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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-14 · Heft 9 (14.3.1890) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 9 (14.3.1890)
Date
1890-03-14
Page
Seite 138 (sequence 10)
Language
German
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Jerusalem und Caesarea. Uortrag, flcljnltcu im akademischen Verein für jüdische Geschichte und Littcratnr zn Berlin van De. Adolf Roscnzwcia. lSchluß.)! Die heidnische Bevölkerung von Caesarea wußte sich bald in der Mehrheit und wagte es in ihrem Ileberninthe, den Inden das Recht der Gleichheit streitig zu mache». Diese aber, an Tüchtigkeit und Tapferkeit den Heiden nicht nachstehend,, an Gewcrbflciß und Wvhlthätigkeit sic überragend, ließen sich nicht leichthin ihrer Rechte berauben und griffen zn den Waffen, sobald Tücke und Ileberinnth sie ihnen in die Hand drückten. Und an Tücke und Ueberninth fehlte cs nicht! Bald wollte man ihnen den Zugang zn einer Synagoge verbauen'), bald reizte man sie durch Schimpf und Spott; kein Tag verT ging, an dem nicht Blnt in den Straßen von Caesarea floßJ die Proknrntoren aber ließen Alles geschehen, sobald sie nuri bei ihren Gelagen nicht gestört wurden und die Streitenden, und Kämpfende» cS nicht an Bestechung fehlen ließen. In ihrer Bedrängniß sandten die Inden eine Deputation! nach Rom. Rero's Entscheidung fiel zn ihren Ungnnsten ans.; In ihrer eigenen Stadt hatten sie ihr Bürgerrecht verloren.! Diese Ungerechtigkeit verbitterte die Gekränkten und trieb sic | zum Aufstande. In Jernsaleni, der Pulsader deö Volksj lebcns, begann er zuerst. Der Statthalter Florus lebte in-; dessen den Freuden in Caesarea; ja, anstatt zn beruhigen,^ schürte er nur noch das Feuer. Als aber die Nachricht zu j ihm drang, die Inden hätten die römischen Kohorten angegriffen, da ließ er seine ranblnstigcn Schaaren über die jüdische Bevölkerung Cacsarea's herfallen. An 20,000 Inden wurden; »iedergemetzclt. Die Flüchtigen wurden verfolgt und als Galeerensklaven verkauft. In Caesarea war kein einziger Jude mehr zn fiiibeii. — Allmälig hatte sich der Aufstand über das ganze Land verbreitet. Vespasiau, der tüchtigste und 6e« | währteste Feldherr seiner Zeit, wurde mit der Niederwerfung! der verachteten, aber gefürchteten Inden betraut. Ju Caesarea \ wartete er die Vervollständigung seiner Truppen ab. Ihm j dankt die Stadt die Juunnnität einer römischen Kolonie-) —; Caesarea jubelte, Jerusalem zitterte. Während der Vorbereitungen znm Feldzuge gegen Jerusalem i drang die Kunde von dem Tode Nero's in das römische Lager. Vespasiau ward von dem Heere znm Kaiser ansgerufen. Eri ging nach Rom. An seiner Statt sah Caesarea im Jahre 70 Titus; in seinen Mauern.") Von hier ans bereitete auch er seinen Ansturm gegen Jerusalem vor. Dort hatte sich eine ungeheure , ') Tie Erinnerung an dieses Ereigniß, daß denAnstoß zmnAnfstand ■ unter Nero gegeben, soll sich nach Grätz,Gcsch IV.S.312 in dem Namen ' pcpn XJTHtn XiTvT’ir» Ncvolntionssynagogc, in der Abahu später lehrte, erhalten haben, vgl. Jcr. Ras. 56 a; Bikk. 65 <1; Sony, 18 a; Ber. 6 a, Echa r. s. v. ^'-1. Richtiger ist wohl die Ta 'cp“7 SiTnst’": mit der Bedentnng, Synagoge am Abhänge. 