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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-14 · Heft 9 (14.3.1890) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 9 (14.3.1890)
Date
1890-03-14
Page
Seite 139 (sequence 11)
Language
German
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139 griechisch-philosophisches Denken das Jndeuthum verflüchtigt und später vollständig zurückgedrängt hatte —- ihm, der Jesus nie gesehen hatte, verwandelte sich dessen Gestalt [in einen metaphysischen Typus und bald war ihm der 'Messias der Jndenchristen kein Mensch mehr, der gelebt und gelehrt hat, sondern eilt göttliches Wesen, das für die Menschen Wahrheit, Weisheit und Erlösung ist, ein Wesen, das unter dem Later steht?) In Caesarea allein fühlte sich Paulus wohl, dort wo griechische Sprache und griechischer Geist eine Heimstätte gefunden; vor Jerusalem aber bangte es ihm, mit dessen Geiste er sich im Zwiespalt wußte. Und seine Ahnung täuschte ihn nicht! In Jerusalem herrschte Erbitterung gegert den falschen Prophetett von Caesarea, gegen beit Bileam, der ein falscher Jude und falscher Apostel, ein Ungläubiger und ein Feind des Gesetzes.-') Und der Zwiespalt brach in ganzer Stärke arts, als in einer Versammlung zu Jerusalem die Beschneidungsfrage und gewesen sei — mindestens muß letzteres angezweifelt werden, da bekanntlich Herodes, um jeden Erweis für seine fremde Abstammung, die er leugnete, unmöglich zu machen, die genealogischen Tabellen verbrennen ließ, Africanns bei Ensebius, KG. I., 7, 5; Pes. 02 b; Sachs, Beiträge, Heft 2 S. 157. Tie erwähnte Angabe entstammt einer späteren Annahme und ist ebenso eine Nachbildung ans der alttestamentlichen Geschichte, wie die Abstammung Jesus .aus Tavid'schem -Cause und seine Geburt in Bethlehem. Das Geschlecht Benjamin's, namentlich Saul's Anhängerschaft verfolgte David, wurde aber später seines Hauses treueste Stütze, so ist Saulus-Paulus ursprünglich der eifrigste Verfolger der Gemeinde Jesu, zuletzt aber ihr treuester Anhänger. Ter Gegensatz zwischen Petrus und Paulus wird deutlicher, wenn man den Grundstock der Apostelgeschichte, die ursprünglich nur die Geschichte der Jndenchristengemeinde zu Jerusalem zu geben beabsichtigte, von dem, was spätere Harmonistik lnnzugcsügt hat, loslöst. Jacobns mißbilligt das Znsammenessen mit gläubigen, aber nnbeschnittenen Heiden, Gal. 2, 12, UH Petrus weiß nichts voit einer Verkündigung des Evangeliums an die Heiden, Apg. 10, 42; Israel allein ist das von Gott berufene Volk, Apg. 2, 39 a; 0, 11); 3, 27), 2G; 7, 31; 10, 42, — die Predigt an die Heiden hat nur in dem besonderen göttlichen Befehle ihre Rechtseckianng. Die Verhandlungen des Eoncils zu Jerusalem über die Beschneidung und die Heiden setzt bereits eine erfolgreiche Thätigkeit unter diesen voraus, gehört demnach, wie auch die Geschichte von der Bekehrung des Eornelins durch Petrus, einer späteren Zeit an. Tie Thatsache, daß bis zum Untergänge der blos aus Inden bestehenden Urgemeinde zu Jerusalem durch den Bar-Kochbakrieg nur Beschnittene daselbst als Bischöfe geduldet ivurden — (Euseb. KG. IV., 5), bestätigt aufs Uuwiderleglichste den Gegensatz zwischen Petrus und Paulus, zwischen Jerusalem und Eaesarea. ]) 1 Kor. 1, 9; 10, IG; 11, 23. Natürlich muß die Entwickelung dieses Gedankenkreises als eine allmälige gedacht werden. 