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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-14 · Heft 9 (14.3.1890) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 9 (14.3.1890)
Date
1890-03-14
Page
Seite 137 (sequence 9)
Language
German
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137 ■liiö das veranlaßte den Inden zu der Bemerkung: „Es ist merkwürdig, wie die altjüdische nub altchristliche Litteratnr in Lachen des Weines übereillstinnnen". „Das ist's", rief Delitzsch begeistert ans, „worauf ich hinanswollte: Altes und Neues Testament sind ein Strom wie der deutsche Mittelrhein wn Bingen bis Coblenz nub von Eoblenz bis Bonn, ein Strom, worin die Berge und die Weingelände und die Sterne and die Sonne sich spiegeln!" So war Delitzsch, der Missionär. Lag nun aber in dieser Thätigkeit, so zart und voriiehtig er sie auch ansübte, doch im letzten Grunde etwas, was Je zu Bekehrenden verletzen konnte, so hat Delitzsch dilrch sein nnthiges und entschiedenes Eintreten für die Sache der ^nden in den Tagen der keimenden Antisemiteuvewegung sie sicher Alle versöhnt und für sich gewonnen. Er hatte es ja nicht nöthig, für die Inden einzutreten. Unsere Sache war damals nicht gerade populär. Seine konservativen :iub orthodoxen Freunde haben es ihm sogar sehr übel genommen. Er aber fühlte den tiefen Wahrheitsdrang in sich, offen vinauszntreten und für die Silben in zahllosen Streitschriften gegen August Rohling Zengnisz abznlegen. Die Inden sind dankbar; sie vergessen nie, wer -ich ihrer ehrlich angenommen, und sie werden auch Franz Delitzsch immerdar ein treues Andenken bewahren. Er war ocr Einzige ans dem Kreise der christlichen Theologen, der n'ir den vielverlästerten Talmud und für die Ethik des Jndenihums mit großer Entschiedenheit eingetreten ist; er war auch der Einzige, der es konnte, weil er der Einzige war, der dieses Schriftthum wirklich verstanden hat. Und wie rührend ist es Nl hören, von ihm selbst unb von Andern, mit welchem Eifer er diesem schwierigen Studium sich ergeben hat. Seinen ersten Lehrer im Talmndischen, den verstorbenen Julius Fürst, reierte er als den Begründer einer neuen hebräischen Zukunftsvoesie. Und zu einem alten polnischen Talmndisten kam er einst in der Mitternachtsstnnde, um diesen zu bitten, er möchte ihm doch eine schwierige Tossafot-Stelle euträthseln. Nein, nicht der Eifer und nicht der Wissensdrang, die Liebe allein ist es, der solches Thun und Schaffen entspringt. Als der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" Delitzsch zu seinem siebzigsten Geburtstage (1883), also gerade während der Hoclfflnth des Antisemitismus, in einer sehr geschickt seine volle Bedeutung zusammenfassenden Adresse als den gelehrten jünger Hillels, der dessen Anssprüche stets beherzigt habe, als den guten menschenfreundlichen Mann, den pflichttreuen Förderer alles Edlen, den fleißigen Forscher nach Wahrheit feierte, antwortete Franz Delitzsch in folgendem Schreibell: „Hochgeehrte Herren! Leipzig, am 2. März 1883. Im Namen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes haben Sie mich an meinem 70. Geburtstage durch eine Adresse geehrt,! welche in hohen Worten, lvie die Liebe sie inspirirt, mein Lob j verkündet und alles Gute auf mich herablvttnscht. Die Adresse! redet ohne konkretere Beziehung vom rein humanen Standpunkt! ans zu mir als Menschen und Gelehrten. Aber die Verwendung! eines Wortes des alten Hillel deutet hin auf das eigentliche > Motiv Ihrer Ehrenbezeigung — ich habe das Volk, welches ich als Christ liebe, gegen Rassenhaß und Tendenzlüge vcrtheidigt. 3dj habe es gethan und, wenn Gott der HErr Ihren Wunsch erfüllt, werde ich es thnn und sortfahren zu zeugen gegen antis mitische Verknüpfung der Lieblosigkeit mit der Unwahrhafligkeit. Ich verbleibe mit herzlichem Dank für die beschämende Ueberraschnng Ihr verehrungsvoll ergebener Prof. Franz D e l itzsch." Das Schreiben ist in jeder Beziehung charakteristisch für Franz Delitzsch. Es zeugt voll seiner Wahrheit und seiner Liebe. In sein kleines Gesangbüchlein: „Friede über Israel" hat er, sich anlehnend an ein Wort des Propheten Sacharja, folgendes Gedicht hineingeschriebeu: Ich schwinge mich ans öde Hügel — Schon seh' ich Blumen drauf erblülm. Im Geist seh' ich die goldnen Flügel Der neuen Morgenröthe glühn. Wer sind, die wie gescheuchte Tauben, Die Hand deS Herrn zerstreuet hat? Willkommen, Israel, in Lauben, Die Jakobs Gott gepflanzet hat! So loar Frallz Delitzsch, so heiß nub innig, so keil sch unb rein war seine Liebe zu Israel! Es wäre die tiefste Verkennung gewesen, diese Liebe znrückznweisen. Jede Liebe verlangt ja nach deill Besitz des Geliebten. Und wenil Israel ihm diese Gnllst allerdings entschieden verweigern mußte, seine Liebe crwiedern durfte es aber doch auch alls dem Boden seines Glaubens unb in der Treue zu seinem angestammten Bekenutniß. Jll nilseres Vaters Hause sind ja viele Wohnnngen; wenn wir nur friedlich und verträglich siild, haben wir Alle Raum darin. Das hat Franz Delitzsch erkannt, llild aus dieser Quelle floß ihm Liebe unb Begeisterung für Israel und sein altes Schriftthum. Und nun ist er dahingegangen, um in des Vaters Hanse anszurnhll voll mühevollem Erdenwalleu. Wir aber, die wir in ihm einen treuen Freund unb einen eifrigen Fürsprecher verloren haben, wir klagen mut heute mit jenem alten Rabbi im Talmud: Ach, die Flamme hat die Eeder ergriffen, Wie wird sich der Awp retten können? Acb, mit dem Haken ist der Leviathan gefangen, Weh euch, ihr armen Fische des Sumpfes. Ach, der mächtige Strom ist vertrocknet, Weh elich, ihr kleinen Wässerlein! Unvergessen wird Franz Delitzsch wie in der Geschichte der Wissenschaft, so auch in der Geschichte der Juden und ihrer Litteratnr bleiben. Stets wird man dort seiner in Trelte gedenken, wie er mit Liebe, mit Eifer und Begeisterung geschaffen und gepredigt, gelehrt und gekämpft hat, und wie er uns voraufgegangen ist im Zweifeln, im Glauben, im Hoffen unb nun auch im Schauen! Ist es uns nicht, da wir nun von ihm schmerzlich bewegten Abschied nehmen, als hörten wir die Engelchöre, die seine unsterbliche Seele begrüßen: Willkommen, Freund, in Lauben, die Jakobs Gott gepflauzet hat! 9

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