wohl nicht so entschieden, halten aber den Religionsunterricht für unwichtig, und da das Kind so schon mit vielen Lehrstunden belastet ist, so soll es nicht mit Entbehrlichem »och geplagt werden. Du tauschest dich über das Wesen der Religion und über die Wichtigkeit des Unterrichts in ihr. Dürfte ich voranssetzcn, daß du die Philosophie schätzest und cs für ein Bedürfnis) hältst, das) der Knabe einen die Philosophie vorbereitenden Unterricht erhalte oder gar etwas die Philosophie so gut tvie möglich Ersetzendes ans der Schule empfange, so würde ich dir sagen: wisse, daß es keine bessere Vorbereitung für die Philosophie giebt, als den Religions-Unterricht, und keinen anderen Ersatz für Philosophie, Lebensweisheit, als dieRcligio». Du klagst über die Zersplitterung der Kraft deines Kindes, über die Zerstreuung seines Interesses; das Kind lernt, so meinst d», zu vielerlei: da müsse wohl sein Geist ein zerfahrcncs Wesen annehmen. In der That, so ist es. Es lernt wenigstens zwei fremde Sprachen, wenn nicht vier, zur Muttersprache hinzu; eS lernt eine Masse von botanischen und zoologischen, physikalischen und chemischen Thatsachcn, welche neben fremden Vokabeln sein Gedächtnis; noch in besonderer Weise belaste»; cs lernt Geographie und Geschichte und gewinnt dadurch abermals eine Last von Namen und Zahlen. Wie, frage ich, wann und wo soll denn der Knabe lernen, Mensch sein? in sich gehen, sich sammeln, beherrschende und durchdringende Ideen gewinnen? Wo gewinnt er den Hinweis ans etwas, was über den Stoff und die Thatsache hinaus in ein ideales Reich erhebt? Wo soll er denn denken lernen? Einen Begriff vom Unmeßbare» und Unwägbaren, vom Unendlichen fassen? Wie soll sich in seinem Bewußtsein die Einheit bilden? Wie soll sich darin ein würdiger »nd unverlierbarer Kern entwickeln? Ein System sittlicher Grundsätze? Oder bedarf der Mensch mir der Lebensklngheit, und ist Lebensweisheit nur Einbildung und gutmüthigc Thorheit? Der Knabe wird vor Allem zur praktischen Maschine erzogen; dafür freilich, daß er eine genießende, nach Genuß strebende Maschine werde, braucht dann nicht weiter gesorgt zu werden; aber soll er sich denn nicht zu einer sittlichen Persönlichkeit gestalten? Oder ist diese Gestaltung so selbstverständlich, so sicher im Kinde angelegt, daß für sie vom Erzieher nicht gearbeitet zu werden brauchte? Neberschleicht dich, den Vater, die Mutter, niemals das Baugen, ob das Kind wohl einst seine Eltern lieben wird, ob es bestrebt sein wird, den Eltern Freude zu machen? Fürchtest du nie, daß cs egoistisch sein werde? nie, daß es durch sein nubesonuenes Wesen zu Thorheiten und oon da zu verwerflichen Handlungen kommen und dir so Verdruß, io

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