2) Apg. 17), 20; 21, 21, 28; 18, 13; 11, 3, 2 Petr. 2, 13; 1 Kor. 8, lf; 2 stör. 6, IG; Apok. 2, 2, 29, 20; 3, 9; 2, 2, G, 11—173; Inst. Tial. c. Tryph. 35. das Verhalten gegen Heiden, die sich Israel anschließen wollte — und zu Israel zählte sich noch die Mnttergemeinde in Jerusalem — veutilirt wurde. Die pharisäischen'Jndenchristen wiesen bei dieser Gelegenheit mit Nachdruck daraus hin, daß das Gesetz keinesfalls abgeschafft und die Verpflichtung der Juden und derer, die sich ihnen anzuschließen beabsichtigten, dieselbe geblieben sei; Paulus aber, von dem Streben erfüllt, den Heiden, die sich der Gemeinde anschließen wollten, diese Last abzunehmen, zeigte sich schwankend. Der Unwille wuchs in Folge dessen gegen ihn und er hätte wahrscheinlich Jerusalem nicht lebendig verlassen, wenn ihn nicht der Prokurator Lysias mit sich nach Caesarea genommen hätte.') Dort lebte er zwei Jahre lang in Banden wohl,") dennoch aber im Besitze voller Freiheit im Umgänge mit seinen Schülern, deren Zahl kaum je größer war, als hier. Von hier ans zogen seine Sendboten nach allen Richtungen — Bileam's Wort vom Sterne Jakobs wanderte vonJKüste zn Küste. Im Jahre 39 ward Lysias, parteiischen Eingreifens beschuldigt, abbernfen und um 60 kam Porcins Festns als sein Nachfolger nach Caesarea. Er nahm noch einmal den Prozeß auf. Aus Furcht vor Jerusalem besann sich jetzt Paulus eines Besseren; er berief sich auf sein römisches Bürgerrecht, das ihm das Recht verlieh, die Ueberweisung seines Prozesses nach Rom zu verlangen. Er sollte nach Rom gesandt werden. Zuvor aber arbeitete der Statthalter einen Bericht über die ganze Angelegenheit für die römischen Gerichte ans. Der Inhalt dieses Berichtes war: „Paulus ist ein Narr!"') Nach einer Darstellung sollTitns auf dieZerstörnngJernsalem's gedrungen haben, weil er die Stätte vernichtet wissen wollte, von der ans der doppelte Aberglaube — er meinte Jndenthum und Nazarenerthum — in die Welt gesetzt wurde. Jerusalem fiel, Titus aber hatte sich verrechnet: Der Jude hatte wohl sein Vaterland verloren, das Jndenthum aber erstand in neuer Kraft nur die Tafeln, die das Gesetz trugen, waren zerbrochen, der Geist aber, den das Gesetz in sich barg, flog befreit durch alle Lande. Noch mehr aber hat das Christenthum durch den Fall der heiligen Stadt gewonnen — die Zerstörung Jerusalems hat den Sieg des Christenthnms über Rom entschieden. Mit Paulus zog der Rächer des Jndeuthnms in Rom ein — der abgefallene Sohn hat die Mutter, die er verlengnete, unbewußt gerächt. Ob Petrus, in dessen Namen, weil dem berechtigteren, die römischen Bischöfe, die das Gewand des römisch-heidnischen Oberpriesters anlegten, herrschten und herrschen — ob Petrus jemals nach Rom gekommen war, ist i) Apg. 23. i 2) Apg. 21, 33; vgl. Ephes. 3, 1; 4, 1; 0, 20; Kol. 1, 24;;4, 3, 10; Phitettt. 1, 1, 9, 10, 13; Philipp. 1, 7, 12, 13, 20. Es bleibt schwer zu ermitteln, ob alle Schriften in dieser Zeit eutstaudeu oder theilwcise später in Nom. In die Zeit der Gefangenschaft in Caesarea (58—60) fällt wahrscheinlich die Volleuduug des Evaugelium Lucas. 8) Apg. 25, 10, 12 und 20, 24.

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