7) Oolouia prima Elavia, l?lii>. V., 14; Reland, a. a. O. ch Lcspasian- und TitnSiuschriften s. St. ti. Krit. 1875, S. 71. 138 Menschenmenge angesammelt; sie waren gekommen, uni bei Anbruch des Lenzes das Fest der Freiheit nach altgewohnter Vätersitte zu feiern, in Wahrheit, um ihr Todtcnfest zn begehen. Pest, Hungersnoth, namenloses Elend, das durch Partcileideuschaft nur noch verstärkt wurde, herrschte in den von Roms Legionen umschlossenen Mauern.') Die hungernden Inden kämpften mit Löwenmnth. Allein vergebens! Jernsaleni wurde zertreten, Caesarea aber jubelte. Dorthin zog sich TitilS zurück, um Siegesfeste zn feiern, dahin wurden die Helden der Inden, in Sklavenketten gefesselt, gebracht und den wilden Thiercn in der Renubahii preisgcgeben. Mit den Hyänen der Wüste brüllte» die Bewohner Caesarca'S um die Wette, wenn jüdisches Blnt floß. Das waren Noin's und Cacsarea's Feste niid Frendcn! Aber Caesarea war iiicht blos der Vorort Roms in Palästina, sondern auch der Aiisgangspniikt des ChristenthnniS. In Galiläa hatte die neue Religion ihre ersten Anhänger gefunden, und von Caesarea ans trat die ivachsendc Kirche mit den llferläuderu in Berbindniig. Um 38 cvaiigclisirte der Diakon Philippus die Küste von Caesarea. Dort ließ er sich nieder und gründete eine Gemeinde.-) Dort soll Petrus den Centnriouen Cornclins getroffen haben, einen fronnneii Heiden, den innerer Drang znm Judenthiim trieb, nach dessen Satzimgeu er auch lebte"); dort soll sich Agapns als Prophet des neuen Glaubens bewährt haben'); dort weilte oft und gern PanlnSi dort entfaltete er vielleicht seine erfolgreichste Thätigkeit.) Aber auch in jenen Elcmcntcn, ans denen das Ilrchristeuthlim sich zusammensctzte, wurzelte tief das Bewußtsein voii dem Gegensätze zwischen Jerusalem und Caesarea und dieser Gegensatz blieb nicht ohne Folgeii ans die Eiitwicklnng der entstehenden neuen Lehre. — Die Stamingenieindc in Jerusalem war jndenchristlich, d. h. sic verharrte im Ganzen ans dem Bode» des pharisäische» Jndenthnms und sah in Jesus ihren Messias. Die Häupter dieser Gemeinde waren Petrus und JaeobiiS, der Bruder Jesu, ein strenger, asketischer Jude, „einer der strengsten Beobachter des Gesetzes"'). Die Gemeinde aber in Caesarea war heidcnchristlich, sie sammelte sich um Paulus, der nie mit Jesus in Berührnng gekommen war und sich eigener Offenbarungen rühmte;') er war ei» griechischer Jude, in dem 0 Jos. bell. 6, 9, ■-') Apg- 8, K); 21, 8, 9, 11. •) Apg. 16, 1, -23, 24; 11, 11. ') Apg. 2. ••■) Apg. 18, 21, 22; 21, 7, 8. 6) Gal. I, 18, 19; 2, 9; Clciu. Rom. Epist. I. ack Cor. 5; vgl. Euseb. KG. II., 23, 10. In Jerusalem beslaudeu Gemeinden der Libertiner, Kyrenäcr, Alexandriner, Kilikicr und Asiaien, Apg. », 9, unter eigenen Vorstehern. Unter einen solchen wird auch die llrchristcngemeiiide zu Jernsaleiii gestanden sein. Ter Archisynagogus ist ivohl mit der späteren christlichcn Bezeichnung Episcopns identisch, vgl. St. n. Kr. 1833 S.7«!9; 1868 2. 485; 1870 S.742; 1871 S. 377, iveiingleich Jener blos die materiellen Angelegenheiten zu verivalten hatte. 7) Apg. 26, 16. Verdächtig ist die Angabe Phil. 3, 5, das, Paulus, früher Sanlns, ein Jude ans dem Stamine Benjamin

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