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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-03-14 · Heft 9 (14.3.1890) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 9 (14.3.1890)
Date
1890-03-14
Page
Seite 136 (sequence 8)
Language
German
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ist; still und unscheinbar nach außen, aber zugleich so tief n»d machtvoll in seinen inneren Wirkungen, wie nur je eins im deutschen Vaterlandc ganz »nd voll ansgelebt worden ist. Die reifsten Früchte dieses Geisteslebens kamen natürlich seiner Wissenschaft zu Gute. Delitzsch war einer der größten Gelehrten ans dem Gebiete biblischer Exegese. Aber nicht seine große Gelehrsamkeit, noch auch sein durchdringender Scharfsinn war cs, was ihn so sehr vor vielen Schaffcnsgenosseu ausgezeichnet, als vielmehr seine eigene hohe poetische Begabung, jene tiefe Jntnition, mit der er die uralten dichterischen Zeugnisse von Jahrtausenden eher zu ergründen vermochte als Andere mit einem vielleicht nmfasscndern Wissen. Und was über Allein ist: die innige Liebe, die er jenen Zeugnissen weihte, jene reine, selbstlose Liebe, die nun in seinem Herzen erloschen, sic war es, die alle seine Arbeiten und Studien von dem ersten Versuch bis zu den letzten Ideen durchzog und ihnen ein so eigenthiimliches Gepräge, einen so festen Eharakter verliehen hat. Seine Kommentare zur Genesis, zum Psalter, znm Hohenliede, zu Jesajas und Habaknk, zu Hiob, zum Sprnchbnch und znm Prediger sind lantredcnde Zeugnisse dieser großen Gelehrsamkeit, dieser dichterischen Intuition, dieser hingebenden Liebe. Aber auch seiner inner» Wahrhaftigkeit! Denn Franz Delitzsch war — cS muß dies ausdrücklich betont werden — innerhalb seines evangelische» Bekenntnisses ein Strenggläubiger, ein Orthodoxer von der „strikten Observanz". Seine Wahrhaftigkeit war aber noch größer als seine Gläubigkeit. Wo diese mit jener in Konflikt gcrieth — und das ist ja bei dem modernen Theologen nicht selten — da siegte immer und überall die Wahrheit. Das Opfer des Intellekts hat Franz Delitzsch nie gebracht, höchstens das Opfer des Glaubens. Wchmiithig ging er hin, seine Ideale zu begraben; dann aber bekannte er offen und unerschrocken, was seine bessere Erkenntniß ihm zu sagen gebot. Er war der Erste, der, wenn auch mit innerem Widerstreben, die revolutionären bibelkritischeu Ideen Wellhansens, soweit sie ihm annehmbar »nd zuverlässig erschienen, anerkannte. Und was das gerade für ihn zn bedeuten hatte, das läßt sich dem nneingeweihten Leser kaum auseinandersctzen. Das zweite Wissensgebiet, das Delitzsch in sonvcräncr Herrschaft umfaßte, war das der jüdischen Littcratnr. Hier hatte er keinen Rivalen unter seinen christlichen Zeitgenossen. Er war der einzige deutsche Professor, der den Talmud wirklich verstanden hat. Und was die jüdische Littcratnrgeschichte in den letzten fünfzig Jahren geworden, das verdankt sie nicht 31111t Geringsten seiner Arbeit. Sein Erstlingswerk war ihr gewidmet, und wenn man bedenkt, was cs hieß, im Jahre 1836 eine „Geschichte der jüdischen Poesie" zn schreiben, dann wird man erst das Verdienst Delitzsch'ö vollauf würdigen können. Und mit welcher Begeisterung, mit welchen großen Vorsätzen ging er au sein Werk. „Der Geschichtsschreiber der jüdischen Poesie" — so sagte er in der Einleitung — „muß den Erdkreis durchwandern, um in den entlegensten Ghctio's nach den abgcwelkten und blühende»! Litteratnrcn dieser verborgene» Weltgeschichte zn forschen, und! eine solche Reise geht langsam, namentlich wenn sie zwischen! vier Wänden gemacht wird. In der jüdischen Poesie ist eine; orientalische Pflanze in alle Länder der Erde versetzt worden. Der Orient existirt mitten im Occident; ans den Thräncn seines Heiniwch's quillt die jüdische Poesie". Und von demselben Geiste waren auch alle seine anderen Arbeiten auf diesem Gebiete durchweht. - Der dritte Kreis, den Franz Delitzsch beherrschte, war der der asketischen und apologetischen Littcratnr. Was er hierin geschaffen, gehört nur zum geringsten Theil in den Bereich unserer Darstellung. Aber nur so viel sei gesagt: Delitzsch war Judenmissionär, und zwar ans Ueberzeugnng und mit Begeisterung bis an sein Lebensende. Er war also, im Grunde genommen, unser Gegner. Aber cs wäre thöricht, j dies behaupten zn wollen. Im Gegenthcil: er hat Israel geliebt, und weil er cs liebte, und weil er selbst ein so begeisterter Christ war, wollte er, daß auch Israel mit ihm Zeinen Glauben bekenne. Wenn cs nicht gar zn weltlich! klänge, möchte ich sagen: er liebte die Mutter, aber die Tochter j noch mehr. Und er wollte, daß wir Alle seine Liebe theilen, i so rein war diese und so innig! Es war vielleicht ein ver-! hängnißvoller Jrrthnm, von dem Franz Delitzsch ansging;! aber wir müssen ihn nicht nach den Aenßernngen desselben, sondern nach den inneren Motiven benrtheilen. Er selbst erzählte, daß er als Student von einem Freunde für diese Idee j gewonnen worden sei, das jüdische Volk, ans dem sein Heiland j entsprossen, zn lieben und seine Bekehrung zn erflehen. Man j mag darüber denken, wie man will, aber dieses Eine steht fest: Delitzsch war kein gewöhnlicher Missionär. Die volle Liebenswürdigkeit des ManncS, jene Liebenswürdigkeit, die eigentlich gar nicht zn beschreiben ist, weil sie sich ans Elementen znsammcnsetzt, die nicht mit Worten wiedcrzngeben sind, kam auch in dieser Thätigkeit zum Vorschein. Er hatte nichts Zudringliches, nichts Provakatorischcs, keine salbungsvolle Prcdigtweishcit an sich. Seine Missionärwirksamkeit hatte vielmehr etwas Verschämtes, Slillbeschcideues, das in der That kaum Jemand verletzen konnte. So pflegte er seine Briefe j an jüdische Freunde mit einem rothen Siegel zn schließen,! das die hebräische Inschrift trag: „Siehe, Dein Erlöser ist! gekommen!" Ich muß sagen, daß selbst diese Zähigkeit im! Festhalten einer Idee, mag diese auch keinen wirklichen Werth! haben, etwas Rührendes an sich trug. Geschaffen hat Delitzsch ans diesem Gebiete wirklich nur wenig. Die nationalreligiöse Bewegung in Siidrnßland, die er ins Leben gerufen, erwies sich als eine große Täuschung, die er vielleicht selbst als solche noch nicht erkannt hat. Aber nichts ist charakteristischer für den Missionär Delitzsch als die Anekdote, die er selbst erzählte. Er befand sich einmal mit einem jüdischen Freunde in einer Weinlanbe nahe dem Ufer des Rheins. Das Gespräch kam ans die Bibel und den Wein und ans das Bild „vom Weinstock Davids". Das Bild findet sich in der jüdischen wie in der christlich - byzantinischen Poesie.

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